Widerstand gegen die Nazis : „Wer Mut hatte, konnte sich wehren“

An die Helden des 20. Juli erinnert sich fast jeder. Doch Widerstand gegen Hitler gab es nicht nur im Militär, sondern auch in den Gewerkschaften. Ein Gespräch mit dem Historiker Siegfried Mielke.

Gemma Pörzgen
Gewerkschaftsdemo in den 20ern
Langer Kampf. In der Weimarer Republik hatten die Gewerkschaften mehrere Millionen Mitglieder, hier eine Demo in den 20ern. 1933...Foto: picture alliance / akg-images

Herr Mielke, mit der Rede des DGB-Vorsitzenden Reiner Hoffmann zum 20. Juli wird bei der Feierstunde der Bundesregierung und der Stiftung 20. Juli 1944 in der Gedenkstätte Plötzensee erstmals das Gedenken an den Arbeiter- und Gewerkschaftswiderstand stärker in den Vordergrund rücken. Freut Sie das?
Ja, natürlich. Ich bin selbst kein Gewerkschaftsmitglied, habe aber mehr als ein Dutzend Bücher zum Thema Gewerkschaftsgeschichte verfasst. Mich stört, dass in der bundesdeutschen Erinnerungskultur die Gewerkschaften bislang nur ein randständiges Thema sind. Dabei zeigt die neuere Forschung, dass es dort sehr viel mehr Widerstand gegen die NS-Diktatur gab als bisher angenommen. In der Zeit des Kalten Krieges kam dann hinzu, dass im Westen alle linken Widerstandsgruppen eher stiefmütterlich behandelt wurden, während in der DDR der Fokus eindeutig auf dem kommunistischen Widerstand lag. Heute haben wir da ein differenziertes Bild von der Vielfalt des Widerstandes.

Wie ist das zu erklären?

In den 1970er und 1980er Jahren waren es eher linke, marxistisch orientierte Historiker, die sich diesem Thema widmeten. Sie haben den Gewerkschaftern, die bei der Gleichschaltung im Frühjahr 1933 auch aus meiner Sicht mit ihrer Anpassungs- und Tolerierungspolitik gegenüber den Nationalsozialisten versagt haben, nicht zugetraut, danach noch Widerstand zu leisten. Heute können wir auf viele Akten, beispielsweise die Entschädigungsakten, zugreifen, die der Forschung damals noch nicht zur Verfügung standen. Außerdem blieben die internationalen Kontakte der Gewerkschafter für ihren Widerstand lange weitgehend ausgeblendet.

Unser Bild vom Widerstand gegen den Nationalsozialismus ist sehr stark vom militärischen Widerstand und von Einzelfiguren wie Claus Schenk Graf von Stauffenberg geprägt. Ist das überhaupt richtig?

Nein, es ist nicht richtig. Der Widerstand war viel vielfältiger und setzte in den Gewerkschaften viel früher ein. Die Funktionäre, die im Frühjahr 1933 nach der Zerschlagung der Gewerkschaften zunächst versagt hatten, haben wenige Monate später schon überlegt, wie man gegen das NS-System arbeiten kann. Sie haben schnell erkannt, dass sie die Nationalsozialisten unterschätzt hatten. Deshalb versuchten sie, den Zusammenhalt der Gewerkschafter zu wahren und Informationen über das NS-Regime ins Ausland zu geben. Es handelte sich zumeist um kleine illegale Zirkel, aber auch um reichsweite Widerstandsnetzwerke, die viele hundert Leute umfassten. Das können wir heute beispielsweise für die Metallarbeiter belegen. Im Metallarbeiterbezirk von Halle, Dresden, Berlin und Königsberg engagierte sich mehr als die Hälfte der hauptamtlichen Funktionäre im Widerstand.

Wie sah der Widerstand dieser Leute aus?

Sie haben Netzwerke gebildet und schon dadurch für einen Zusammenhalt gesorgt. Außerdem haben sie Informationen aus den Betrieben gesammelt. Während die meisten Kommunisten in den Betrieben verhaftet wurden, behielten viele der sozialdemokratischen Betriebsräte und einfachen Gewerkschaftsmitglieder ihren Arbeitsplatz. Sie konnten in der Phase vor dem Zweiten Weltkrieg über die Kriegsvorbereitungen berichten, über den Ausbau der Produktion für Flugzeuge, Gasmasken oder Munition. Diese wichtigen Informationen wurden dann über führende Funktionäre auch ins Ausland vermittelt.

Sie sagten, das ging schon in den dreißiger Jahren los?

