Regionalsprachen pflegen und schützen : Plattdeutsch erholt sich

Eine aktuelle Studie zeigt, dass die Norddeutschen ihre Regionalsprache wieder stärker schätzen - und jedenfalls nicht weniger sprechen als vor zehn Jahren.

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Zwei Männer stehen auf einem Acker und unterhalten sich.
Nahsprache. Über den Gartenzaun oder auf dem Rübenacker wollen viele in Norddeutschland ihr Platt pflegen. Zwei Drittel wünschen...Foto: imago/Martin Wagner

„Över Johren is dat bargdal gahn mit dat Plattsnacken in Noorddüütschland“, schreibt Reinhard Goltz, Leiter des Instituts für niederdeutsche Sprache in Bremen. Wer das versteht, ist in guter Gesellschaft. Knapp die Hälfte der Norddeutschen (47,8 Prozent) sagt von sich, dass sie gut oder sehr gut Plattdeutsch verstehen. Neun von zehn kennen wenigstens einige Wörter.

Als gute oder sehr gute Platt-Sprecher sehen sich allerdings nur 15,7 Prozent. Das geht aus der Studie „Status und Gebrauch des Niederdeutschen 2016“ hervor, die Goltz am Dienstag in Berlin präsentiert hat.

"Aufwertung regionaler Attribute"

Das Plattdeutsche ist „im Bewusstsein der Norddeutschen durchaus präsent“, erklären die Sprachforscher um Goltz und seine Kollegen vom Mannheimer Leibniz-Institut für Deutsche Sprache. Eine große Mehrheit sehe die Regionalsprache heute positiv – auch als Folge der „Aufwertung regionaler Attribute“.

Im Auftrag der Institute wurden im Juni dieses Jahres gut 1600 Menschen ab 16 Jahren in acht Bundesländern telefonisch befragt. Dabei ging es um die Selbsteinschätzung der Norddeutschen und nicht um objektive Messungen ihrer Sprachkompetenz. Verglichen werden ihre Angaben mit früheren Bremer Umfragen von 1984 und 2007. Demnach hat sich die Gruppe der Plattversteher und -sprecher im vergangenen Jahrzehnt stabilisiert. Die Quote derjenigen, die angeben, Platt sehr gut zu verstehen, ist sogar um fünf Prozentpunkte auf aktuell 20,9 Prozent gestiegen. Mitte der 80er Jahre waren es aber noch doppelt so viele.

Niederdeutsch in acht Bundesländern - mit großen Unterschieden

Zum niederdeutschen Sprachgebiet gehören neun Bundesländer: Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Hamburg, Bremen und Niedersachsen sowie der Norden von Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Nordrhein-Westfalen und Hessen. Abgrenzen lässt sich das Gebiet durch die sogenannte Benrather Linie, die das Hochdeutsche vom Niederdeutschen trennt. In Deutschland verläuft sie oberhalb von Frankfurt (Oder), Berlin, Wittenberg, Kassel, Köln und Aachen – auf der ganzen Breite bis zur Nord- und Ostseeküste.

Sie sagen: "Ik eet den Appel"

Gekennzeichnet ist der niederdeutsche Sprachraum dadurch, dass sich dort seit dem 8. Jahrhundert nicht die „zweite Lautverschiebung“ vollzogen hat: Es blieb bei den Verschlusslauten p, t und k, die nicht zu pf/f, s/ss/z/tz und ch verschoben wurden. Ein Beispielsatz: Niederdeutschsprecher sagen „Ik eet den Appel“, Hochdeutschsprecher „Ich esse den Apfel“.

Die stolzesten Plattversteher leben in Mecklenburg-Vorpommern. Hier geben 70 Prozent an, gesprochenem und geschriebenem Platt gut oder sehr gut folgen zu können. Damit haben sie gegenüber 2007 sogar um zehn Prozent zugelegt. Über dem norddeutschen Durchschnitt von 47,8 Prozent liegen auch Schleswig-Holstein und Niedersachsen. Am wenigsten ist das Niederdeutsche im Norden von Brandenburg verbreitet. Zwar sagen hier 22,1 Prozent, dass sie Platt verstehen, aber nur 2,8 Prozent sprechen es gut oder sehr gut. Nordhessen haben die Sprachforscher ausgelassen – in dem kleinen Gebiet gibt es zu wenige Sprecher.

Berlin ist nahe dran, gehört aber nicht zum niederdeutschen Sprachraum

Berlin gehört nicht zum niederdeutschen Sprachraum, liegt aber direkt an der Benrather Linie. Auch hier isst „icke“ den „Appel“. Zu solchen niederdeutschen Sprachmerkmalen im hiesigen Hochdeutsch kamen über die Jahrhunderte sprachliche Einflüsse durch Zuwanderer aus Sachsen und Schlesien, aber auch aus Frankreich hinzu. Es entstand ein großstädtischer Metrolekt, der in jüngerer Zeit etwa auch von türkischen Zuwanderern geprägt wird.

