Wissen : Ursprung der Moral

Die Unterscheidung zwischen Gut und Böse ist nicht nur Erziehungssache – der Sinn für Gerechtigkeit wird uns in die Wiege gelegt.

Bas Kast

Am 24. Januar 1989 um 7 Uhr 16 wurde in Starke, Florida, einer der berüchtigtsten Serienkiller in der Geschichte der Menschheit für tot erklärt. Mehr als 2000 Volt waren kurz zuvor zwei Minuten lang durch seinen Körper geströmt, dann war die Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl vollzogen. Hunderte von Menschen hatten sich vor den Toren des Florida State Prison versammelt. Als der Tod des Gefangenen verkündet wurde, jubelten nicht Wenige von ihnen: Für sie war mit der Hinrichtung ein Stück Gerechtigkeit "wiederhergestellt".

Sofern das in diesem Fall überhaupt möglich war. Der Mann, Ted Bundy, hatte mindestens 28 junge Frauen brutal getötet. Vermutlich liegt die tatsächliche Zahl seiner Opfer eher bei 35, genau weiß es keiner. Keiner nämlich konnte sich auf das, was Ted Bundy sagte, verlassen. Kurz vor seiner Hinrichtung gab er zwar einige seiner Morde zu, doch wohl nur, um den Zeitpunkt seiner Hinrichtung hinauszuschieben. Auf die Frage, ob er angesichts seiner grausamen Taten so etwas wie Schuld empfinde, meinte Bundy: "Schuldbewusstsein? Das ist der Mechanismus, mit dem Menschen gesteuert werden. Es ist eine Illusion. Es ist ein gesellschaftlicher Kontrollmechanismus – und er ist sehr ungesund."

Ted Bundy war das, was man einen "Psychopathen" nennt – einen Menschen, der blind ist gegenüber den Gefühlen seiner Mitmenschen. Psychopathen kennen nur das eigene Wohlbefinden, sie handeln stets aus purem Egoismus, völlig ungetrübt durch jenen "gesellschaftlichen Kontrollmechanismus" namens Schuld. Wäre jeder Mensch psychopathisch veranlagt, es könnte so etwas wie eine Gesellschaft schlicht nicht geben.

Offenbar trägt das Gefühl der Schuld oder ganz allgemein: moralisches Empfinden entscheidend dazu bei, dass wir nicht immer nur rücksichtslos unsere eigenen Interessen verfolgen. Wir Menschen sind nicht zuletzt deshalb so erfolgreiche Tiere, weil wir nicht nur ein animal rationale, sondern auch ein animal morale sind.

Aber was genau ist die Grundlage der Moral? Woher kommt sie? Entspringt sie unserer Natur, unserer Erziehung, unserer Kultur? Ist sie eine Sache des Gefühls oder des Verstands?

In den letzten Jahren sind Forscher vermehrt diesen Fragen nachgegangen. Dabei haben sie zwei zentrale Entdeckungen gemacht. Erstens, Moral ist nicht nur eine Erziehungssache. Stattdessen stecken uns die Grundzüge der Moral bereits in den Genen. Der Harvard-Forscher Marc Hauser spricht gar von einem "Moralinstinkt", mit dem wir zur Welt kommen – von einigen Psychopathen vielleicht abgesehen. Die zweite zentrale Erkenntnis lautet: Die Wurzeln der Moral entspringen, wie es scheint, nicht der Vernunft, sondern eher unseren archaischen Gefühlen und Intuitionen, die erst nachträglich von der Vernunft ihre Rechtfertigung erhalten.

Dazu ein Beispiel. Einen blutenden Menschen am Straßenrand liegen zu lassen statt ins Krankenhaus zu bringen, halten die meisten Menschen für verwerflich. Egal, ob der Verletzte die Ledersitze des Autos ruinieren könnte. Dagegen finden viele es in Ordnung, wenn man eine gewisse Geldsumme (sagen wir, im Wert eines Ledersitzes) nicht für eine medizinische Wohlfahrtsorganisation in Afrika spendet, sondern sich stattdessen etwas Luxuriöses davon kauft (zum Beispiel Ledersitze). Warum ist das so?

In Auswirkungen unterscheiden sich die Szenarien nicht wesentlich. "In beiden Fällen hat man die Möglichkeit, jemanden, der medizinische Hilfe braucht, zu unterstützen", sagt der Harvard-Philosoph Joshua Greene. Und das zu relativ geringen Kosten. Dennoch bewerten wir die beiden Fälle unterschiedlich. Rein rational, meint Greene, lasse sich das nicht schlüssig begründen. Es hänge vielmehr damit zusammen, wie unser Hirn von der Evolution verdrahtet wurde.

