— SZENARIO 4 — : Buschkowsky aus dem Eis

Die Wiederentdeckung Berlins beginnt im Jahr 2701. Forscher finden bei der Begehung eines Gletschers eine aus dem Eis ragende Spitze, die sie als antiken Antennenmast identifizieren. Man weiß, dass zu Beginn des dritten Jahrtausends in dieser Gegend eine Hochkultur ansässig war, die es geschafft hatte, sich durch technische Geräte über Tausende von Kilometern hinweg zu verständigen; ihre Kultstätten waren Göttern wie Stevejobs und Billgates geweiht, deren spezifische Fähigkeiten aber aus dem 28. Jahrhundert nur noch sehr schwer zu beurteilen sind. Historiker meinen, es handele sich um Außerirdische, eine Vorhut jener Aliens, die im Jahr 2296 von Alpha Centauri kommend im damaligen Deutschland gelandet waren, aber wieder abdrehten, als sie erfuhren, dass sie dort von einer kleinen staatlichen Unterstützung namens „Hartz IV“ hätten leben müssen.

Zurück zur Mastspitze: Durch das Tauwetter steigt sie immer mehr aus dem Eis auf, bis nach Jahren schließlich der über 300 Meter hohe Bau sichtbar wird, der sie trägt. Altsprachler entziffern auf Bronzetafeln den Begriff „Berliner Fernsehturm“. Kopfzerbrechen bereitet die Kugel mit Sitzplätzen im Inneren, deren einziger Zweck zu sein scheint, sich um die eigene Achse zu drehen. Eine Theorie besagt, drinnen hätten Menschen darauf gewartet, dass sie sich genau in Richtung ihres gewünschten Gesprächspartners irgendwo auf der Welt drehen und dann mit ihm eine kurze Zeit über irgendeine Art von Wellen reden können.

Aus dem ewigen Eis schälen sich in den weiteren Jahren des 28. Jahrhunderts Reste der von den Forschern erwarteten frühen Hochkultur heraus. Anhand von archäologischen Funden weisen die Forscher nach, dass die Stadt im späten 20. Jahrhundert mehrere Jahrzehnte lang von einer Windschutzmauer umgeben war, die offenbar vor allem dem Zweck diente, den Sand der Ackerböden der Umgebung fernzuhalten. Unklar bleibt, weshalb eine solche Mauertrasse auch mitten durch die Stadt geführt hat. Immerhin gelten die vom Schmelzwasser freigegebenen Bauten zum großen Teil noch als benutzbar, und deshalb setzt nach der Wiederentdeckung der Stadt eine regelrechte Völkerwanderung ein: Aus allen Ecken der Erde treffen heimatlose Menschen ein und richten sich in den Ruinen ein, installieren Windräder und flechten Jutetaschen.

Als Zentren von Ackerbau und Viehzucht dienen große Grünflächen mitten in der Stadt, die als ehemalige Landebahnen identifiziert werden, offenbar von einer fernen Zivilisation entworfen und gebaut. Ein großer Schritt gelingt den Siedlungspionieren, als sie in einer Halle am Rand der Landebahnen ein betriebsfertiges Fahrzeug entdecken: eine Treppe auf Rädern, die einige Meter nach oben führt, dann aber abrupt endet. Man schließt daraus, dass die Menschen einige Jahrhunderte zuvor in der Lage waren, selbstständig und aus eigener Kraft zu fliegen, wenn sie hoch über dem Boden starteten.

Versuche der Forscher, dieses Verhalten nachzuahmen, enden ausnahmslos ohne Ergebnis, aber mit schweren Verletzungen. Die Analyse des Fahrzeugs ergibt, dass es einen Tank mit einer hochbrennbaren Flüssigkeit enthält – es kann über einen zweckmäßigen Mechanismus aus eigener Kraft und ohne Zugtiere fahren. Bald rollen einige dieser Treppen durch die aufblühende Stadt, bis sich die Erkenntnis durchsetzt, dass ebene Ladeflächen zweckmäßiger als sinnlose Treppenstufen sind. Das sogenannte Auto prägt das Leben in Berlin einige Jahre lang, bis die alten Tanks mit Treibstoff leer sind und die Bewohner wieder zum Pferdefuhrwerk oder Ochsengespann zurückkehren.

Aus den späteiszeitlichen Wäldern fällt bald wieder so viel Holz an, dass auch Schiffe gebaut und zum Lastentransport auf den historischen Kanälen der Stadt eingesetzt werden können. Der zentrale Fluss, der nach mündlicher Überlieferung offenbar „Spray“ hieß, bildet bald wieder eine Grenze. Nördlich von ihm bildet sich das neue Berlin mit Immigranten aus aller Welt, südlich dominieren dagegen Bewohner, die ihre Herkunft auf eine alte Stadt im Rheinland, Köln, zurückführen, an die sich aber niemand mehr genau erinnern kann. Sie nennen ihren Teil „Neuköln“ und fallen durch ungewöhnliche Rituale, das Fahren auf sehr tief gelegten Pferdefuhrwerken und eine ungeschliffene Sprache auf. Außerdem begründen sie einen Kult, der sich um eine historische Figur namens Heinz Buschkowsky rankt. Am südöstlichen Rand der Stadt war eine mehr als 50 Meter hohe Bronzestatue ausgegraben worden, die einen untersetzten, ziemlich dicken Mann dieses Namens zeigt. Zu seinen Füßen windet sich ein Eichhörnchen, das er mit einem Speer durchbohrt hat. Zwar bleiben sowohl historische als auch symbolische Bedeutung dieser Darstellung völlig unklar, aber die Menschen pilgern einmal im Jahr nach der Wintersonnenwende zum Denkmal, um dort um gutes Wetter und Frieden mit den verfeindeten Berlinern zu bitten. Zur Feier des 1550. Stadtgeburtstags im Sommer 2787 treffen sich Delegationen beider Stadtteile und vereinbaren die Aufnahme von Abrüstungsgesprächen.

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