Wissen : Und er spricht doch

Frauen quasseln, Männer schweigen? Eine Studie stellt das Klischee in Frage

Michael Simm

Ein Mann, ein Wort. Eine Frau, ein Wörterbuch. Glaubt man dem Psychologen Matthias Mehl und dessen amerikanischen Kollegen, dann lässt sich dieses Vorurteil nicht länger halten. Ausgestattet mit einem speziellen Aufnahmegerät ermittelte Mehl, dass Frauen täglich im Durchschnitt 16 215 Wörter von sich geben, die Männer kommen auf 15 669. Wie Mehl im Fachjournal „Science“ (Band 317, S. 82) schreibt, ergibt dies nach den Regeln der Statistik keinen „signifikanten“ Unterschied. Männer und Frauen reden also etwa gleich viel.

Das Besondere an Mehls Studie: Offensichtlich ist der Deutsche, der an der Universität von Tucson in Arizona lehrt, der Erste, der richtig nachgezählt hat. „Tatsächlich gab es keine einzige Studie, bei der die täglichen Gespräche vieler Menschen über einen längeren Zeitraum aufgenommen wurden“, sagt Mehl. „Es fehlt also an Daten, um Unterschiede im Wortgebrauch zwischen Männern und Frauen zuverlässig abschätzen zu können.“

Er sei grundsätzlich daran interessiert, was Menschen tagsüber tun, erklärt Mehl auf der Website. Wie oft lachen sie am Tag, wie lange telefonieren sie, wie lange reden sie mit ihren Partnern? Die Antworten auf solche scheinbar trivialen Fragen müssten das Fundament sein, auf dem eine Wissenschaft aufbaut, die sich für das Verhalten des Menschen interessiert, so Mehl. Dennoch würden Psychologen im Großen und Ganzen diesen wichtigen Schritt einfach überspringen.

Zusammen mit dem Psychologieprofessor James Pennebaker von der Universität Texas in Austin hat Mehl jahrelang sein Aufnahmegerät, den „Elektronisch Aktivierten Rekorder“ (EAR), entwickelt und immer weiter verkleinert. Damit lassen sich dezent Gespräche aufnehmen und speichern. Die rund 400 freiwilligen Teilnehmer der Untersuchung konnten nicht erkennen, wann sich das Gerät ein- oder ausschaltete. Der EAR wurde so programmiert, dass er alle 12,5 Minuten jeweils 30 Sekunden lang aufnahm. Die gespeicherten Gesprächsfetzen wurden abgeschrieben, die Worte gezählt und auf den ganzen Tag hochgerechnet.

Sechs Gruppen von Universitätsstudenten – fünf in den USA und eine in Mexiko – wurden zwischen 1998 und 2004 mit dem EAR ausgestattet und zwei bis zehn Tage lang überwacht. Aus diesen Daten errechneten die Psychologen dann die durchschnittliche Zahl der täglich gesprochenen Wörter: 16 215 für Frauen, 15 669 für Männer. Der Unterschied von 546 Wörtern zwischen den Geschlechtern entspricht gerade einmal sieben Prozent der Schwankungsbreite innerhalb der beiden Gruppen und war statistisch gesehen zu vernachlässigen. So benutzte der sprachaktivste Mann 47 000 Wörter und der maulfaulste etwas mehr als 500.

„Männer wie Frauen sprechen täglich etwa 16 000 Wörter, mit großen individuellen Unterschieden um diesen Mittelwert herum“, so Mehl. Seine Schlussfolgerung: „Der weit verbreitete und häufig veröffentlichte Stereotyp von der weiblichen Geschwätzigkeit ist unbegründet.“

Woher kommt nun der Mythos von ständig plappernden Frauen und ewig schweigsamen Männern? Eine der vielen, die mithalfen, falsche Vorstellungen zu verbreiten, ist die Psychiatrie-Professorin Louann Brizendine (Universität von Kalifornien in San Francisco). In ihrem auch auf deutsch erschienen Bestseller „Das weibliche Gehirn“ schreibt sie: „Eine Frau spricht etwa 20 000 Worte am Tag, ein Mann dagegen benutzt 7000“.

Mit diesem Satz wurde Brizendine im US-Fernsehen und im Radio ausgiebig zitiert. Angesehene Zeitungen wie New York Times oder Newsweek lobten das Werk. Die Washington Post wählte es sogar zum Sachbuch des Jahres 2006.

Als jedoch der Sprachexperte Mark Liberman von der Universität Pennsylvania die Quelle für Brizendines Behauptung suchte, konnte er keine einzige diesbezügliche Studie finden. Dies sei bemerkenswert, da Brizendine einerseits Klinikdirektorin an einer der angesehensten Forschungsstätten des Landes sei und sie andererseits genau diese Zahlen als Beleg für ihre These nutze, das weibliche Gehirn sei eine „gut geölte Kommunikationsmaschine“.

Libermann hatte gehofft, endlich eine verlässliche Quelle für die immer wieder zitierte Statistik zu finden. Stattdessen fand er in dem Buch einen Verweis auf ein Ratgeberbuch von Allen Pease, der mit der Bestätigung von Männer- und Frauenklischees in Werken wie „Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken“ oder „Warum Männer lügen und Frauen immer Schuhe kaufen“ sein Geld verdient.

Süffisant bemerkt Liberman, dass Pease über Jahre hinweg immer wieder andere Zahlen genannt hat: Im Jahr 2000 waren es 6000-8000 Wörter für Frauen und 2000-4000 Wörter für Männer; vier Jahre später hieß es in einem Interview mit dem Fernsehsender CNN „Frauen können täglich 20 000 bis 24 000 Wörter sprechen gegenüber einer Obergrenze beim Mann von 7000 bis 10 000“.

„Ähnliche pseudowissenschaftliche Bibelgeschichten sind leider in Psychologiebüchern für Laien gang und gäbe“, beklagt der Sprachforscher. Die Autoren von Selbsthilfebüchern hätten im Allgemeinen keine sehr hohen Standards für Genauigkeit. Journalisten würden sie allzu oft ungeprüft beim Wort nehmen.

In seinem Internetjournal „Language Log“ hat Liberman auch eine große Zahl von Mythen über den Sprachgebrauch aufs Korn genommen – von englischen Kühen, deren Akzent beim Muhen die Herkunft verraten soll bis zur Behauptung, die Eskimos hätten 200 unterschiedliche Worte für Schnee.

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