Studium : Denken als Dienstpflicht

Das neue Leitbild ist ökonomisch, Studenten sind Kunden. Der Bachelor bildet die schlechten Seiten des Berufslebens ab. Ein Studium generale würde helfen.

Luise Görges,Ulf Kadritzke
Eigene Wege gehen. Wer kritisch denkt, wird seltener Opfer, sagt Peter Bieri.
Eigene Wege gehen. Wer kritisch denkt, wird seltener Opfer, sagt Peter Bieri.Foto: dpa

In den studentischen Protestaktionen der letzten beiden Semester fasste ein Plakat die Kritik am typischen Bachelor-Lernmodul in drei Prozentzahlen zusammen: „100 Prozent Anwesenheit, 7 Prozent gelesen, 0 Prozent reflektiert“. – Auch wenn die alte, elitäre Universität für die wachsende Masse der Studierenden ihre Glaubwürdigkeit längst verspielt hat, ist die aktuelle Kritik an den Folgen des Bologna-Prozesses weder dumm noch weltfremd. Sie nimmt sowohl das pragmatische Ziel („Mehr Studenten besser berufstauglich ausbilden“) als auch das alte Bildungsversprechen des Studiums aufs Korn.

Den Bologna-Prozess hat in Deutschland mehr als anderswo der homo oeconomicus geprägt. Nach diesem der Ökonomie entlehnten Leitbild sind Studenten die „Kunden“ oder gar „Produkte“ der Hochschule. Die in der alten Universität mitgedachte Annahme, wissenschaftliche Bildung stärke auch die gesellschaftliche Verantwortung des Einzelnen, bleibt in diesen Denkformen nicht einmal mehr als Illusion am Leben.

Die Kritikpunkte der Studenten sind bekannt: Das dicht geregelte System der Module und Abläufe behindert die freie Wahl von Angeboten über den Rand des Curriculums hinaus. Bei der Umstellung vom Diplom auf den Bachelor ist in den Pflichtkursen der Stoff nicht inhaltlich überdacht und gelichtet, sondern oft nur verdichtet worden. Starre Beleg- und Anrechnungsregeln setzen das Denken zur Dienstpflicht herab, sie erziehen studierende Menschen zu Notenstrategen und kühlen Kalkulatoren ihres workload. Der bürokratische Aufwand wird zum Feind der studentischen Neugier, das verordnete Neben- und Nacheinander der Kurse lässt persönliche Erkenntnisinteressen kaum noch gedeihen. Innerhalb oder gar jenseits des Fachs neue Zusammenhänge zu entdecken und sich in kritischem Denken zu üben, dazu bleibt kaum Zeit. Der Luxus ist nur um den Preis einer „Bologna-widrigen“ Studienverlängerung zu haben.

Die Neuordnung der Studieninhalte im gestuften System der Bachelor- und Masterausbildung wird vor allem mit gewandelten Anforderungen aus der Arbeitswelt begründet und mit den gängigen Stichworten belegt: Flexibilität, neue Formen der Selbstständigkeit, lebenslanges Lernen. Wie fragwürdig der Realitätsgehalt dieser Leitbilder auch sein mag, nicht einmal ihre Rhetorik der Eigenverantwortung findet sich in den Studienordnungen und -strukturen wieder. Eher bildet die Bologna-Reform die schlechten Seiten des modernen Arbeitslebens ab.

Dabei müsste es umgekehrt sein. Wenn eine eher fremdbestimmte Flexibilisierung Signum des zukünftigen Arbeitslebens ist, dann dürfte darauf eine gute akademische Ausbildung nicht im Wege der Anpassung antworten. Sie müsste vielmehr die Studierenden zu mehr eigenständigem Denken, zur Einordnung des Fachwissens in neue Zusammenhänge qualifizieren. Kompetenz zum umsichtigen, lebenslangen Lernen, zum Nachdenken über die gesellschaftliche Verantwortung im Beruf – das wäre ein modernes Studienziel.

Die Praxis sieht anders aus. Viele beklagen, dass das Studium sie weder anregt noch befähigt, das in Module abgefüllte Wissen in Zusammenhänge einzuordnen oder gar über Alternativen zu scheinbar „gesicherten Erkenntnissen“ nachzudenken. Jeder Ökonomiestudent hat diesen Mangel spätestens in der Finanzkrise gespürt.

