60 Jahre Tierpark : Das Prestigeprojekt in Ost-Berlin

Jubiläum in Friedrichsfelde: Vor 60 Jahren eröffnete der Tierpark. Zu Mauerzeiten stand er immer mit dem Zoo im Wettbewerb. Heute gehören beide Institutionen zusammen - aber nicht für die West- und die Ost-Berliner. Direktor Andreas Knieriem will das ändern.

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Gib Pfötchen, Vari! Zoodirektor Andreas Knieriem begrüßt einen Arbeitskollegen.
Gib Pfötchen, Vari! Zoodirektor Andreas Knieriem begrüßt einen Arbeitskollegen.Foto: Thilo Rückeis

Varis fängt man mit Weintrauben. Andreas Knieriem weiß das. Mit dem üblichen Futter, Äpfel und Möhren, lockt man keinen Halbaffen hinterm Baum hervor. Kaum hat Knieriem den Plastikbecher mit den roten Früchten hervorgeholt, raschelt es in den Ästen und die dunklen Umrisse kommen näher. Einer der Varis, schwarz-weiß und so groß wie eine dicke Hauskatze, klettert auf die Schulter des Zoodirektors und lässt sich eine Traube nach der anderen ins Maul schieben. Zu oft Weintrauben sei aber auch nicht gut, davon könnten die Lemuren aus Madagaskar Altersdiabetes bekommen, sagt Knieriem. Wie er so erzählt, merkt er gar nicht, dass die Trauben längst aufgebraucht sind, er führt seine Hand wie automatisch weiter zum Varimaul. Und obwohl da nichts mehr ist, versucht der Halbaffe, mit den Lippen eine unsichtbare Traube zwischen Knieriems Fingern herauszusaugen. Eine Luftnummer. Der Vari wirkt verwirrt. Dann bemerkt es auch Knieriem. Und versucht den Trick gleich noch einmal. Wieder fällt der Vari darauf herein.

Die heimlichen Stars im Berliner Zoo
Der Jüngste im Affenhaus: Besucher können dort seit etwa einer Woche das Mandrill-Äffchen ,,Aaron" beobachten. Der kleine Affenjunge wurde vor fünf Wochen geboren, nun tollt er schon durchs Gehege oder kuschelt an der Mutterbrust. Zur Mandrill-Horde im Zoo gehören jetzt sechs Tiere. Mandrill-Affen sind in ihrer Heimat in Zentralafrika durch die Jagd und Zerstörung des Regenwaldes gefährdet. Die kräftigen Tiere fallen durch ihre Violett- und Rotfärbung im Gesicht und am Hinterteil auf. Der Zoo beteiligt sich an einem europäischen Erhaltungszuchtprogramm.Weitere Bilder anzeigen
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09.10.2012 09:37Der Jüngste im Affenhaus: Besucher können dort seit etwa einer Woche das Mandrill-Äffchen ,,Aaron" beobachten. Der kleine...

Es ist einer dieser seltenen Momente, in denen der 49-Jährige jungenhaft wirkt. Wenn er den Tieren nahekommen und sich einen Scherz mit ihnen erlauben kann. Intelligente Tiere haben es ihm besonders angetan: Orang Utans, Kraken, Pelikane. Im Zoo Hannover, seinem alten Revier, hat Knieriem mal eine Besuchergruppe aus Berlin über die dortige Pelikaninsel geführt. Einer der Vögel hatte es auf seine goldenen Jackettknöpfe abgesehen, doch Knieriem hielt ihm einfach den Schnabel zu. Dann streichelte er ihm sanft über den Nacken und schwärmte von seinen weichen Federn. Es war ein Moment, der viel über Knieriems Beziehung zu Tieren verriet – immer respektvoll, aber mit einer unmissverständlichen Botschaft: Dein Pech ist, dass ich weiß, wie schlau du bist.

„Viele Leute glauben, dass ich den ganzen Tag nur Tiere streichle“, sagt Knieriem belustigt. In Wirklichkeit sind solche Momente selten, meistens schlägt er sich mit anderen Aufgaben herum. Seit April 2014 ist Knieriem Berliner Zoochef, er leitet den Zoologischen Garten in der City West wie auch den Tierpark Friedrichsfelde im ehemaligen Ostteil der Stadt. Einer seiner Lieblingssätze lautet: „Das müssen wir noch anfassen.“ Dabei geht es fast nie ums Streicheln von Tieren, sondern fast immer ums Lösen von Problemen. Schon mehrmals hat Knieriem zugegeben, dass er die Aufgabe vor allem im Tierpark unterschätzt habe.

Aufgewachsen im Zoo

Andreas Knieriem, geboren 1965 in Georgia, USA, aufgewachsen in Duisburg, wollte als Kind eigentlich Astronom werden. Doch Mathe lag ihm nicht. Sein Vater, ein Mediziner, war mit dem Duisburger Zoodirektor befreundet, so landete der 13-Jährige unter Tieren. Der Direktor war einer, wie es ihn heute nicht mehr gibt: Wolfgang Gewalt war so etwas wie der Käpt’n Ahab vom Niederrhein. Er ging auf Walfang – vor Feuerland, in der Hudson Bay, am Orinoko – und brachte die Tiere mit in seinen Zoo. „Er roch nach Leder, nach weiter Welt“, sagt Knieriem. Davon träumte er als Jugendlicher auch – und räumte unterdessen die Praxis des Zootierarztes auf. Als der Zoo in den 80er Jahren den ersten Computer geschenkt bekam, war Knieriem der Einzige, der ihn bedienen konnte. Bei der jährlichen Inventur fehlten auf einmal 1000 Tiere, Knieriem hatte sich verrechnet. Panik. „Ach“, sagte der Tierarzt, „im Kamelgraben leben so viele Meerschweinchen, zählen wir die mit, dann passt das wieder.“ Später, als Knieriem schon Tiermedizin an der Freien Universität Berlin studierte, durfte er mithelfen, einen Gorilla in Narkose zu legen und dessen Wunden zu nähen. Da war er erst im zweiten Semester, damals fragte niemand nach Arbeitsschutz und Versicherung. „Heute wäre das gar nicht mehr möglich“, sagt er. Und fügt hinzu: „Darf man gar nicht dran denken.“

