Serie: Gender in der Forschung (2) : Das Biologische ist auch sozial

Oft wird behauptet, Biologie stehe im krassen Widerspruch zur Genderforschung. Das ist falsch. Beide sollten zusammenarbeiten.

Kerstin Palm
Bilden Fische wirklich einen „Harem“? Biologen sind nicht immer dagegen gefeit, unreflektiert Begriffe aus der Menschen- auf die Tierwelt zu übertragen – inklusive menschlicher Vorstellungen von den Geschlechterrollen. Reflexion hilft.
Bilden Fische wirklich einen „Harem“? Biologen sind nicht immer dagegen gefeit, unreflektiert Begriffe aus der Menschen- auf die...Foto: picture alliance / Reinhard Dirscherl

„Was? Du bist Biologin und Genderprofessorin? Wie passt das denn zusammen?“ Solche und ähnliche Reaktionen begegnen mir immer wieder, wenn ich Auskunft gebe über meinen Beruf. Diese Bemerkungen zeigen zum einen, dass die Genderforschung eher in den Geistes- und Sozialwissenschaften als in den Naturwissenschaften verortet wird. Zum anderen aber glauben die meisten, wie daran anschließende Gespräche ergeben, dass zwischen Geschlechtertheorien der Biologie und der Genderforschung ein tiefgreifender Widerspruch besteht. Liefert die Biologie nicht objektive Fakten über feststehende biologische Geschlechterunterschiede, die von der Genderforschung vehement bestritten werden, weil sie alle Geschlechterdifferenzen als gesellschaftlich konstruiert ansieht?

Um solche Missverständnisse und Fehleinschätzungen zum Tätigkeitsbereich der Genderforschung zu überwinden, helfen Beispiele aus meinem Forschungsbereich und zunächst einmal grundlegende Einblicke in das umfassende interdisziplinäre Feld der Geschlechterforschung.

Alles Biologie? Geschlechterforschung interveniert seit 40 Jahren

Die Frauen- und Geschlechterforschung entstand vor circa 40 Jahren – vor allem anlässlich eines auffälligen Befundes, der für alle wissenschaftlichen Disziplinen gleichermaßen festgestellt wurde: wissenschaftliche Perspektiven, Inhalte und Theorien entsprachen nicht dem Anspruch, umfassende Erkenntnisse über die jeweiligen fachspezifischen Gegenstände zu liefern. Stattdessen waren die wissenschaftlichen Aussagen einseitig und ideologisch verzerrt aus Sicht derjenigen gesellschaftlichen Gruppe formuliert, die seit Jahrhunderten die Möglichkeit hatte, wissenschaftlich tätig zu sein – europäische Männer der bürgerlichen Mittel- und Oberschicht. So war zum Beispiel der sozialwissenschaftliche Begriff der Arbeit ausschließlich auf Lohnarbeit bezogen gewesen. Die gesellschaftlich notwendige Haus- und Reproduktionsarbeit blieb außer Acht.

Die frühe Geschlechterforschung begann in einer doppelten Ausrichtung – mit Kritik und Intervention –, diese androzentrische (also männerzentrierte) und oft das Weibliche verunglimpfende Wissenschaft zugunsten einer fundierteren und weniger ideologischen Einsicht in die Wirklichkeit zu verändern. In einer für jedes Fach vorgenommenen umfassenden kritischen Bestandsaufnahme musste zunächst einmal diese einseitig verzerrte Perspektive, die lange Zeit unbemerkt geblieben war, offengelegt und in ihren Konsequenzen für das Weltverständnis und das Geschlechterverhältnis analysiert und dokumentiert werden.

Die Perspektiven aller gesellschaftlicher Gruppen müssen vorkommen

In einem nächsten Schritt waren dann ganz neue Methoden und Perspektiven zu entwickeln, die einen grundlegenden Umbau des gesamten wissenschaftlichen Apparates zum Ziel hatten. Anstatt Androzentrismus und sexistische Verunglimpfung sollte jede wissenschaftliche Disziplin einen unvoreingenommenen Blick auf die Wirklichkeit einnehmen, also einen, der die Perspektiven aller gesellschaftlicher Gruppen umfasst. Dieser Anspruch war und ist letztlich nur über eine neue Personalpolitik in den wissenschaftlichen Institutionen zu gewährleisten. Nur eine Diversität an gesellschaftlichen Erfahrungen, Interessen und Sichtweisen kann ein dauerhaftes kritisches und reflexives Potenzial in den Wissenschaften etablieren.

Die aktuelle Genderforschung analysiert darüber hinaus in einem seit vielen Jahren etablierten weiteren Forschungsschwerpunkt Geschlechterordnungen in ihrem historischen Wandel und in ihren lokalen Spezifika sowie in ihren Verquickungen mit anderen Systemen sozialer Ungleichheit. Sie zeigt auf, wie in wechselnden Kontexten immer wieder neue Vorstellungen und Bedeutungen von Geschlecht (also Konstruktionen von Geschlecht) entstehen.

Bereiche, die sich der Genderforschung geöffnet haben, profitieren

Diese hier sehr knapp und vereinfacht skizzierten Entwicklungsschritte der Genderforschung betreffen alle Fächer einschließlich der Natur- und Technikwissenschaften. Wissenschaftliche Bereiche, die sich den Ergebnissen der Genderforschung geöffnet haben, profitieren inzwischen deutlich von der Überwindung androzentrischer und sexistischer Perspektiven und von der Erschließung neuer wissenschaftlicher Fragen und Gegenstände. Dies zeigt auch die 2013 von der Europäischen Kommission veröffentlichte Bestandsaufnahme unter dem Titel „Gendered Innovations – How Gender Analysis contributes to research“ für die MINT-Fächer (MINT steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technikwissenschaften). Vor allem für die Lebenswissenschaften haben fachinterne „Kritiken und Interventionen“ in den letzten Jahren zu beeindruckenden Qualitätssteigerungen in der Forschung geführt, wie die folgenden Beispiele zeigen können.

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