Ein blutender Mensch am Straßenrand – das ist eine persönliche Sache, sie betrifft das eigene Umfeld, die eigene Gruppe. Die Spende für Hilfsbedürftige in fernen Ländern dagegen ist unpersönlich. Unsere Vorfahren in der Savanne, meint Greene, hatten in ihren Jäger-Sammler-Gruppen einen klaren Überlebensvorteil, wenn sie sich im Notfall gegenseitig halfen. So hat uns die Evolution ein moralisches Empfinden mit auf dem Weg gegeben, das auf persönlichen Kontakt geeicht ist. Unpersönliche One-Way-Spenden für Stammesgruppen am Ende der Welt jedoch – das ist etwas evolutionär Neues. Auf diese Situation sind zumindest unsere Instinkte nicht vorbereitet. In diesem Fall müssen wir uns erst mit der Vernunft davon überzeugen, dass auch sie sinnvoll und moralisch sind.

Um diese Hypothese weiter zu untermauern legte der Philosoph Testpersonen in einen Kernspintomographen, während diese über die beiden Szenarien sinnierten. Da zeigte sich: In der persönlichen Situation wurden tatsächlich Gefühlszentren und solche Hirnareale, die wir in sozialen Situationen benötigen, besonders aktiviert. "Bedürftige Menschen, die uns nahe sind, rufen bei uns Mitgefühl hervor", so Greene. Beim Spenden- Beispiel dagegen leuchteten vor allem Hirnfelder auf, die man mit dem klassischen Verstand in Verbindung bringt.

Nicht der abwägende Verstand, sondern Gefühle scheinen also zumindest für einige unser moralischen Urteile die Basis zu sein. Dafür sprechen auch weitere empirische Befunde.

So erzählte US-Psychologe Jonathan Haidt von der Universität Virginia Testpersonen folgende Geschichte und bat sie um ihre Einschätzung: "Julie und Mark sind Bruder und Schwester. Eines Abends beschließen sie, dass es schön wäre, einmal miteinander zu schlafen. Julie nahm bereits die Pille, doch um ganz sicher zu gehen, benutzte Mark noch ein Kondom. Beide empfanden es als ein schönes Erlebnis. Sie hielten es geheim und fühlten sich einander dadurch noch näher."

Was würden Sie sagen: War es in Ordnung, dass die beiden Geschwister miteinander schliefen? Die meisten Menschen rufen an dieser Stelle spontan "nein!", als müssten sie darüber überhaupt nicht weiter nachdenken.

Ebenso ging es Haidts Testpersonen. Als der Forscher die Leute dann nach den Gründen ihrer Ablehnung befragte, meinten einige, die Geschwister würden vielleicht unter der Tat leiden, woraufhin der Psychologe entgegnete, dass dies nicht der Fall sei, dass sich im Gegenteil die Geschwister sehr wohl dabei fühlten. Wie der Forscher berichtet, sagten die meisten irgendwann schlicht und einfach: „"Ich weiß es nicht, ich kann es nicht erklären, ich weiß einfach, dass es falsch ist."

Offenbar ist es nicht in erster Linie unsere Vernunft oder unser bewusster Verstand, sondern ein unbewusster Instinkt, der uns Sex unter Geschwistern als "falsch" empfinden lässt – ein Instinkt gegen Inzest. Vermutlich ist dieser Instinkt eine Notbremse der Natur, da es bei Nachkommen von Geschwistern häufiger zu genetisch bedingten Fehlbildungen kommt.

Wären unsere Moralurteile Verstandessache, müssten wir sie auch mit dem Verstand erklären können. Haben sie eher intuitiv-emotionalen Ursprung, der mit unserer Entwicklungsgeschichte zusammenhängt, ergibt es Sinn, wenn man zwar spürt, dass manche Verhaltensweisen "falsch" sind, dies aber nicht restlos begründen kann. Hinter unseren moralischen Empfindungen steckt zwar so etwas wie eine "Vernunft der Natur" – diese aber ist nicht unbedingt unserer modernen Welt angepasst.

Ein weiteres Beispiel dafür ist unser instinktiver Durst nach Rache. In einer archaischen Gesellschaft war es vermutlich wichtig, sich nicht unterbuttern zu lassen. Ohne Staat und Justiz gab es kaum andere Möglichkeit, einen Betrüger oder Verbrecher zur Rechenschaft zu ziehen, als zur Selbstjustiz zu greifen. In einem Rechtsstaat sind archaische Formen der Rache rational gesehen weitgehend überflüssig.

Und doch scheint das an unseren Gefühlen kaum etwas zu ändern. Wie Züricher Forscher zeigen konnten, befriedigt es uns zutiefst, Verbrecher zur Rechenschaft zu ziehen: Bei Testpersonen, die im Kernspintomographen eine Vergeltungsaktion gegen einen Betrüger starten durften, wurden die Lustzentren des Gehirns so aktiv wie sonst nur beim Sex.

Vor diesem Hintergrund lässt sich vielleicht auch die Genugtuung verstehen, die manche bei der Hinrichtung von Ted Bundy empfanden.

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