Richard David Precht im Tierpark
Vorne: Richard David Precht. Hinten: Ein Sibirischer Tiger in einer Außenanlage des Brehm-Hauses.Weitere Bilder anzeigen
1 von 30Alle Fotos: Georg Moritz
15.07.2013 15:48Vorne: Richard David Precht. Hinten: Ein Sibirischer Tiger in einer Außenanlage des Brehm-Hauses.

Nach dem Studium zog es ihn zunächst wieder nach Duisburg, wo er im Zoo als stellvertretender Tierarzt arbeitete. Anschließend wechselte er nach Hannover, wo er Tierarzt und stellvertretender zoologischer Leiter wurde. Dem Zoo Hannover liefen Mitte der 90er Jahre die Besucher davon, die Gehege waren veraltet und marode, der Zoo stand vor dem Aus. Anlässlich der Expo 2000 entwarf ein Team aus Zoologen, Architekten und Freizeitforschern das Konzept „Zoo 2000“. Nach fast zwei Jahrzehnten Bauzeit und 120 Millionen Euro Kosten umfasst der „Erlebnis-Zoo Hannover“ mittlerweile sieben Themengebiete, wie etwa eine nordamerikanische Goldgräberstadt namens „Yukon Bay“ mit Wölfen, Eisbären, Rentieren und Robben. Hannover war der erste Zoo in Deutschland nach amerikanischem Vorbild. Das Konzept funktionierte: Kamen anfangs gerade 600 000 Besucher im Jahr, waren es in den folgenden zwei Jahrzehnten zeitweise mehr als 1,6 Millionen. In Hannover änderte sich auch Knieriems Sicht auf die Zoos. „Wir bauen nicht für uns Zoologen, sondern für die Besucher“, sagt er. „Seitdem laufe ich nur noch auf den Besucherwegen.“

Die Mauer in den Köpfen

Die Berliner sind im Vergleich zu den Hannoveranern nicht tierlieb, sie sind tierbesessen. In keiner anderen deutschen Stadt haben es so viele Zoobewohner zu lokaler Berühmtheit gebracht: Wie etwa Bobby, der 1928 als erster Gorilla in den Zoo kam und den Komponisten Walter Jurmann zu dem Lied „Mein Gorilla hat ’ne Villa im Zoo“ inspirierte. Wie Knautschke, das Flusspferd, das als eines von 91 Tieren die Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg überlebte. Oder wie Knut, der Eisbär, nach dessen Tod fast so viele Blumen, Beileidskarten und Plüschtiere am Zooeingang lagen wie am Buckingham Palace nach dem Tod von Lady Di. „Würde morgen der Funkturm verschrottet, gäbe es müden Protest“, schrieb 1994 der Zooreporter des Tagesspiegels, Werner Philipp. „Was jedoch auf keinen Fall passieren darf, dass irgendwer irgendetwas gegen ihren Zoo sagt. Das gäbe Aufstand, das gäbe Krieg!“

Der Zoologische Garten ist der älteste Zoo Deutschlands, 1844 gegründet, eine Aktiengesellschaft. Mit dem Aquarium zusammen besitzt er den artenreichsten Tierbestand weltweit: rund 17 000 Tiere in 1440 Arten. Jährlich kommen etwa drei Millionen Besucher, mehr als die Hälfte davon sind Touristen. Als einer von ganz wenigen Zoos in Deutschland erzielt er Überschüsse und kommt somit ohne öffentliche Förderung aus.

Vor genau 60 Jahren wurde der Tierpark eröffnet

Der Tierpark feiert in diesem Sommer sein 60-jähriges Bestehen. Einst als Prestigeobjekt des Sozialismus geschaffen, ist er mit seinen 160 Hektar heute der größte Europas, mit weitläufigen Anlagen für Herden von Wildeseln, Kamelen und Hirschen. Etwas mehr als eine Million Besucher kommen jährlich hierher, es sind vor allem Berliner aus dem ehemaligen Ostteil der Stadt.

Jahrzehntelang standen sich beide Einrichtungen als Konkurrenten gegenüber, statt sich zu ergänzen. Noch 25 Jahre nach der Wiedervereinigung gehen die West-Berliner vor allem in den Zoo, die Ost-Berliner in den Tierpark. Kaum irgendwo in Berlin ist die Mauer in den Köpfen so präsent wie in der Identifikation mit Zoo oder Tierpark.

„Es gibt kein oder mehr, sondern nur ein und“, sagt Knieriem. „Wir wollen klar unterschiedene Konzepte, damit der Besucher sagt: Ich gehe in den Zoo und in den Tierpark. Wir sind eine Familie.“ So deutlich hat das vor ihm kaum einer gesagt. Wenn in den vergangenen Jahren die prekäre Finanzlage und der marode Zustand des Tierparks debattiert wurden, fanden sich stets Politiker oder Journalisten, die vorschlugen, den Tierpark dichtzumachen. Was die Ost-Berliner stets entrüstet aufschreien ließ. Das liegt an ihrer besonderen Beziehung zum Tierpark, den die Hauptstadtbewohner der jungen DDR ab Mitte der 50er Jahre selbst mit aufbauten.

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