20 Jahre Grünpfeil : Als der blecherne Ossi in Deutschland Gesetz wurde

Vor genau 20 Jahren wurde der Grünpfeil in die gesamtdeutsche Straßenverkehrsordnung aufgenommen. In Berlin löste das DDR-Schild eine Senatskrise aus. Inzwischen wurde es vielerorts wieder abmontiert.

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Der Grünpfeil existierte in der DDR bereits seit den 1970ern. Dagegen gab es in der alten Bundesrepublik vor der Wiedervereinigung nur die leuchtende Variante. Die Karriere des Blechschildes zeigen die folgenden Bilder.Alle Bilder anzeigen
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27.02.2014 14:28Der Grünpfeil existierte in der DDR bereits seit den 1970ern. Dagegen gab es in der alten Bundesrepublik vor der Wiedervereinigung...

Deutschlands bekanntester Rechtspopulist ist ein Ossi. Vor genau 20 Jahren brach er auf, den Westteil Berlins und die alte Bundesrepublik zu erobern: Am 1. März 1994 wurde der Grünpfeil in die gesamtdeutsche Straßenverkehrsordnung (StVO) aufgenommen und darf als Bestandteil von Paragraf 37 zwar nicht unbehelligt, aber in Würde altern.

Der Grünpfeil ist nicht zu verwechseln mit dem Grünen Pfeil, der an vielen Ampeln leuchtet. Beim Grünpfeil handelt es sich um jenes Blechschild, das das Rechtsabbiegen auch bei roter Ampel erlaubt. Ein Überbleibsel der havarierten DDR, das zum Arbeiter- und Bauernstaat passte: Billiger als der Betrieb separater Ampellichter und dem Standard im Land angemessen, in dem sich der Durchschnittsbürger mit 26 PS und blauer Qualmwolke eher gemächlich fortbewegte. Wo auch die anderen nicht mehr hatten, musste niemand Erster sein.

Bausenator Wolfgang Nagel ließ die Pfeile einfach anschrauben

Dann kam die Wende. Die Autos vermehrten sich und brachten Ex-Trabi-Piloten zur Raserei. Autos mussten jetzt zum Tüv und Steuern dem Finanzamt erklärt werden. Plötzlich schien das Leben zu kompliziert, um per Blechschild geregelt zu werden. Die Wessis bekamen es sowieso nicht hin. Scheinbar blind warteten sie vor den Pfeilen, bis ein ostdeutscher Hintermann sie – welche Genugtuung! – anhupte. Einen Staat schlucken, aber an einem Pfeil scheitern. Pah!

Grünpfeil in Deutschland
Der Grünpfeil existierte in der DDR bereits seit den 1970ern. Dagegen gab es in der alten Bundesrepublik vor der Wiedervereinigung nur die leuchtende Variante. Die Karriere des Blechschildes zeigen die folgenden Bilder.Alle Bilder anzeigen
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27.02.2014 14:28Der Grünpfeil existierte in der DDR bereits seit den 1970ern. Dagegen gab es in der alten Bundesrepublik vor der Wiedervereinigung...

Einer mit sicherem Gespür für diese Gemütslage war Bausenator Wolfgang Nagel. Weil sein Verkehrskollege und SPD-Parteifreund Horst Wagner die Ausbreitung der Pfeile auf die West-Bezirke strikt ablehnte, ließ er sie 1990 einfach selbst anschrauben. Dafür war er als Bausenator zwar auch zuständig – aber nicht ohne Anordnung durch die Verkehrsverwaltung. Daran erinnert sich Siegfried Brockmann, der 1991 Sprecher der Verkehrsverwaltung war und jetzt die Unfallforschung der Versicherer (UDV) leitet, von der noch die Rede sein soll.

Auf Nagels Guerilla-Aktionen folgten drei Jahre, in denen die Gnadenfrist für die alten Pfeile wegen ihrer Beliebtheit verlängert und über neue diskutiert und geforscht wurde. Wagners Nachfolger Herwig Haase (CDU) war ihnen wohlgesonnen und hielt etwa 130 Grünpfeile in den westlichen Bezirken für realistisch – bei rund 1000 Ampelkreuzungen dort. Im Osten waren es zu jener Zeit noch gut 70 bei 310 Kreuzungen. Aktionen wie die Demontage des Pfeils in der damals chronisch verstopften Straße Alt-Köpenick führten zu lokalen Verkehrsinfarkten und zu Verdruss über amtliche Rechthaberei.

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