Salon Sophie Charlotte : Künstliches Leben und Quantenphysik

Zum Leibniz-Jahr fragt die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften: Leben wir in der besten aller möglichen Welten? Musik, Vorträge und Diskussionen gaben zwar keine Antwort, aber doch Anregungen.

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Bunt wie die Welt. Die Beleuchtung des Gebäudes am Gendarmenmarkt wurde von Studierenden der Beuth-Hochschule konzipiert. Mittels Folien wird hier verschiedenfarbiges Licht in andere Ebenen gelenkt – über Mauern hinweg, wie die Gedanken der Salonbesucher.
Bunt wie die Welt. Die Beleuchtung des Gebäudes am Gendarmenmarkt wurde von Studierenden der Beuth-Hochschule konzipiert. Mittels...Foto: Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften/ news aktuell / Robert Schlesinger

Der Abend beginnt mit Musik. Wie es einem Salon angemessen ist, bei dem man anregende Unterhaltung bei einem Glas Wein und einer Butterbrezel genießen kann. Doch schon die ersten Texte zeigen, dass die Feier des 370. Geburtstags und 300. Todestags von Gottfried Wilhelm Leibniz kein leichtes Vergnügen werden wird. „We need peace“ singt ein junger Sänger aus Ghana, begleitet von der Band „Strom & Wasser“.

Grötschel: Wie soll man das eigentlich messen, "gut, besser, am besten"?

„Leibniz: Vision als Aufgabe“ heißt das Jahresthema der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW). An den Großthemen Frieden und Flucht kommt keiner vorbei beim diesjährigen Salon Sophie Charlotte, der am Samstagabend im Haus der Akademie am Gendarmenmarkt stattfand. Zumal die aus der „Theodizee“ des Universalgelehrten entlehnte Leitfrage lautet: Leben wir in der besten aller möglichen Welten?

Als Mathematiker findet Martin Grötschel, Präsident der BBAW, die Fragestellung eigentlich problematisch. „Wie misst man gut, besser, am besten?“, gab er in seiner Eröffnungsansprache zu bedenken. Und nannte doch eine Zahl, die optimistisch stimmen könnte: In der Steinzeit kam jeder fünfte Mensch gewaltsam ums Leben, heute sind es 0,7 Prozent.

Die Erzeugung künstlichen Lebens rückt in greifbare Nähe

Gleich in der ersten Gesprächsrunde erinnerte Esra Küçük vom Maxim Gorki Theater und der Jungen Islam Konferenz indes an die 60 Millionen Menschen, die derzeit auf der Flucht sind. Zeitgleich hatte da beim „Salon der Salons“ schon die Lesung aus dem Roman „Candide oder der Optimismus“ (1759) begonnen, in dem Voltaire seinen naiven Helden haarsträubende Erfahrungen in der nur vermeintlich „besten aller Welten“ machen lässt.

Kurz darauf erläuterte der Akademiepräsident a.D. Günter Stock im „Labor der Optimierung“, dass in der Medizin heute schon möglich oder doch zumindest in greifbare Nähe gerückt ist, was bis vor Kurzem noch Utopie war – zwar nicht die Überwindung des Todes, von der Aufklärer wie Nicolas de Condorcet im 18. Jahrhundert träumten, aber Beinprothesen für Spitzensportler oder sogar die Erzeugung künstlichen Lebens in der synthetischen Biologie. Mediziner Stock appellierte an die Bürger, sich an den Debatten über die Frage, ob das biologisch-medizinisch Mögliche auch das Wünschenswerte sei, aktiv zu beteiligen.

Leibniz' Rechenmaschine - der Urahn der Computer

Auch Leibniz, dem Unvollkommenheit als notwendiges Teilübel der Schöpfung galt, arbeitete unermüdlich daran, das Leben in ihr mit technischen Mitteln zu erleichtern. Im Archiv der Akademie legt der Nachbau der legendären Maschine Zeugnis davon ab, mit der er die Menschheit von den „knechtischen Rechenarbeiten“ befreien wollte. Wäre das Computerzeitalter, das er mit vorzubereiten half, ihm wie das Schlaraffenland vorgekommen?

Eine Welt, die dem Paradies auf Erden nahekommen könnte, suchten Künstler wie Paul Gauguin später ganz woanders, auf den Inseln der Südsee. Der Literaturwissenschaftler Markus Bernauer zeichnete nach, wie der Maler sich das „Wilde“ in der Kunst anzueignen versuchte, das er durch unsere Zivilisation bedroht sah.

Was wäre, wenn – so fragte zeitgleich die Junge Akademie der BBAW. Wie würde die Welt aussehen, wenn der Mensch im Jahr 1960 ausgestorben wäre? Der Biologe Christian Hof zog eine Bilanz der irreversiblen Schäden, die Homo sapiens bis zu diesem Zeitpunkt schon hinterlassen hatte: Unter anderem sind 130 Vogelarten und 60 Säuger ausgestorben. In Mitteleuropa wären jedoch inzwischen ausgedehnte Buchenwälder entstanden, in Nord- und Südamerika würden weit mehr große Säugetiere leben.

Datenübertragung mit Quantentechnik

Einen Salon, in dem Menschen dem Wiener Quantenphysiker Anton Zeilinger gebannt zuhören, der seine Visionen zukünftiger Datenübermittlung per Quanten-Internet und Teleportation erläutert, gäbe es indes nicht. Kommt eine Welt, in der keiner mehr Fragen stellt, als beste aller möglichen überhaupt in Frage?