— SZENARIO 1 — : Neuer Raumbahnhof, alte Probleme

Berlin-Schönefeld, September 2787. Bei archäologischen Untersuchungen des Geländes, das als neuer Raumbahnhof vorgesehen ist, werden Reste einer steinernen Substanz entdeckt, die Experten als Betong oder Bähtonn identifizieren, ein Baumaterial aus dem Spätmittelalter Deutschlands. Nach ihren Auffassungen handelt es sich um riesige Sportanlagen, die im späten 20. Jahrhundert von Fußballspielern genutzt wurden. Einzelne Einwände, eine so harte Substanz sei als Unterlage für Ballsport nicht geeignet, werden zurückgewiesen. Ein wegen seiner eigenwilligen Auffassungen häufig belächelter Historiker behauptet sogar, es müsse sich um Anlagen eines alten Flughafens gehandelt haben, von dem aus seinerzeit die Städte des europäischen Kontinentes erreicht werden konnten. Allerdings kann auch er nicht erklären, weshalb die Anlage keinerlei Benutzungsspuren aufweist.

Währenddessen wird das Projekt des Raumbahnhofs von einer zähen politischen Diskussion überschattet. Die Baukosten, ursprünglich auf drei Milliarden Neo-Dublonen veranschlagt, verdreifachen sich noch vor Baubeginn. Jaroslaw Sparrow, der von der Piratenpartei gestellte Premierminister des Bundeslandes Neuschlesien, setzt sich in einer Abstimmung des virtuellen Länderparlaments knapp durch, muss aber einräumen, dass die Brandschutzanlagen des Abreiseterminals zu klein dimensioniert sind und komplett neu geplant werden müssen.

Derweil macht der Rückbau der mitteleuropäischen Hauptstadt Berlin gute Fortschritte. Da sich sämtliche Menschengruppen ganz nach Wunsch über virtuellen Datenaustausch miteinander vernetzen können, werden herkömmliche Büros, wie sie noch in großen Teilen des 3. Jahrtausends üblich waren, immer überflüssiger. Deshalb sind die Grundstückspreise in den letzten Jahrzehnten drastisch gesunken, die in den vorangegangenen Jahrhunderten gewachsene Skyline wurde nach und nach abgetragen. Am alten Potsdamer Platz ragt aber noch der fast einen Kilometer hohe Turm in die Höhe, in dem die Europa-Zentrale des Apple-Konzerns untergebracht war. Doch das Unternehmen hat sich längst nach Kalifornien zurückgezogen, nachdem das mit gigantischem Aufwand in den Markt gedrückte „iThing“, ein Gerät im hermetisch geschlossenen Kristallgehäuse, das sich ausschließlich mit sich selbst beschäftigt, weltweit katastrophal gefloppt war.

Andererseits stellt die Bevölkerungsexplosion ein gravierendes Problem dar. Zwar hat eine Volksbefragung ergeben, dass die Deutschen generell ein Alter von maximal 200 Jahren für ausreichend halten und mit einer Löschung an dieser Grenze auch bei guter Gesundheit überwiegend einverstanden sind, aber dennoch ist der Wohnungsbedarf in den letzten Jahrzehnten nach Abschaffung letzter lebensbedrohlicher Krankheiten stark angestiegen. Es wird erwogen, die Gründung so genannter Familien zu fördern – das historische Gesellschaftsmodell, das in den vergangenen Jahrhunderten nach und nach aufgegeben worden war, gilt nicht nur als sozial vorteilhaft, sondern auch als raum- und energiesparend. Das ist den Deutschen vor allem deshalb wichtig, weil sie sich wegen ansehbarer Erschöpfung der Erdgas- und Erdöl-Bestände mehrheitlich für eine sogenannte Energiewende aussprechen, deren Ziel die Abschaffung der gefährlichen Atomkraftwerke ist.

Ein weiteres großes Problem in Berlin stellt nach wie vor der Verkehr dar. Die Versuche zum materialfreien Menschentransport, dem sogenannten „Beamen“, ziehen sich bereits über das gesamte 28.Jahrhundert hin, ohne dass eine wirklich sichere Methode gefunden wird, immer wieder verschwinden Versuchsreisende oder werden mit deformierter Persönlichkeit in einer falschen Zeitzone abgeliefert. Am 1.August 2787 begibt sich Technik-Bürgermeister Eberhard Diepgen unter gewaltigem Medienrummel in die inzwischen 14. Variante der Schleuse, um von seinem Büro in die ein Stockwerk tiefer gelegene Toilette gebeamt zu werden. Dabei verschwindet er, teilt aber wenige Minuten später per Satelliten-Kommunikator mit, er sei ungefähr im Jahr 1980 am Rand der Spree gelandet und habe bei der Landung versehentlich ein Gebäude zerstört, das als „Kongresshalle“ bekannt sei. Er sehe keine Möglichkeit, zurückzukehren und wolle sich nun auf eine Karriere im Berlin der Vergangenheit konzentrieren.

Die Folge dieses technischen Versagens ist, dass das marode Berliner-S-Bahn-Netz weiter in Betrieb gehalten werden muss, obwohl die Züge aus der Frühzeit des 21.Jahrhunderts längst prähistorischen Charakter haben und Ersatzteile kaum noch aufzutreiben sind. Überdies muss zur Aufrechterhaltung dieses Verkehrsnetzes eine alte Energieform namens „elektrischer Strom“ erzeugt werden, die extrem teuer ist – eine Fahrt aus der Stadtmitte zum Stadtrand verschlingt deshalb ein durchschnittliches Wocheneinkommen, und zwar ohne Rückfahrt. Es gibt viele Berliner, die die schleichende Entleerung der Innenstadt damit in Verbindung bringen. Für dieses Phänomen wird der mittelalterliche Begriff „Speckgürtel“ wiederbelebt. Stadtsoziologen erläutern allerdings, dies sei seinerzeit nicht so gemeint gewesen, dass die Innenstadt nur noch ein Loch ohne Funktion und Anziehungskraft sei.

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