Bei den Jüngeren ist Plattdeutsch wieder angesagter

Bei aller Freude über die Stabilisierung der Plattkompetenz vor allem in den küstennahen Regionen: Es sind vor allem die älteren Menschen, die aktiv und passiv (sehr) gut verstehen und sprechen. Über die Hälfte der jüngeren Befragten gibt an, die Regionalsprache nur mäßig zu verstehen oder nur einige Wörter zu kennen. Ein Phänomen macht den Niederdeutschforschern und -verfechtern aber doch große Hoffnung: Die 20- bis 29-Jährigen sprechen etwas mehr Plattdeutsch als die 30 bis 39-Jährigen. Bei den Jüngeren ist Platt also wieder angesagt.

Die Charta der Regionalsprachen verpflichtet auch Deutschland

Aufwind bekommt die Sprache auch durch pädagogische Initiativen, die auf die Europäische Charta der Regional- und Minderheitensprachen von 1999 zurückgehen. Mit der Unterzeichnung hat sich Deutschland verpflichtet, das Niederdeutsche wie auch Dänisch, Friesisch, Sorbisch und Romanes zu schützen und zu fördern. In etlichen norddeutschen Ländern sind seitdem Programme in Kitas und Grundschulen gestartet. In Mecklenburg-Vorpommern machen 20 Modell-Kitas und sechs Gymnasien mit. In Hamburg ist Platt an ausgewählten Schulen Wahlpflichtfach, in Schleswig-Holstein wird es seit 2014 an 27 Schulen gelehrt.

Die meisten kommen in den Medien mit der Sprache in Berührung

Weitergegeben wird Plattdeutsch aber noch immer vor allem in der Familie: 44 Prozent haben es von den Eltern, 41 Prozent von den Großeltern aufgeschnappt. Auch hier gibt es große regionale Unterschiede: In Mecklenburg-Vorpommern führen immerhin 13,2 Prozent ihre Kenntnisse auf die Schule zurück. In Bremen und Hamburg nennen jeweils mehr als zehn Prozent Medien wie das Radio oder die Zeitung mit ihren plattdeutschen Angeboten. Wird aber danach gefragt, wo man aktuell mit Plattdeutsch in Berührung kommt, ergibt sich ein anderes Bild: An erster Stelle stehen die Medien, gefolgt von Freunden und Familie, Freizeit, Einkaufen, Nachbarn und Arbeit.

Wirklich Plattdeutsch zu sprechen ist ohnehin eine ganz andere Frage. Auch hier war die Gruppe der Aktiven 1984 doppelt so groß wie heute mit 15,7 Prozent. Als führend kann hier Schleswig-Holstein gelten, wo sich fast ein Viertel als guter oder sehr guter Sprecher sieht, gefolgt von Mecklenburg-Vorpommern (20,7 Prozent), Bremen (17,6 Prozent) und Niedersachsen (17,4 Prozent).

Norddeutsche Einigkeit: Das Niederdeutsche mehr fördern!

Auch wenn die Kenntnisse mit zunehmender Entfernung von den Küsten deutlich abnehmen: Einig sind sich die Norddeutschen darin, dass das Niederdeutsche mehr Förderung verdient. Zwei Drittel denken so, die meisten sind es dort, wo am besten verstanden und gesprochen wird – in Mecklenburg-Vorpommern, Bremen und Schleswig-Holstein. Die Hälfte der Norddeutschen würde ihre Kinder in einen plattdeutschen Kindergarten schicken, wenn sie die Möglichkeit dazu hätten. Und noch einmal deutlich mehr sind der Auffassung, dass sich vorrangig die Schulen um die Förderung des Plattdeutschen kümmern sollten.

Die Existenz des Instituts für niederdeutsche Sprache ist bedroht

„Daraus können wir einen klaren Handlungsauftrag ableiten“, sagt Reinhard Goltz. Alle heute schon aktiven und potenziellen Förderer müssten an einem Strang ziehen, „um die Zukunftsfähigkeit des Niederdeutschen zu sichern“.

Das gilt ganz akut auch für das Bremer Institut für niederdeutsche Sprache, das Goltz leitet. Seit 1974 forschen hier Sprachwissenschaftler und -pfleger zum Niederdeutschen, kooperieren mit Schulen, Kitas, Medien- und Theaterleuten. Die Mitarbeiter sammeln alles, was auf und über Platt herausgegeben wird und stellen es in der Bibliothek der Öffentlichkeit zu Verfügung.

Doch jetzt ist die Existenz des Instituts massiv gefährdet: Nachdem Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein es jahrzehntelang aus Landesmitteln finanziert haben – mit einem Jahresetat von aktuell 272 000 Euro – wollen sie das Abkommen im kommenden Jahr kündigen. Für Reinhard Goltz und seine Mitstreiter ist das weder mit der Europäischen Charta vereinbar, noch mit der Renaissance des Niederdeutschen, die sich in der Umfrage abzeichnet.

Einen Tagesspiegel-Artikel von Reinhard Goltz auf Plattdeutsch über die Studie lesen Sie hier.

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