Übersinnliches : Die Macht der Strahlen

Der eine kann Wasser erspüren, der andere „Störfelder“ - viele glauben an übersinnliche Kräfte. Für den schlüssigen Beweis solcher Fähigkeiten bietet eine wissenschaftliche Jury 10.000 Euro. Wir haben einen Kandidaten begleitet.

Ralf Nestler
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Ferngesteuert. Dass sich zwei Drähte in den Händen plötzlich annähern, ist nach Ansicht von Psychologen einer unbewussten Bewegung...Foto: laif

Die Nummer sieben ist es. Johann Doppelhofer ist sich sehr sicher. Er steht neben einer langen Tischreihe, auf der weiße Styroporbecher aufgereiht sind. Alle sind mit einem Deckel blickdicht verschlossen, alle sind leer. Außer einem, da ist Wasser drin. Und zwar in Nummer sieben. Schließlich haben die beiden Drähte in Doppelhofers Händen genau dort ausgeschlagen. Und das Pendel ebenso.

Okay, sagt Rainer Wolf und schreibt die Zahl ins Protokoll. Der Wahrnehmungsforscher ist Vorstandsmitglied der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP). Einmal im Jahr organisiert sein Verein einen Test, bei dem Menschen wie Herr Doppelhofer ihre besonderen Fähigkeiten beweisen können. Wer den Test besteht, bekommt 10 000 Euro. Manche wollen verborgene Edelmetalle mithilfe von Wünschelruten finden, andere glauben auf Fotografien zu erkennen, welche Person gesund ist und welche Krebs hat. Doppelhofer sagt, er könne erspüren, in welchem Gefäß sich Wasser befindet und in welchem nicht.

Um diese Fähigkeit unter wissenschaftlichen Bedingungen zu demonstrieren, hat sich der 56-Jährige heute morgen ins Auto gesetzt und ist von Ehnigen bei Stuttgart nach Würzburg gefahren. Hier im Biozentrum der Uni, im Seminarraum A106, will er die Skeptiker überzeugen.

Sieben Tischreihen, überzogen mit grauem Plastik, erstrecken sich durch den großen Raum. An der Decke hängen dicke Lüftungsrohre, blau und blasslila gestrichen. Hier und da kommen Kupferrohre von oben, die mit den Wasserhähnen auf den Tischen verbunden sind. Manche Testteilnehmer stört das viele Metall. Sie suchen dann beispielsweise mit ihrer Wünschelrute den Teil des Raumes, in dem die „Störfelder“ weniger stark sind. „Kein Problem, die Kandidaten sind Könige und könnten sich aussuchen, wo sie den Test machen wollen“, sagt Wolf. Johann Doppelhofer stört das Metall nicht. „Von mir aus kann''s losgehen“, sagt der Mann mit dem grauen Dreitagebart und der gemütlichen Statur.

Insgesamt 13 Mal soll er die Tische abschreiten und das wassergefüllte Gefäß finden. Wenn er in sieben Fällen richtig liegt, ist das ein deutlich Hinweis darauf, dass es sich bei seiner berührungslosen Detektion von Wasser wirklich um eine Fähigkeit handelt, und nicht um Zufallstreffer. Schafft er zu einem späteren Termin noch einmal zehn aus 18, ist seine Fertigkeit nach den GWUP-Regeln erwiesen und er bekäme das Preisgeld. Bis jetzt hat das noch keiner der knapp 30 Kandidaten geschafft.

Wie Wasser plötzlich seine Struktur ändert

Wie jeder, der hier antritt, ist auch Doppelhofer guter Dinge, dass er den Test besteht. Vorhin, als die Gefäße unverschlossen auf dem Tisch standen, hatte seine Methode tadellos funktioniert. Deshalb geht er auch jetzt zuversichtlich an den Tischen entlang. Bevor er Draht und Pendel einsetzt, führt zunächst seinen „Wasservitalisierer“ in dichtem Abstand an den Bechern vorbei – aus gutem Grund, wie Doppelhofer findet. „Normales Quellwasser hat eine rechtsdrehende Molekülstruktur“, erklärt er seine Theorie. Das bedeutet: Wenn er daneben ein Pendel schwingen lässt, dauert es nicht lange und das kleine Gewicht an der dünnen Kette macht eine kreisende Bewegung, rechtsherum. „Wasser aus dem Hahn ist aber linksdrehend, das kommt durch den Druck in der der Leitung.“ Es genügten schon 500 Meter bei 3 bar, dann würde die Orientierung umgekehrt, das Pendel also linksherum kreisen.

Auch das Würzburger Trinkwassernetz liefert nur linksdrehendes Nass, wie er zuvor am Waschbecken demonstriert hatte. Weil er das nicht erspüren kann, muss Doppelhofer also das Testwasser mit dem Vitalisierer wieder rechtsdrehend machen. Und weil er nicht weiß, in welchem Becher die Flüssigkeit ist, geht er an allen Gefäßen vorüber. Ist doch logisch.

