Radioastronomie : Der Antennen-Krake

Auf der Südhalbkugel soll aus Tausenden Antennen das größte Radioteleskop der Welt entstehen – fern der Zivilisation. Denn Handys oder Stromleitungen würden die Messungen stören.

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Bei dem geplanten SKA (Square Kilometre Array) sollen 3000 Teleskopschüsseln über einen ganzen Kontinent verteilt werden.Weitere Bilder anzeigen
SPDO/TDP/DRAO/Swinburne Astronomy Productions
26.01.2012 17:32Bei dem geplanten SKA (Square Kilometre Array) sollen 3000 Teleskopschüsseln über einen ganzen Kontinent verteilt werden.

Es mutet an, als habe der Filmvorführer die Rollen durcheinandergebracht. Eben noch staubt der Geländewagen über die rote Sandpiste des Outbacks, spult Kilometer herunter zwischen halb verdorrten Gewächsen, eröffnet Blicke auf Warane und Emus. Dann sind plötzlich gewaltige Parabolantennen zu sehen. Ab und an setzen sich die Zwölf-Meter-Ungetüme in Bewegung, schwenken nach rechts und links, recken sich in die Höhe.

Hier, mitten im Irgendwo Westaustraliens entsteht ein Park aus 36 dieser Antennen. Tag und Nacht sollen sie Radiosignale aus dem All empfangen, von der Sonne, fernen Neutronensternen und Quasaren. Die Forscher hoffen, dadurch mehr über die Entwicklung von Galaxien, aber auch des gesamten Universums zu erfahren. Der Clou: Indem sie die Antennen zusammenschalten, arbeiten sie wie ein einziges, riesiges Gerät, das ungleich schärfere Aufnahmen ferner Objekte liefert.

Das Prinzip der Radio-Interferometrie.
Das Prinzip der Radio-Interferometrie.Quelle: SKA/Tsp

Das „Interferometrie“ genannte Prinzip ist nicht auf drei Dutzend Antennen beschränkt, es lässt sich noch viel weiter treiben. Und genau das wollen Radioastronomen aus aller Welt machen. So soll der Antennenpark im Outback die Keimzelle eines riesigen Teleskops werden, zumindest wenn es nach dem Wunsch der Australier geht. 3000 Schüsseln sollen über den Kontinent verteilt und miteinander verbunden werden. Hinzu kommen Dipolantennen, die einen anderen Frequenzbereich abdecken – als würde das menschliche Auge um die Fähigkeit erweitert, zusätzlich im Infrarotspektrum sehen zu können. Aber auch Afrika hat sich als Standort für das Megaprojekt beworben, bei dem eine Detektorfläche von insgesamt einem Quadratkilometer geplant ist: das „Square Kilometre Array“ (SKA).

In den nächsten Wochen soll ein Fachgremium entscheiden, wo der Antennenverbund aufgebaut wird. Es wird ein Forschungsmonster, das sich über mehrere Tausend Kilometer erstreckt. Das 50-mal schärfer ins All blicken kann als das beste vorhandene Radioteleskop. Das 10 000-mal schneller arbeiten muss als gegenwärtige Anlagen, weil es sonst am selbst erzeugten Datenschwall erstickt. Das zu großen Teilen fern der Zivilisation leben muss, damit es die schwachen Signale aus dem All wahrnehmen kann, und nicht das elektromagnetische Rauschen von Handynetzen, Stromleitungen oder Flugzeugen. Das sich da draußen selbst mit Energie versorgen muss, aus Dieselgeneratoren und Solaranlagen.

„Der Kontrast zwischen Wildnis und Hightech erinnert mich an den Film Fitzcarraldo, wo ein Mann im Dschungel eine Oper bauen will und sogar ein Schiff über den Berg zieht, um seinen Traum zu verwirklichen“, sagt Brian Boyle. Er leitet die SKA-Bewerbung von Australien und Neuseeland und reist in diesen Wochen um die Welt, um für seine Vision zu werben. Ebenso wie Bernie Fanaroff, der für ein SKA wirbt, dessen Zentrum in Südafrika ist und dessen Antennen bis nach Ghana und Madagaskar reichen.

Beide Kandidaten bieten eine gesetzlich geschützte „radioleise“ Kernzone für das SKA, in der bereits ein kleiner Antennenpark entsteht. Damit können sie demonstrieren, wie gut sie Radioastronomie beherrschen und auch ihre aktuellen Forschungen vorantreiben. Denn es wird ohnehin noch rund zehn Jahre dauern, bis die ersten SKA-Komponenten arbeiten.

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