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Mauerkreuze sind wieder da : Über Kreuz mit der Kunst

Die vor einer Woche gestohlenen Gedenkkreuze wurden zurückgebracht. Nach der Protestaktion gegen die EU-Flüchtlingspolitik wächst der Druck auf das Maxim-Gorki-Theater.

von , und Merle Collet
Alle sieben Mauerkreuze sind wieder zurück am Spreeufer neben dem Reichstag. Das Kreuz in der Mitte war auch vorher schon frei geblieben.
Alle sieben Mauerkreuze sind wieder zurück am Spreeufer neben dem Reichstag. Das Kreuz in der Mitte war auch vorher schon frei...Foto: Merle Collet

Die Holzkreuze zum Gedenken an die Maueropfer sind zurück – aber der politische Streit beginnt jetzt erst richtig. Am Montag wurde die Protestaktion des „Zentrums für politische Schönheit“ im Innenausschuss des Abgeordnetenhauses kontrovers diskutiert. Und in der CDU mehren sich Stimmen, die der Intendantin des Maxim-Gorki-Theaters, Shermin Langhoff, schwere Vorwürfe machen. Sie hatte die Aktion unterstützt, mit der rund um den 25. Jahrestag des Mauerfalls an das Leid heutiger Flüchtlinge erinnert werden sollte. Die Kreuze waren in der Nacht zu Montag vor einer Woche abmontiert worden.

Langhoff trage „volle Verantwortung für die von ihr betriebene Zusammenarbeit mit den Aktivisten“, sagte der Bundestagsabgeordnete Philipp Lengsfeld (CDU). Er droht mit Konsequenzen für das Theater, dessen Festival „Voicing Resistance“ mit 100 000 Euro von Land und Bund gefördert wurde: „Die Kulturpolitiker im Bundestag werden klären müssen, ob Geld aus dem Hauptstadtkulturfonds direkt oder indirekt für diese Aktion verwendet wurde.“

Das "Zentrum für politische Schönheit" bekam 10.000 Euro

Diese Frage ist allerdings schon beantwortet: Das „Zentrum für politische Schönheit“ bekam 10.000 Euro – zehn Prozent des staatlichen Festival-Zuschusses. Nach Angaben des Sprechers der Senatskulturverwaltung, Günter Kolodziej, hat die Leitung des Gorki-Theaters versichert, von den Details der Aktion vorher nichts gewusst zu haben. Im Förderantrag sei nur die Rede von einer Aktion gewesen, die „den Mauerfall hinterfragen und auf neue Mauern Europas aufmerksam machen“ wolle.

Genehmigt hat den Zuschuss neben Berlin auch der Bund, vertreten durch Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU). Sie wollte dazu am Montag keine Stellung nehmen.

Die Gruppe um den Schauspieler Philipp Ruch hatte wie berichtet vor einer Woche die sieben doppelseitig beschriebenen Kreuze entfernt, die am Reichstag an Todesopfer der Berliner Mauer erinnern. Außerdem reiste die Gruppe per Bus an die EU-Außengrenzen mit der Absicht, Teile der Grenzanlagen zu zerstören. Zuvor waren Nachbildungen der Kreuze an die EU-Grenzen gebracht worden. Diese waren in der Werkstatt des Gorki-Theaters hergestellt worden, wie das Theater auf Nachfrage bestätigte. Allerdings habe man von der geplanten Entwendung der Originalkreuze nichts gewusst, heißt es in einer Erklärung des Theaters. "Wenn bei der Aktion des Künstlerkollektivs die Gefühle von Angehörigen verletzt worden sind, so möchten wir uns uneingeschränkt und bedingungslos bei ihnen entschuldigen, - nichts lag und liegt uns ferner, als das Schicksal von Menschen, die für die Freiheit ihr Leben lassen mussten, zu verunglimpfen und das Andenken zu entweihen", schreibt Intendantin Shermin Langhoff.

Die Aktivisten hatten behauptet, auf Fotos von den EU-Grenzen seien die Originalkreuze aus Berlin zu sehen – was offensichtlich nicht stimmte.

Die Polizei beobachtete drei Männer und eine Frau

Seit Montag hängen die Kreuze nun wieder am bisherigen Ort. Die Polizei beobachtete am Sonntag gegen 22.30 Uhr – also nach Ende der Feiern zum Mauerfalljubiläum – drei Männer und eine Frau, die die Kreuze wieder anschrauben wollten. Ihre Personalien wurden aufgenommen, Ruch war dem Vernehmen nach nicht dabei. Polizeipräsident Klaus Kandt sagte am Montag im Abgeordnetenhaus, bereits am 4. November habe ein Anwalt im Namen der Gruppe mitgeteilt, dass die Kreuze am 10. November zurückgegeben werden sollten. „Nun ging es etwas schneller“, sagte Kandt. Dennoch ermitteln Polizei und Justiz weiter. Angehörige von Maueropfern hatten Anzeigen erstattet. „Man kann jetzt nicht einfach zur Tagesordnung übergehen“, sagt Jens Wieseke, der im Namen seiner Patentante eine Anzeige gestellt hatte. Eines der Kreuze erinnert an deren Bruder, der 1961 bei einem Fluchtversuch ertrank.

Die Opposition kritisiert die Aktion, wie auch die Reaktion von Innensenator Frank Henkel. Der hatte die Tat als „verabscheuungswürdig“ gegeißelt und festgestellt: „Besonders bitter ist, dass diese Komplizenschaft offenbar mit Steuergeldern gefördert worden ist.“ Der Grünen-Landesvorsitzende Daniel Wesener schreibt in einem Beitrag für Tagesspiegel Online, das könne man „als Drohung verstehen“, was ihn „ein bisschen an die DDR“ erinnere. Der Linken-Kulturpolitiker Wolfgang Brauer sagte: „Ich empfehle verbale Abrüstung auf beiden Seiten. “

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