Reichstagsbrand 1933 : Brennende Fragen

Noch immer ist der Reichstagsbrand von 1933 nicht geklärt. Neue Hinweise lassen zunehmend an der Alleintäter-These zweifeln. So soll die SA Marinus van der Lubbe kurz vor dem Brand einen Spezial-Ausweis ausgestellt haben.

Uwe Soukup
Scheiterhaufen der Weimarer Demokratie. Im ausgebrannten Plenarsaal des Reichstags sind die Namensschilder der Abgeordneten zu sehen, mit denen angezeigt wurde, wer gerade spricht und wer als Nächster ans Rednerpult treten wird.
Scheiterhaufen der Weimarer Demokratie. Im ausgebrannten Plenarsaal des Reichstags sind die Namensschilder der Abgeordneten zu...Foto: bpk / Bayerische Staatsbibliothe

Stellen wir uns ein mächtiges Land in Europa vor, in dem eine rassistische, antisemitische und nationalistische Partei plötzlich die Regierung stellt. Vier Wochen darauf verschafft sich diese Partei, ein spektakuläres Ereignis virtuos nutzend, die absolute Macht im Staat. Später überfällt dieser Staat ein europäisches Land nach dem anderen. Wäre es nicht von historischem Interesse, sich eben dieses spektakuläre Ereignis etwas genauer anzusehen?

Das Land heißt Deutschland, das spektakuläre Ereignis ist der Reichstagsbrand. Generationen von Historikern haben seither über dieses Ereignis gestritten, aber noch immer ungeklärt ist die Frage, ob die Nutznießer des Reichstagsbrandes auch die Brandstifter waren.

Vor 55 Jahren erschien im „Spiegel“ eine Serie zum Reichstagsbrand, in der versucht wurde, die Alleintäterschaft des holländischen Anarchisten Marinus van der Lubbe nachzuweisen. Seither gilt dies als wissenschaftlich gesichert, obwohl bisher niemand erklären konnte, wie es einem einzelnen Täter fast ohne Hilfsmittel gelungen sein kann, innerhalb weniger Minuten den Plenarsaal des Reichstages – und nur der Plenarsaal hatte wirklich gebrannt – in ein flammendes Inferno zu verwandeln.

Paul Löbe, langjähriger Reichstagspräsident der Weimarer Republik, beschrieb 1949 die von ihm außerhalb des Plenarsaals wahrgenommenen Spuren „eines Brandlegungsversuchs mit untauglichen Mitteln, ein paar verkohlte Löcher im Fußbodenbelag, kaum 50x50cm groß ... überall waren die kleinen Brandherde offenbar von selbst erloschen.“ Das Großfeuer schien ihm „planmäßig auf den Plenarsaal begrenzt“ gewesen zu sein.

"Peinlich genaue Untersuchung"

Wie hätte dieses Feuer im Plenarsaal innerhalb weniger Minuten ausbrechen können? Wer hatte den Saal mit brandbeschleunigenden Substanzen präpariert? Und wie soll van der Lubbe allein innerhalb weniger Minuten hunderte Pappschilder mit den Namen der Abgeordneten zu einem makabren Scheiterhaufen aufgetürmt haben?

Zwar liegt der Paradigmenwechsel weg von der Alleintäter-These seit Jahren in der Luft, doch es gibt nun einmal kein „historisches Notariat“, bei dem geschichtliche Fakten oder naturwissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse beurkundet oder beglaubigt werden können. In dieser Zeitung gab es deshalb im vergangenen Jahr den Vorschlag, die Klärung dieser Frage einer Kommission des Deutschen Bundestages anzuvertrauen, um diese oft polemisch geführte Auseinandersetzung zu objektivieren.

Ein neuer Beitrag zu der festgefahrenen Reichstagsbranddebatte kommt aus den USA. Das Buch „Burning the Reichstag“ (Oxford University Press) des in New York lehrenden Historikers Benjamin Carter Hett hat bereits eine Kontroverse unter englischsprachigen Historikern ausgelöst. Unter anderem erklärte der Hitler-Biograf Ian Kershaw gegenüber dem Tagesspiegel, dass er seine Hitler-Biografie in Bezug auf den Reichstagsbrand heute anders schreiben würde. Hetts Buch lobt er als eine „peinlich genaue Untersuchung“ mit überzeugendem Ergebnis.

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