19. Todestag von Rio Reiser : Spreefahrt mit Ton Steine Scherben

„Keine Macht für Niemand“: Bei der Rio-Reiser-Fahrt an diesem Wochenende weht ein bisschen Anarchie über die Spree.

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Bootstour im Gedenken an Rio Reiser.
Bootstour im Gedenken an Rio Reiser.Foto: Georg Moritz

Wenn die Leute da sitzen, einer neben dem anderen am Paul-Lincke-Ufer, und das Fahrgastschiff vorüberfährt, dann wird nicht ironisch gewunken wie sonst. „Wenn die Leute merken: Da singt doch jemand ,Keine Macht für niemand’, dann gehen die Fäuste in die Luft“, erzählt Sema Binia vom Verein „Berliner Geschichtswerkstatt". Möglich, dass es nur ein Lied der Band Ton Steine Scherben schafft, dass die Kreuzberger beim Anblick der „Spree-Comtess“ revolutionäre Wallungen entwickeln.

Bei der jährlichen Dampferfahrt „Scherben bringen Glück – Rio Reiser-Fahrt“ über Spree und Landwehrkanal sind als Musiker auch Scherben-Gründungsmitglied und Bassist Kai Sichtermann an Bord, sowie Funky K. Götzner, Schlagzeuger seit 1974. Die Wassertour am heutigen Freitag und am Sonnabend organisiert die Berliner Geschichtswerkstatt seit 2008 jedes Jahr zum Todestag von Rio Reiser. Der einstige Scherben-Sänger und spätere Solokünstler ist am 20. August 1996 gestorben. Mit seiner durchdringenden Stimme sorgt er bis heute dafür, dass Menschen nicht anders können als seine Lieder mitzusingen: „Und wir schreien’s laut:/Ihr kriegt uns hier nicht raus!/Das ist unser Haus, schmeißt doch endlich/Schmidt und Press und Mosch aus Kreuzberg raus.“

Investoren wie aus dem "Rauch-Haus-Song" sind die Feinbilder geblieben

Die Herren Schmidt und Press und Mosch kennt heute wohl kaum noch einer, aber gegen Investoren wie die aus dem „Rauch-Haus-Song“ wehren sich Berliner Kiezbewohner heute nach wie vor. Und auch 40 Jahre nachdem die Scherben zum Sprachrohr der linken Szene wurden, liefern Lieder wie der „Rauch-Haus-Song“, „Keine Macht für Niemand“, „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ den Soundtrack dazu.

Ur-Scherbe Kai Sichtermann hat zum Vorbereitungstreffen an der Spree-Comtess einen Zettel mitgebracht. Darauf steht in säuberlicher Handschrift der Name seiner Band: „Kai + Funky von Ton Steine Scherben mit Gymmick – akustisch“. Sichtermann lächelt über den langen Namen, hält ihn aber für notwendig. Im Trio mit Sänger Gymmick treten die beiden Ur-Scherben regelmäßig auf. Außerdem spielen sie mit unterschiedlicher Besetzung weiterhin unter dem Namen Ton Steine Scherben. „Wir waren schließlich immer schon eine Musikkommune mit wechselnden Musikern“, sagt Sichtermann. Auf der Spree-Comtess fährt diesmal auch AnayanA mit, Sängerin und Tochter von Scherben-Schlagzeugerin Britta Neander, außerdem Scherben-Biograf Jens Johler.

Die Idee zur Fahrt entstand, als sich Sema Binia und Funky K. Götzner 2008 auf einem Konzert kennenlernten. Binia organisierte für die Geschichtswerkstatt damals bereits die Dampferfahrt „Das rebellische Berlin“. Auf dem Landwehrkanal vor der Technischen Universität Berlin kam da „Keine Macht für niemand“ aus den Lautsprechern – nur einer von vielen Berliner Orten, die eng mit der Geschichte der Band verknüpft sind: 1971 spielten sie in der TU auf einer Veranstaltung zum Tod des Linksradikalen Georg von Rauch, dann besetzten Teilnehmer das heutige „Georg-von-Rauch-Haus“ in Kreuzberg.

Boykott des BVG-Tickets, aber Bootstour auf der Spree-Comtess

An diesen Stellen werden passende Scherben-Lieder gespielt und Passagen aus biografischen Werken gelesen. Entlang der Hochbahnlinie der U1 am Landwehrkanal etwa spielt die Band „Mensch Meier“, von vielen auch „BVG-Song“ genannt: „Nee, nee, nee, eher brennt die BVG!/Wir sind hier oben noch ganz dicht/Der Spaß ist zu teuer, von uns kriegste nüscht!“ Aber wie passt das zusammen – Boykott des BVG-Tickets, aber Bootstour auf der Spree-Comtess, mit der zweitgrößten Reederei Berlins?

Ein bisschen Rebellion habe es bereits gegeben auf dem Dampfer, sagt Semia Binia. „Da kam jemand auf die glorreiche Idee, den goldenen Streifen aus der Deutschlandfahne am Heck herauszuschneiden.“ Da wehte für einen kurzen Moment Anarchie über die Spree.

Bassist Sichtermann lächelt freundlich und verweist darauf, dass sie Profi-Musiker seien. Für ihn ist die Dampferfahrt ein Job. Etwas mehr echauffiert sich Scherben-Biograf Jens Johler. Deshalb seien die Scherben doch 1975 aus Berlin auf den Hof nach Fresenhagen geflohen, weil die Fans diese Anspruchshaltung entwickelt hätten. „Das waren dieselben Leute, die hundert Mark für die Rolling Stones ausgegeben haben, die von den Scherben wollten, dass sie umsonst spielen“, sagt er.

Diese Zeit lebt bei der jährlichen Schifffahrt immer ein Stück wieder auf. AnayanA erzählt, wie sie nach ihrem Auftritt im vergangenen Jahr nach oben an Deck gegangen ist. „Das war zur blauen Stunde und alle Gäste haben jeden Song mitgesungen.“ Kai Sichtermann ist heute noch baff, wenn auf Konzerten in der ersten Reihe Teenager stehen und jedes Wort der alten Lieder kennen. Und die, sagt er, seien dazu da, gesungen zu werden. Auch in Erinnerung an ihren alten Freund und Wegbegleiter Rio Reiser. „Rio ist zwar nicht mehr da“, sagt Funky. „Aber er hat uns einen ganz großen Schatz hinterlassen.“

Die Schiffstour „Scherben bringen Glück – Rio Reiser-Fahrt“ findet am Freitag und Sonnabend, 21. und 22. August von 18.30 bis etwa 22 Uhr statt. Abfahrtsort der Spree-Comtess ist die Hansabrücke in Moabit. Bei trockenem Wetter gibt es noch Karten direkt am Schiff für 25 Euro. www.berliner-geschichtswerkstatt.de

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