Raumfahrt : Satelliten sind in Gefahr

Weltraumschrott, Hacker und neue militärische Ambitionen im All gefährden die Raumfahrt.

Karl Urban
Unerwünschte Verkettung. Bei Zusammenstößen im Orbit entstehen zahlreiche Bruchstücke, die wiederum anderen Satelliten gefährlich werden können.
Unerwünschte Verkettung. Bei Zusammenstößen im Orbit entstehen zahlreiche Bruchstücke, die wiederum anderen Satelliten gefährlich...Foto: imago/ZUMA Press

Der Alltag ist ohne Satelliten kaum noch vorstellbar. Sie sind eine maßgebliche Stütze für Wettervorhersage, Navigation und Kommunikation, jeder Ausfall hat weitreichende Folgen. Deshalb ist Sicherheit seit jeher ein wichtiges Thema – insbesondere in diesen Tagen. „China und Russland zielen aggressiv auf unsere Satellitennetzwerke, während der Begriff von Kriegsführung ausgeweitet wird.“ Das schrieben Robert Walker und Peter Navarro, beide Politikberater für Donald Trumps Wahlkampagne, kurz vor der US-Wahl auf Spacenews.com. Die USA müssten ihre strategische Überlegenheit im All erhalten, mit einer Trump-Administration, die auf „Frieden durch Stärke“ setze. Details dieser Strategie sind noch nicht bekannt, allerdings gibt es Berichte aus dem republikanischen Umfeld die darauf hinweisen, dass militärische Weltraumprogramme stärker gefördert werden sollen. Die Risiken für die Raumfahrt sind immens.

Kernwaffentests sind geächtet, aber nicht Waffen per se

Rund 1.400 aktive Satelliten umkreisen die Erde, ein Viertel davon hat militärische Aufgaben. Dazu gehören etwa die GPS-Navigationssatelliten, die zwar von der US-Luftwaffe kontrolliert werden, aber seit zwei Jahrzehnten auch zivil genutzt werden können. Bis heute nimmt aber auch die Zahl rein militärisch genutzter Satelliten zu, die gegnerische Satelliten ausspähen oder sogar angreifen können. Die Entwicklung solcher Waffensysteme begann schon früh während des kalten Krieges. Dazu gehören Laser, um Kameras zu blenden oder Projektile, um feindliche Satelliten zu zerstören. Der internationale Weltraumvertrag ächtete 1967 zwar Kernwaffentests im All, aber keine gegen Satelliten gerichteten Waffen per se.

Allerdings waren sich USA und Sowjetunion bald einig, allzu aggressive und damit provozierende Waffentests im All zu unterlassen. „Satelliten waren ein zu wichtiges Mittel, um Raketenstarts des Gegners aufzuspüren“, sagt Brian Weeden vom US-Thinktank Secure World Foundation, der zuvor als Offizier bei der US-Luftwaffe tätig war.

2007 schoss China einen eigenen Satelliten ab

Dieses Gleichgewicht zwischen den Mächten endete spätestens mit den Experimenten der aufstrebenden Weltraummacht China. Am 11. Januar 2007 schoss die chinesische Luftwaffe eine Mittelstreckenrakete auf einen eigenen ausgedienten Wettersatelliten, der daraufhin in tausende Trümmerteile zerbrach. Das wurde international stark kritisiert, auch weil der Test in einer hohen Umlaufbahn stattfand, in der Schrottpartikel kaum verglühen und somit alle dort fliegenden Satelliten jederzeit ungewollt treffen können.

Rund ein Sechstel der auffindbaren Bruchstücke im Erdorbit stammen allein von dieser Kollision. Mit einer Ausnahme haben es die US-Streitkräfte aber bisher unterlassen, sich auf das Muskelspiel im All einzulassen: Im Januar 2008 schossen sie testweise einen eigenen ausgefallenen Satelliten ab, wenn auch auf niedriger Bahnhöhe, wo entstehende Trümmerteile schnell verglühen. „In den letzten Jahrzehnten war es die US-Politik gewesen, Trümmer erzeugende Angriffe zu vermeiden“, sagt Brian Weeden.