Anschließend nimmt er zwei rechtwinklig gebogene Schweißdrähte, einen in jede Hand. Das kurze Ende steckt in der angedeuteten Faust, das lange Ende pendelt über dem dritten Glied des Zeigefingers. „Mit Wünschelruten arbeite ich nicht, die haben eine Vorspannung“, erläutert Doppelhofer. „Der Schweißdraht kann sich frei bewegen.“

Während er ruhig die Tischreihe entlang schreitet, ragen die beiden Drähte nach vorn. Als er den sechsten Becher passiert, drehen sich plötzlich die beiden Drähte nach innen. „Pling“, macht es als sie aneinander stoßen. Doppelhofer geht wieder zurück, die Drähte machen auf. Wieder vorwärts, wieder „pling“. Der Mann lächelt und holt das Pendel hervor.

Eine Videokamera läuft mit, um Manipulationsvorwürfe zu entkräften

Mit leicht geöffneten Beinen steht er da, die linke Hand über dem Becher Nummer sieben, die rechte vor der Hüfte, darin das Pendel. „Mit der linken Hand nehme ich die Schwingung des Wassers auf und leite sie durch meinen Körper“, erklärt er. „Ich weiß nicht genau, ob sie über die Blutbahn oder die Nervenbahnen geht und ob sie vielleicht auch einen Schlenker übers Herz macht.“ Auf jeden Fall erreiche sie dann die rechte Hand, die mit dem Pendel.

Vor und zurück geht dort das kleine Gewicht, vor, zurück. Draußen quaken die Frösche gegen die dösige Mittagshitze an. Auf einmal macht das Gewicht eine Seitwärtsbewegung. Nach einigen Augenblicken ist aus dem parallelen Schwingen ein Kreisen geworden. Rechtsherum. „Die Nummer sieben ist es.“

Ob Doppelhofer mit seiner Prognose richtig liegt, kann Testleiter Wolf nicht sagen. Er weiß es nämlich selbst nicht. „Auch wenn man nichts sagt und versucht ganz unbeteiligt zu sein, gibt man als Wissender über seine Körpersprache unbewusst Signale weiter“, hatte er eingangs erläutert. Deshalb wurden vor dem Test drei Gruppen gebildet. Eine, die im Losverfahren festlegt, welcher Becher gefüllt wird und das Experiment in jedem Durchgang entsprechend aufbaut. Eine zweite, die das Wasser finden soll ohne die Becher zu berühren: Doppelhofer und Wolf als Beobachter. Und eine dritte, die anschließend alle Behälter kontrolliert und aufschreibt, wo die Flüssigkeit drin war.

Die Gruppen dürfen keinen Kontakt miteinander haben. Jede hat ein eigenes Zimmer, das vom Seminarraum abgeht. Per Klopfzeichen erfahren die Gruppen, wenn sie an der Reihe sind. Einziger, stummer Zeuge ist eine Videokamera. Sie blickt pausenlos in den Raum, um spätere Manipulationsvorwürfe zu entkräften.

Während der Becher aus der ersten Runde geleert und ein neuer mit Wasser gefüllt wird, sitzt Johann Doppelhofer im Nachbarraum und erzählt, wie er auf seine besonderen Fähigkeiten aufmerksam wurde. Seine Frau, Tierärztin, brauchte zur Narkose für Katzen und Hunde die doppelte Menge an Medikamenten wie normal. Und in dem Stall auf dem Nachbargrundstück, da schrien die Schweine tagaus, tagein. Irgendetwas war faul. Vielleicht Elektrosmog?

459 Euro für einen "Wasservitalisierer"

Da habe er verschiedene Dinge ausprobiert, die angeblich helfen sollten, zum Beispiel Abschirmmatten. „Es tummeln sich viele Scharlatane auf dem Markt, die einem sonst was versprechen – und dann wirkt''s doch nicht“, sagt Doppelhofer. „Aber der Wasservitalisierer, der hat geholfen.“ Nachdem er so ein Ding an den Hauswasseranschluss montiert habe, ging es ihm viel besser. Und die Tiere brauchten von jenem Tag an viel weniger Narkosemittel. „Ich hatte meiner Frau nichts von dem Umbau erzählt, das zeigt, dass es wirklich funktioniert“, sagt er. Dann probierte der gebürtige Österreicher, ob er die rätselhaften Felder wahrnehmen könne. Tatsächlich, je nachdem wo er sich hinstellte, konnte er so ein seltsames Kribbeln spüren.

Rainer Wolf nickt dazu. Wie er den Kandidaten anschaut, nachfragt – das ist kein aufgesetztes Interesse, das ist echt. „Wenn es tatsächlich einem gelingen würde, den Test zu bestehen, würde das mein Weltbild revolutionieren“, sagt er. „Ich würde sofort beginnen, das wissenschaftlich zu untersuchen.“

Da klopft es dreimal an die Tür. Nach einer kurzen Wartezeit, damit die andere Gruppe den Seminarraum verlassen kann, macht sich Doppelhofer auf zum nächsten Versuch. Vitalisieren, Schweißdraht, Pendel. „Die Nummer zwei“, sagt er. Er sei sich sehr sicher, „so 80 Prozent ungefähr“.

