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65-jährige Vierlingsmutter Annegret R. : Eins der Frühchen wurde operiert

Die 15 Wochen zu früh zur Welt gekommenen Vierlinge der 65-jährigen Annegret R. sind den Umständen entsprechend wohlauf. Das Mädchen musste operiert werden. Der behandelnde Arzt sagt: "Ich würde nicht befürworten, was da passiert ist."

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Sie haben Annegret R. behandelt und geholfen, die Kinder auf die Welt zu holen: Die Charité-Ärzte Christoph Bührer, Direktor der Klinik für Neonatologie sowie Wolfgang Henrich, Direktor der Klinik für Geburtsmedizin.
Sie haben Annegret R. behandelt und geholfen, die Kinder auf die Welt zu holen: Die Charité-Ärzte Christoph Bührer, Direktor der...Foto: Tobias Schwarz/AFP

Es ist weltweit wohl das erste Mal, dass eine Frau in so fortgeschrittenen Alter Vierlinge zur Welt bringt: Am Dienstag vergangener Woche hat die 65-jährige Annegret R. entbunden, die kritische erste Woche ist überstanden. Ihr und den vier Kindern gehe es „den Umständen entsprechend gut“, sagte der leitende Neonatologe Christoph Bührer bei einer Pressekonferenz in der Charité am Mittwoch. Das einzige Mädchen, Neeta, musste allerdings am Dienstag operiert werden. Es hatten sich zwei kleine Löcher im Darm gebildet, der Eingriff sei erfolgreich verlaufen. Neeta war mit 30 Zentimetern und 655 Gramm bei der Geburt kleiner als ihre Brüder Dries, Bence und Fjonn. Zwei der Jungs könnten spontan atmen und bekämen nur Atemhilfe, zwei Babys würden mit Maschinen beatmet.

Die erste Muttermilch

Für Annegret R. war die Geburt mit einem enormen körperlichen Risiko verbunden. „Wegen der schweren Herz-Kreislauf-Belastung, massiven Wassereinlagerungen in der Lunge und den nicht mehr aufzuhaltenden Wehen haben wir in der vergangenen Woche den Geburtsvorgang eingeleitet“, sagte Wolfgang Henrich, der Direktor der Klinik für Geburtsmedizin. Nach dem Kaiserschnitt verbrachte Annegret R. 48 Stunden auf der Intensivstation der Charité. Mittlerweile ist sie so oft es geht bei den Kindern und pumpt Milch ab, die den Kindern per Magensonde eingeflößt wird. Die Ärzte waren überrascht davon, dass Annegret R. trotz ihres fortgeschrittenen Alters während der Schwangerschaft das für die Milchproduktion notwendige Hormon Prolaktin gebildet hat. Weil die Milch aber nicht ganz ausreicht, bekommen die Kinder auch Spenden anderer Frauen aus der Milchbank der Charité.

Derzeit liegen die Vierlinge in Räumen, die auf 37-Grad geheizt wurden. Da müsse man als Arzt nach der Behandlung schon mal duschen, so Bührer. Der Arzt ist sichtlich angetan von den Kindern: Sie seien „ganz süß“, gerade würden sie versuchen, ihre Augen aufzumachen „wie kleine Katzenbabys“.

Der personelle Aufwand ist hoch

Doch obwohl die Kinder derzeit wohlauf sind, über den Berg sind sie noch lange nicht. „Die Kinder sind Hochrisiko-Patienten. Sie können sterben, sich schwere Krankheiten einfangen oder Folgeschäden davon tragen“, sagte Bührer. Ob letzteres der Fall sei, lasse sich erst bei der Einschulung endgültig sagen. Für Prognosen sei es noch zu früh. Für die Ärzte ist die Versorgung der Kinder weniger eine medizinische als eine logistische Herausforderung. Kurz nach Mitternacht stand Annegret R. am Dienstag vergangener Woche mit Wehen in der Charité, elf Stunden später waren die Kinder bereits geboren. Innerhalb kürzester Zeit mussten daher vier Teams mobilisiert werden, die sich um jeweils eins der Kinder kümmern. Bis zu zehn Krankenschwestern und zwei Ärzte werden am Tag zusätzlich benötigt - ein hoher personeller Aufwand. Das zu organisieren, sei über Pfingsten nicht leicht gewesen.

Arzt: "Das waren keine verantwortungsvollen Mediziner"

„Die Kinder sind abhängig von Maschinen“, erklärte Bührer. Magensonden, Beatmungsgeräte, Inkubatoren und die Infusion von Salz und Wasser – all das brauchen die Frühchen zum Überleben. Bei einer Vierlingsschwangerschaft sei eine Frühgeburt die Regel – „aber eher acht bis zehn Wochen zu früh und nicht 15“.
Die Entscheidung von Annegret R., mit 65 Jahren noch einmal schwanger zu werden, wollte Bührer nicht bewerten. Er sieht die Verantwortung eher bei den Reproduktionsmedizinern: „Ich würde nicht befürworten, was da passiert ist. Das waren keine verantwortungsvollen Mediziner.“ Die aus Eizell- und Samenspenden im Labor gezeugten Embryonen hatte sich Annegret R. in der Ukraine einpflanzen lassen. In Deutschland sind Eizellspenden verboten. Annegret R. hat bereits 13 Kinder. Dass die Charité nun hilft, die Vierlinge gesund mit Annegret R. nach Hause zu schicken, das ist für Bührer keine Frage. „Es ist unsere Aufgabe uns um die Frühgeborenen zu kümmern, ganz egal von wem sie kommen.“

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