Unis der Zukunft : „Mut zum Experiment aufbringen“

Beim Ehrenkolloquium für George Turner diskutierten Experten über die „Universität der Zukunft“.

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Bildung durch Wissenschaft. Dieses Ziel würde sich besser erreichen lassen, wenn Professoren mehr Zeit zu forschen hätten, meint Ernst-Theodor Rietschel, der frühere Präsident der Leibniz-Gemeinschaft. Das Foto zeigt Studierende der Universität Bonn.
Bildung durch Wissenschaft. Dieses Ziel würde sich besser erreichen lassen, wenn Professoren mehr Zeit zu forschen hätten, meint...Foto: imago/JOKER

Das einzige Beständige in der Hochschulpolitik wird auch fortan der Wandel bleiben, hat George Turner in seinem Buch „Von der Universität zur university“ formuliert: „Man kann immer nur versuchen – vom eigenen Standpunkt aus – das Beste daraus zu machen.“ Das ist keineswegs resignativ gemeint, sondern im Gegenteil eine Aufforderung, sich einzumischen. Turner selbst hat darin einige Erfahrung gesammelt: als langjähriger Präsident der Universität Hohenheim, als Präsident der Westdeutschen Rektorenkonferenz, als Berliner Wissenschaftssenator, als Autor von elf Büchern und als Tagesspiegel-Kolumnist. Als die Humboldt-Universität für ihn am Montag ein Ehrenkolloquium anlässlich seines 80. Geburtstages im vergangenen Mai veranstaltete, griff Turner dann auch immer wieder zum Saalmikrofon, um sich in die Debatte über die „Universität der Zukunft“ einzuschalten.

"Mehr und bessere Forschung"

Den ersten Impuls lieferte Ernst-Theodor Rietschel, der frühere Präsident der Leibniz-Gemeinschaft. Ziel der „Universität der Zukunft“ müsse wie bislang „Bildung durch Wissenschaft“ sein, sagte Rietschel. Dazu müsse es aber „mehr und bessere Forschung“ geben. Die Professoren müssten von Zwängen und Vorgaben befreit werden und deutlich mehr Zeit für die Forschung haben. Deutlich mehr Professuren müssten geschaffen werden. Dies könne fast kostenneutral geschehen, wenn Stellen im Mittelbau an großen „Lehrstühlen“ umgewandelt werden und sich Professoren außeruniversitärer Einrichtungen (freiwillig) stärker in die Lehre einbringen. Überhaupt sollten Institute der Leibniz- oder der Helmholtz-Gemeinschaft „auf den Campus“ geholt werden. Man solle den „Mut“ aufbringen, „Experimente zu wagen“, sagte Rietschel.

Qualitätsmanagement gegen "wissenschaftlichen Müll"

Zu den nötigen Neuerungen gehöre angesichts der Unterfinanzierung auch der Abschied von der Volluniversität. Die Unis müssten sich „funktionell ausdifferenzieren“, also jeweils unterschiedliche Schwerpunkte setzen. Außerdem bräuchten sie ein striktes Qualitätsmanagement. 30 Milliarden Euro würden in der biomedizinischen Forschung jedes Jahr verschleudert, weil sich bis zu 80 Prozent der Studien nicht reproduzieren ließen, „also wissenschaftlichen Müll darstellen“, wie Rietschel formulierte. Die „Rückbesinnung auf die Wertekultur“ in der Wissenschaft scheitere bisher aber an dem hohen Publikationsdruck und an dem Leitungspersonal, das der Meinung sei, die Lage gehe es nichts an.

Dorothee Dzwonnek, die Generalsekretärin der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), sieht die Universität gerade angesichts der gesellschaftlichen Folgen der Digitalisierung in der Verantwortung, den „Mut des Einzelnen zu schärfen, sich des eigenen kritischen Verstandes zu bedienen“. Wie Rietschel hält sie „mehr und bessere Forschung“ für nötig. Aber diese müsse den Unis direkt und nicht über die Außeruniversitären ermöglicht werden. Die Unis müssten „Kraftzentren und Treiber“ der Wissenschaft sein. Die Außeruniversitären hätten ihre eigenen Aufgaben. Die Leibniz-Gemeinschaft leide weiter an einer fehlenden gemeinsamen Ausrichtung ihrer Institute. Manche Institute seien Serviceeinrichtungen. Sie könnten in Zukunft allein vom Bund finanziert werden, sagte Dzwonnek. Andere seien so forschungsstark, dass sie in die Max-Planck-Gemeinschaft wechseln könnten. Wieder andere könnten an Unis platziert werden. Die Möglichkeit, Professuren durch Umwandlung von Mittelbaustellen zu schaffen, wie Rietschel vorschlägt, hält Dzwonnek für sehr begrenzt. „Lehrstühle“ gebe es gar nicht mehr. Auf eine Professur komme üblicherweise kaum mehr als ein wissenschaftlicher Mitarbeiter.

"Erschütternd, dass die Politik das nicht begreift"

Walter Rosenthal, Präsident der Uni Jena, hält das Mantra der „Ausdifferenzierung“ für überdehnt. Es sei einer Uni gar nicht möglich, einfach neue Themenschwerpunkte zu setzen. Schließlich müsse dafür zunächst ein Professor in Pension gehen. Vor allem sei die Themensetzung gegenüber der Berufung „brillanter Köpfe“ nachrangig.

George Turner warnte vor der großen Gefahr, in der sich die Universitäten aktuell befänden. Denn die Politik sei dabei, den Fachhochschulen das Promotionsrecht zu übertragen. Als Nächstes würden dann auch die Außeruniversitären dieses Recht verlangen. Könnten sie promovieren, hätten sie keinen Grund mehr, mit den Universitäten zu kooperieren. Die Universitäten würden weiter geschwächt. „Es ist erschütternd, dass die Politik das nicht begreift“, sagte Turner.

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