Willy Brandts Vermächtnis heute

Seite 3 von 3
Zum 100. Geburtstag von Willy Brandt : Offenheit, Dialog und Kompromiss
Thorvald Stoltenberg

Seit dem Ende des Kalten Krieges leben wir in Europa freier und offener als je zuvor. Die Anzahl der Kriege und Konflikte insgesamt nahm ab, aber einige rückten uns auch sehr nahe – der Jugoslawien-Krieg, der 11. September, Afghanistan, Irak, der Krieg gegen den Terror oder die Konflikte im Nahen Osten.

Auch die Bemühungen um Abrüstung und Rüstungskontrolle stagnieren: Das 1996 ausgehandelte umfassende Atomtestverbot (CTBT) ist noch immer nicht in Kraft, Atomwaffen der USA und Russlands wurden zwar reduziert, werden aber weiter modernisiert und befinden sich weiterhin im „High Alert“-Zustand. Unilateralismus prägt mehr das internationale Krisenmanagement als das Gebot der Zusammenarbeit.

Deshalb haben sich in den USA und anderen Ländern u.a. 4er-Gruppen von „Elder Statesmen“ gegründet, um die Verpflichtung zur Zusammenarbeit bei der atomaren Abrüstung anzumahnen. Weil aus ihrer Sicht mehr Miteinander statt Gegeneinander beim Umgang mit Krisen und Konflikten dringend erforderlich ist, erinnerte die deutsche Gruppe der „Elder Statesmen“ – Helmut Schmidt, Richard von Weizsäcker, Egon Bahr und Hans-Dietrich Genscher – aus Anlass des 40. Jahrestags der Verleihung des Friedensnobelpreises an Willy Brandt am 11.12.2011 daran, dass die in seiner Osloer Rede entwickelten Prinzipien auch zur Bewältigung der Konflikte des 21. Jahrhundert genutzt werden sollten.

Ich persönlich stimme dieser Mahnung durchaus zu und möchte drei Ergänzungen zur Verwirklichung von Willy Brandts Vermächtnis nach dem Ende des Kalten Krieges formulieren.

Erstens: Mehr Offenheit und Demokratie! Man sollte dem Terror mit mehr Offenheit und Demokratie (d.h. nicht „Naivität“!) begegnen, und nicht mit mehr Verschlossenheit und weniger Demokratie! Als wir in Norwegen am 22. Juli 2012 dem Terror und Massenmord durch eine Person ausgesetzt waren, haben wir zu Tausenden mit mehr Offenheit und mehr Demokratie geantwortet. Das Ergebnis war breiteste Solidarität und Unterstützung aus allen Strömungen unserer Gesellschaft. Und der vom Gericht verurteilte Terrorist und seine Ideologie waren grenzenlos isoliert, trotz oder gar wegen aller Offenheit. Diese Reaktion war anders als die Reaktion von Präsident Bush auf den 11. September 2001.

Zweitens: Dynamik von Konflikten nur durch Dialog zu lösen! Wir können KRIEG nicht „weg“erfinden, und alle Konflikte sind verschieden. Aber wir müssen lernen, anders mit der Dynamik von Konflikten umzugehen! – Auch das ist eine Lehre von Willy Brandt! Und die liegt mir persönlich sehr am Herzen: Man kann die Dynamik von Konflikten nur dann deeskalieren, wenn man mit ALLEN spricht, die im Konflikt Macht haben. Wenn man nicht direkt mit einer Konfliktpartei redet, kann man auch keine Vereinbarung erzielen! Das heißt Kommunikation zwischen und mit Konfliktparteien ist Voraussetzung für jede tragfähige Konfliktlösung.

Drittens: Den Kompromiss aufwerten, denn ohne Kompromisse keine Problemlösung! Kompromisse und Kompromissbereitschaft sind Voraussetzung für JEDE Problemlösung – ob in der Familie, in der Gesellschaft, lokal oder international. Das heißt, dass wir unsere Herangehensweise an Konfliktlösungen ändern müssen: Wir sollten aufhören, den Kompromiss nur als „notwendiges Übel“ oder als etwas darzustellen, was wir unter „anderen“ Bedingungen wieder in Frage stellen. Nur die Bereitschaft zum Kompromiss, zum Interessenausgleich und zur Respektierung des Anderen und seiner Andersartigkeit kann in der globalisierten Welt den Weg zum Zusammenleben und zur friedlichen Veränderung eröffnen. Gerade dies war das Geheimnis des Erfolges der Politik Willy Brandts, die zur friedlichen Öffnung und Vereinigung Europas geführt hatte. Die Alternative, die Kompromisslosigkeit bei der Durchsetzung der eigenen Interessen und Werte, hat in der Regel nur eine Konsequenz: Erzwingung, Gewalt und Krieg. Lasst uns daher den Kompromiss als Prinzip wieder höher bewerten: Der Kompromiss ist die Voraussetzung für Frieden und Entwicklung.

Aufgezeichnet und aus dem Norwegischen übersetzt von Wolfgang Biermann

Quiz: Was wissen Sie über Willy Brandt?

3 Kommentare

Neuester Kommentar