An diesen Kritikpunkten könnte ein erneuertes Studium generale ansetzen. Sein alter Anspruch, einen Kanon des universitären „Gebildetseins“ zu vermitteln, das den Akademiker aus der Masse der Übrigen heraushebt, ist überholt. Die Hochschulen könnten gerade die „fachidiotischen“ Züge der Studienreform mit einem neuen Ansatz zurückdrängen, wenn das Studium die Chance bietet, die berufliche Zukunft und den persönlichen Lebensentwurf durch eine andere Brille als nur die der gewählten Fachdisziplin zu betrachten. Das Bachelorstudium sollte folglich das persönliche Recht garantieren, in einem vom Fachcurriculum ausgesparten Teil des Studiums etwas anderes, selbst vordergründig ganz „Nutzloses“ zu studieren. Zu dem je eigenen „Menu“ könnte das Studium generale nicht alle, aber einige nahrhafte Gänge beisteuern.

Dass diese scheinbare Utopie realisierbar ist, hat die Universität Lüneburg mit ihrer Studienreform gezeigt: mehr Wahlfreiheit, ein breites allgemeines Wissensangebot in dem für alle Fächer gemeinsamen ersten Semester, interdisziplinäre Veranstaltungen zu übergreifend wichtigen Themen. Auch an der HU Berlin sollen neue Studienordnungen mehr Spielraum für Reflexionswissen und ein an den einzelnen Disziplinen ausgerichtetes Studium fundamentale schaffen. An der Berliner Beuth-Hochschule für Technik schreiben viele Studiengänge die Zuwahl „allgemeinwissenschaftlicher Fächer“ vor – ein Reformelement, das an der Technischen Universität dem Wahn flächendeckenden Fachwissens zum Opfer fiel. An der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin (HWR) sollen interdisziplinäre Kurse und öffentliche Diskussionen im Studium generale der Verschulung und dem Spezialistentum entgegenwirken. Hier können die Studenten zudem Kenntnisse erwerben, die den Übergang in interdisziplinäre Masterstudiengänge an anderen Hochschulen erleichtern.

Die Beispiele zeigen, dass einige Geburtsfehler der Bachelor-Studiengänge zu heilen sind, aber nur wenn die Studienordnungen auch organisatorisch und zeitökonomisch den Spielraum für individuelle Optionen schaffen.

Fast in Vergessenheit geraten ist schließlich ein wichtiger Passus des Berliner Hochschulgesetzes: „Die Hochschulen ... wirken ... an der Erhaltung des demokratischen und sozialen Rechtsstaates mit …“ Sie sollten diesen übergreifenden, demokratischen und zivilgesellschaftlichen Auftrag wieder ernst nehmen und auch deshalb dem Studium generale deutlich mehr Raum gewähren.

Ein formal und inhaltlich verankertes Studium generale kann nicht der alleinige Ansatz zu einer „Reform der Reform“ sein, sondern nur zusammen mit anderen Maßnahmen greifen. Zur Befreiung aus der Unmündigkeit des Spezialistentums kann es jedoch beitragen, wenn die Hochschule die Studierenden als Subjekte ihrer eigenen Bildung ernst nimmt.

Peter Bieri betont, ein „Gebildetsein“, das dem Studium generale als Leitbild dienen könnte, solle dem Einzelnen gerade nicht die elitäre Macht verschaffen, mit dem angeeigneten „Wissen über andere zu herrschen. Die Macht des Wissens liegt woanders: Sie verhindert, dass man Opfer wird. Wer in der Welt Bescheid weiß, kann weniger leicht hinters Licht geführt werden und kann sich wehren, wenn andere ihn zum Spielball ihrer Interessen machen wollen.“

Dieser Bildungsanspruch an ein erneuertes Studium generale ist nur auf den ersten Blick bescheiden. Er mahnt ein Studium an, das nicht nur „gesichertes Wissen“ liefert, sondern auch zur Reflexion der beruflichen Praxis und der persönlichen Lebensführung ermutigt – und befähigt. Erst dann könnten die Hochschulen die Frage nach ihrer gesellschaftlichen Rolle wie nach dem Sinn des „Nichtsnutzigen“ in der Bildung auf zeitgemäße Weise beantworten.

Ulf Kadritzke, Professor für Soziologie, ist Beauftragter für das Studium generale an der HWR Berlin, Luise Görges ist seine studentische Mitarbeiterin. – Im Rahmen des Studiums generale spricht am morgigen Dienstag Alfred Kieser, BWL-Professor in Mannheim, öffentlich an der HWR. Mit seinem Vortrag „ … Irgendwas mit Wirtschaft!“ will er zum Nachdenken über den Sinn eines Wirtschaftsstudiums jenseits des Strebens nach einer lohnenden „Karriere“ einladen (10 Uhr, Badensche Straße 50-55, Haus B, Hörsaal 401).

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