Schavans Dissertation : Im Griff der Gutachter

Im Umgang mit dem Plagiatsverdacht gegen Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) hat ein Gutachter der Universität Düsseldorf ein rechtmäßiges Vorgehen bescheinigt. Auch andere Experten diskutieren, was bei Plagiatsverfahren richtig und wichtig ist.

von
Gewissensfragen. Die Universität Düsseldorf entscheidet am Dienstag, ob sie im Fall Schavan ein formelles Verfahren eröffnet.
Gewissensfragen. Die Universität Düsseldorf entscheidet am Dienstag, ob sie im Fall Schavan ein formelles Verfahren eröffnet.Foto: dapd

Im Plagiatsverfahren um die Doktorarbeit von Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) geht die Uni Düsseldorf in die Offensive. Mit einem Rechtsgutachten wehrt sich die Hochschule, an der Schavan 1980 promoviert wurde, gegen Kritik an ihrem Vorgehen. „Verfahrensfehler sind nicht festzustellen“, heißt es in der Analyse, die der Bonner Wissenschaftsrechtler Klaus Ferdinand Gärditz verfasst hat. „Die Universität prüft objektiv, nüchtern und ohne Ansehung der Person“, sagte Gärditz dem Tagesspiegel.

Die Uni veröffentlichte das Gutachten wie berichtet am Mittwochabend auf ihrer Homepage. Es kommt kurze Zeit, bevor es ernst wird für Schavan. Am kommenden Dienstag befasst sich der Rat der Philosophischen Fakultät mit dem Fall. Neun Monate, nachdem im Internet die Plagiatsvorwürfe bekannt wurden, müssen die Mitglieder über die Frage befinden, ob sie das Hauptverfahren zur Aberkennung des Titels einleiten. In einem ersten Schritt hatte die Ministerin eine Niederlage erlitten. Der Promotionsausschuss, der die Arbeit vorprüfte, hatte empfohlen, den Doktorgrad zu entziehen.

Diese Prominenten wurden beim Abschreiben erwischt
Am 5. Februar 2013 verlor Annette Schavan, damals noch Bundesbildungsministerin, ihren Doktortitel. Gegen das Plagiatsverfahren an der Uni Düsseldorf klagte sie vor dem Verwaltungsgericht. Unterliegt sie, will die Freie Universität Berlin auch über ihre Honorarprofessur entscheiden.Weitere Bilder anzeigen
1 von 22Foto: dpa
06.02.2013 09:20Am 5. Februar 2013 verlor Annette Schavan, damals noch Bundesbildungsministerin, ihren Doktortitel. Gegen das Plagiatsverfahren an...

Was kann Schavan am Dienstag passieren? Ob der Fakultätsrat eine Entscheidung über die Verfahrenseröffnung fällt oder sich vertagt, ob er Schavan sogar gleich den Titel aberkennt oder sie entlastet, ist unklar. Mit dem Gutachten dürfte sich die Uni gegen juristische Anfechtungen absichern wollen. Denn sie stand stark unter Beschuss. Das Vorgehen sei der Bedeutung des Falls nicht angemessen, kritisierten Politiker und Spitzen der Wissenschaftsorganisationen. Für die Uni eine heikle Situation: Die Akzeptanz ihres Urteils hängt davon ab, ob das Verfahren wasserdicht ist. Die Frage könnte sich vor Gericht stellen, falls Schavan gegen einen möglichen Entzug klagt.

Stein des Anstoßes ist eine vertrauliche Expertise des Vorsitzenden des Promotionsausschusses Stefan Rohrbacher, die im Herbst öffentlich wurde. Auf 75 Seiten soll Rohrbacher die Arbeit analysiert und eine „leitende Täuschungsabsicht“ Schavans festgestellt haben. Diese „Sachstandsermittlung“ sollte die Grundlage für die Vorprüfung sein. Die Kritik entzündete sich vor allem an zwei Punkten: Die Uni müsse mindestens ein weiteres, möglichst externes Gutachten einholen. Dass mit dem Judaisten Rohrbacher ein Fachfremder die Arbeit analysierte – Schavan wurde in der Erziehungswissenschaft promoviert – wurde ebenfalls kritisiert.

Bei der Rohrbacher-Expertise ist es dennoch geblieben, wie aus dem Gärditz-Gutachten hervorgeht. Dort heißt es, ein Fachvertreter sei keineswegs zwingend. Schließlich ging es nur darum festzustellen, ob Schavan fremde Textpassagen übernommen hat, ohne diese zu kennzeichnen. „Dazu wird grundsätzlich jeder Wissenschaftler, zumindest wenn er mit der Analyse von Texten vertraut ist, hinreichend kompetent sein, auch wenn er einer anderen Disziplin angehört“, urteilt Gärditz. Er hat bereits mehrere Plagiatsfälle juristisch begleitet, zuletzt an der Uni Bonn gegen die Unternehmerin Margarita Mathiopoulos und gegen den FDP-Politiker Jorgo Chatzimarkakis.

Verteidiger Schavans wandten ein, in der Erziehungswissenschaft galten vor dreißig Jahren andere Maßstäbe als heute. Dies habe Rohrbacher außer Acht gelassen. Das überzeugt Gärditz nicht; auch damals „war die Erziehungswissenschaft eine universitäre Disziplin“ mit „methodischen Mindestanforderungen im Umgang mit fremden Texten“, heißt es. Zur Debatte stehe „die Missachtung jedweder Standards durch Plagiat“, nicht fachliche Qualitätsstandards.

Auch daher sei ein zweiter Gutachter unnötig. Zudem würden die wohlüberlegten Voten der Fakultätsratsmitglieder als zusätzliche Gutachter fungieren. Süffisant merkt Gärditz an, dass unbefangene externe Experten ohnehin kaum zur Verfügung stünden. „Eine Reihe“ von in Betracht kommenden Wissenschaftlern habe sich „aus eigenem Antrieb durch Übersendung unangefragter Gutachten und Veröffentlichung von Presseartikeln aktiv für die Betroffene eingesetzt“, heißt es. Ob die von Rohrbacher beanstandeten Stellen ausreichen, um Schavan den Titel zu entziehen, beantwortet Gärditz in seiner Analyse ausdrücklich nicht. Dass Rohrbachers internes Gutachten bekannt und in den Medien diskutiert wurde, führe nicht zu einem Verfahrensfehler oder zu „institutioneller Befangenheit“. Aus der Sicht der Uni wiederum verstößt die Veröffentlichung der Gärditz-Expertise offenbar nicht gegen den von Schavan verhängten Maulkorb zum Verfahren.

14 Kommentare

Neuester Kommentar