Eine Kettenreaktion, die sich nur schwer stoppen lässt

Für die Satellitenbetreiber sind Konflikte im All ein großes Problem. Schon heute gefährdet Weltraumschrott aktive Satelliten, der vor allem durch eine ungewollte Kollision im Jahr 2009 und den Waffentest Chinas verteilt wurde. In Höhen zwischen 800 und 1000 Kilometern kreisen so viele Trümmer, dass dort ohne Zutun in den nächsten Jahrzehnten zufällig immer wieder Kollisionen stattfinden dürften, die ihrerseits neue Bruchstücke freisetzen könnten. Es ist eine Kettenreaktion, die sich nur schwer stoppen lässt.

Auch deshalb agieren die Weltraummächte nach den offensichtlichen Waffentests nun eher im Verborgenen. Dazu gehört das bisher kaum aufgeklärte Manöver eines russischen Satelliten, der sich 2015 einem Kommunikationssatelliten der US-Firma Intelsat bis auf zehn Kilometer näherte – eine in der Umlaufbahn riskante Annäherung. Vielleicht war das Ziel, die Kommunikation der Intelsat-Nutzer abzuhorchen, deren wichtigster Kunde das US-Militär selbst ist.

Hacker könnten in die Steuerung eingreifen

Noch unauffälliger sind Hackerangriffe auf Satelliten, die von fast jedem Ort am Boden stattfinden können. Dass diese prinzipiell möglich sind, demonstrierte Ruben Santamarta von der IT-Sicherheitsfirma IOActive. Er untersuchte Satelliten-Terminals: kleine Geräte, die Nutzern weltweit Zugriff auf Satellitendienstleistungen geben. Mehrere Millionen dieser Geräte von einigen Dutzend Anbietern sind weltweit im Einsatz, etwa als Notrufgerät auf Flugzeugen und Schiffen. Santamarta fand auf ihnen etliche Schwachstellen ähnlich wie auf einem über Jahre nicht aktualisierten Heimcomputer. Dazu gehören „Hintertüren“, also kaum gesicherte Zugangsmöglichkeiten für den Entwickler oder fest gespeicherte Passwörter.

All das hat laut Santamarta potentiell fatale Folgen: „Sie hätten die Möglichkeit, bösartige Daten an den Satelliten zu schicken in einer Art und Weise, auf die der Satellit gar nicht eingerichtet ist.“ Angreifer könnten etwa in sonst gut abgeschirmte Bereiche des Bordrechners vordringen, die für die Steuerung zuständig sind. Zwar sind die meisten der mit den verwundbaren Geräten verbundenen Kommunikationssatelliten zivil, werden aber immer stärker für Auslandseinsätze westlicher Truppen genutzt und sind somit ein denkbares Angriffsziel.

Angst vor einem neuen Star Wars-Programm

Ob verdeckte oder offen aggressive Methoden gegen Satelliten in Zukunft zunehmen werden, hängt vor allem von der Weitsicht der Entscheidungsträger ab. Die Europäische Raumfahrtagentur (Esa) etwa setzt sich seit Jahren dafür ein, den Weltraumschrott im Orbit zu reduzieren. Sie schlägt vor, Satelliten am Ende ihrer Lebenszeit in einen unkritischen Orbit abzusenken, wo erzeugte Trümmer kein Problem darstellen. Die Esa will dazu schon bald einen eigenen ausgefallenen Satelliten einfangen und in die Erdatmosphäre lenken, wo alle entstehenden Bruchstücke sofort verglühen. Nur stehen die Europäer bei diesen Vorhaben alleine da. Ohne das Zutun der anderen Raumfahrtmächte wird sich die Müllmenge kaum verringern lassen.

Die Äußerungen von Trumps Raumfahrtberatern erinnern manche Beobachter dagegen schon an das Star Wars-Programm (SDI) von Ronald Reagan, das neben massiver Aufrüstung auf der Erde kurzzeitig auch die Entwicklung von Antisatellitenwaffen zum Ziel hatte. Es wäre in einer stark auf Satelliten angewiesenen Welt eine riskante Politik. Für Brian Weeden ist bisher aber nicht klar, ob Trump einen so offensiven Kurs einschlagen wird. „Es gibt allerdings Republikaner im US-Kongress, die das Star Wars-Programm gerne zurückbringen würden“, sagt er. Zwar deutete Trump im Wahlkampf auch an, sich gegenüber Russland öffnen zu wollen. Doch gleichzeitig will er Amerikas militärische Machtstellung verteidigen, deren Rückgrat viele Satelliten bilden – und die es zu schützen gilt.

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