Anders als der militärische Widerstand fing der Gewerkschaftswiderstand nicht erst während des Zweiten Weltkrieges an, als es schon darum ging, Vorbereitungen für die Zeit danach anzustellen. Er begann schon Anfang der 30er Jahre. Bis 1935/36 wurden die größeren Zirkel und Widerstandsnetzwerke zwar von den Nazis zerschlagen. Aber danach gibt es weiterhin zahlreiche, gewerkschaftliche Widerstandsgruppen auf Betriebsebene, auch auf lokaler Ebene. Einzelne Gruppen, die nicht so sehr mit Flugblättern und Aufklärungsaktionen an die Öffentlichkeit gingen, konnten wie die Mitglieder einer Widerstandsgruppe des Deutschen Bekleidungsarbeiterverbandes bis zum Kriegsbeginn bestehen.

Wie ging die Gruppe vor?

Der ehemalige Vorsitzende des Bekleidungsarbeiterverbandes, der Schneider Martin Plettl, ging in die Emigration in die USA. Dort besorgte er Geld und transferierte es über eine internationale Gewerkschaftsorganisation nach Deutschland an die Gruppe. Auf diese Weise konnte selbst so ein kleiner, schwacher Verband Akzente setzen, einen Teil der Arbeiterschaft aufklären und Informationen über Kriegsvorbereitungen ins Ausland schaffen.

Wie äußerte sich der Widerstand der Arbeiter noch?

Auch die Widerständler bei den Eisenbahnern verfügten über enge Kontakte in die Benelux-Staaten. Dabei drohte all diesen Leuten wegen Hochverrats die Todesstrafe. Viele haben wegen ihrer Widerstandstätigkeit ihr Leben verloren. Auch Sabotageakte hat es vereinzelt gegeben, wenn Eisenbahner beispielsweise Züge auf falsche Gleise gelenkt haben, damit diese nicht so schnell ihr Ziel erreichten. Als Widerstand ist aber jede Aktion zu werten, die beabsichtigte, das NS-System zu schwächen oder sogar zu stürzen. Dazu gehören natürlich der Staatsstreich oder Sabotageakte, aber eben auch die wichtige Aufklärungsarbeit über das Regime.

Warum gab es bislang beim DGB so wenig Interesse an der eigenen Geschichte?

Ich denke, es ist eine gewisse Nachlässigkeit vonseiten der Gewerkschaften, dass sie sich nicht genug um ihre Gewerkschaftsgeschichte kümmern. Ich kann verstehen, wenn Gewerkschafter ein größeres Interesse an aktueller Expertise zur Tarif- und Sozialpolitik oder zu TTIP haben. Allerdings würde ich mir mehr Unterstützung für Forschungsarbeiten zum gewerkschaftlichen Widerstand wünschen. Denn selbst bedeutende Gewerkschafter unter den Widerstandskämpfern sind in der Öffentlichkeit nicht bekannt.

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Eva Sternheim-Peters im Gespräch mit dem Tagesspiegel vor ihrer Lesung aus "Habe ich denn allein gejubelt? Eine Jugend im Nationalsozialismus" im Verlagshaus. Mehr im Video.

Zum Beispiel?

Nehmen Sie Heinrich Schliestedt. Er war Vorstandsmitglied des Deutschen Metallarbeiterverbandes, das war die bedeutendste Einzelgewerkschaft in der Weimarer Republik. Schliestedt war Mitglied der Illegalen Reichsleitung der Gewerkschaften und hat zusammen mit dem Vorsitzenden Alwin Brandes und anderen eine Widerstandsgruppe der Metaller auf den Weg gebracht, die in zahlreichen Gebieten Deutschlands verankert war. Er musste 1934 fliehen, weil die Gestapo ihn verfolgte, ging in die Tschechoslowakei und baute dort die Auslandsvertretung deutscher Gewerkschafter auf. Obwohl er eine bedeutende Rolle auf wichtigen Posten spielte und im Widerstand sehr aktiv war, kennt ihn heute so gut wie keiner.

Was bringt es uns heute, wenn wir uns mit dem Arbeiterwiderstand befassen?

Es zeigt uns, dass es in den verschiedensten Berufen und in den unterschiedlichsten Phasen des Nationalsozialismus möglich war, sich zu wehren, wenn man den Mut dazu hatte, so wie viele tausend Gewerkschafter. Das ist eine Erfahrung, die man heute auch in Auseinandersetzungen mit Rechtsradikalen, Neonazis oder Antisemiten viel stärker verwerten könnte.

Siegfried Mielke ist Professor für Politologie an der Freien Universität Berlin im Ruhestand. Er hält am heutigen Montag in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand eine Rede.

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