Zurück im Warteraum geht er erst mal zum Wasserhahn und füllt seine Trinkflasche auf. Er hat viel Durst heute. Bevor er daraus trinkt hält er für einige Sekunden den Wasservitalisierer Marke „Aqua Power Joint“, à 459 Euro, an die Flasche. In dem blauen Glaszylinder funkelt eine knittrige Plastikfolie. Darin sollen drei „Heilsteine“ stecken: Bergkristall für Quellfrische, Rosenquarz als Strahlabsorber und Larimar, der die vier Elemente in sich trägt und ein guter Blockadelöser ist.

Nächster Versuch. Der Schweißdraht hat schon wieder in der Nähe der Nummer sieben angeschlagen. Doppelhofer wischt die verschwitzte Hand an der Jeans ab, greift mit rechts das Pendel, hält die Linke über den Becher und schiebt den Kopf etwas nach vorn. „Sonst sehe ich nur meinen Bauch, aber nicht das Pendel“, sagt er und feixt.

Normalerweise hat er nur noch wenig zu lachen. Die Frau ist jetzt mit seinem ehemaligen Freund zusammen und den Job beim kommunalen Wasserversorger ist er auch los. Also lebt er vom Vertrieb der Vitalisierer und berät Menschen, die von schädlichen Schwingungen gepeinigt werden. Elektrosmog und Erdstrahlen könne er nämlich auch erspüren. „Viele Berater gehen einfach ins Schlafzimmer ihrer Kunden und sagen: Kein Wunder, das Bett steht auf Störfeldern“, erzählt er. „Dafür verlangen die gleich mal 300 Euro.“ Er hingegen nehme sich mindestens drei Stunden Zeit für eine genaue Untersuchung. Gerade 136 Euro plus Mehrwertsteuer und Fahrtkosten nehme er. „Ich will den Menschen helfen.“

Gut zwei Stunden später ist der letzte Versuch beendet. Doppelhofer ist die Konzentration und Anspannung der vergangenen Stunden anzusehen. „In der zweiten Hälfte lief es nicht mehr ganz so gut, da hatte ich paar Durchhänger“, sagt er. Aber die geforderten sieben von 13 Treffer, die habe er geschafft.

"Störfelder" haben den Kandidaten verunsichert

Rainer Wolf vergleicht die Protokolle der drei Gruppen. Erstaunlicherweise sind Johann Doppelhofer sämtliche Treffer in der zweiten Hälfte der Versuchsreihe gelungen, als er sich nicht mehr so sicher fühlte. Aber es sind trotzdem nicht genug, gerade zwei. Nach den Gesetzen des Zufalls würde jeder Mensch – auch ohne Vitalisierer, Schweißdraht oder irgendeiner Strahlenfühligkeit – im Schnitt 1,3 Treffer erzielen.

Der Wassersucher schüttelt ratlos seinen Kopf. „Da war wohl an mancher Stelle der Wunsch der Vater des Gedanken.“ Genau, sagt der Testleiter Wolf. „Wir nennen es den Carpenter-Effekt: Dort, wo man etwas vermutet, werden unbewusst Fingerbewegungen ausgelöst.“ Die können etwa die Schweißdrähte zusammenführen oder das Pendel rechtsherum drehen lassen. „Sie brauchen ihre Hilfsmittel also gar nicht.“

Nun aber kommen die Argumente, die Wolf immer wieder nach den Testreihen zu hören bekommt. „Ich hätte bei jedem Becher pendeln sollen, das ist sicherer, hätte aber zu lange gedauert.“ Und dass es in dem Raum Störfelder gibt. „Wenn ich hier stehe, merke ich, wie etwas durch mich hindurchbrennt“, sagt Doppelhofer und zeigt auf den elektrischen Sicherungskasten an der Wand. „Ich kann es wissenschaftlich nicht beweisen, aber ich weiß, dass ich die Fähigkeit habe!“ Die Tiere hätten doch weniger Narkosemittel gebraucht und es gebe genügend Menschen, die dank ihm keine Schlafstörungen mehr hätten. Als er hinzufügt, dass er seine Beraterdienste weiter anbieten wolle, wird Wolf ungehalten: „Ich finde es gefährlich, wenn man Menschen einredet, es gebe eine schädliche Wasserstrahlung. Das versetzt sie in Angst und macht sie krank!“

Und überhaupt, es gebe keinen Beweis für die Existenz von rechts- und linksdrehendem Wasser. „Deshalb bringt auch der Vitalisierer nichts“, sagt Wolf. Daraufhin enstpinnt sich eine Diskussion wie man das überprüfen könne. Am Ende steht das Angebot, dass Doppelhofer im nächsten Jahr wiederkommt, die Störfelder im Raum neutralisiert und in einer wissenschaftlichen Versuchsanordnung die Wirksamkeit des Vitalisierers nachweisen könne.

„Das werde ich tun“, sagt der Mann und ergreift die ausgestreckte Hand von Wolf. Den Vitalisierer will bis dahin trotzdem weiter vertreiben. Die Kunden hätten ja ein 14-tägiges Rückgaberecht, wenn sie keine Wirkung erkennen.