A-cappella-Konzert im Naturkundemuseum : Lobgesang auf die Evolution

Ein Vokalquartett aus New York singt im Berliner Naturkundemuseum die Texte aus Charles Darwins Hauptwerkt "Die Enstehung der Arten". Wer könnte das besser präsentieren als dessen Ururenkelin?

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Die Ururenkelin des Naturforschers Charles Darwin: Sarah Darwin im Naturkundemuseum Berlin.
Die Ururenkelin des Naturforschers Charles Darwin: Sarah Darwin im Naturkundemuseum Berlin.Foto: Rückeis

Ein schöneres und tragischeres Bild für die Wege der Evolution könnte es kaum geben: Das mehr als 13 Meter große Brachiosaurus-Skelett, das sich ebenso majestätisch wie zerbrechlich unter der hohen Decke des Naturkundemuseums erhebt, löst spontan ein Gefühl der Ehrfurcht aus. Oder liegt es am Raum selbst? Naturkundemuseen seien häufig als „Kathedralen für die Natur“ entworfen worden, sagt Sarah Darwin. Darwin? Ja, der Darwin. Sarah ist die Ururenkelin des Naturforschers Charles Darwin. Sie kennt sich aus im Berliner Naturkundemuseum, denn sie ist mit dessen Direktor, Johannes Vogel, verheiratet.

Deswegen weiß sie auch um die gute Akustik des Dinosauriersaals. Deswegen kommt hierher am heutigen Freitag das renommierte A-cappella-Quartett New York Polyphony zu einer Deutschlandpremiere. Der Ort könnte passender nicht sein: Denn die vier Musiker singen Texte aus Darwins Hauptwerk „Die Entstehung der Arten“, präsentiert, natürlich, von Sarah Darwin. Passend zur Erhabenheit des Ortes hat die vom amerikanischen Komponisten Gregory Brown komponierte „Missa Charles Darwin“ die Form einer kirchlichen Messe. „Ich finde die Idee wundervoll“, sagt Sarah Darwin.

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Die gebürtige Londonerin wohnt seit acht Monaten in Berlin. Die 49-Jährige gehört zu den Darwin-Nachkommen, die am stärksten nach ihm kommen. Bereits als Kind beackerte sie den heimischen Garten mit wissenschaftlichem Eifer. „Meine Freunde hatten Hamster und Meerschweinchen, ich habe Pflanzen angebaut“, sagt sie. Wöchentlich maß sie ihre Lieblinge und erstellte Tabellen zum Größenvergleich. Ihr Ururgroßvater habe dabei aber keine Rolle gespielt: „Wir haben als Kinder nie über Darwin geredet.“ Später hingegen zeichnete sie Pflanzen als Illustratorin für Naturhandbücher, unter anderem über die Galápagos-Inseln, deren Artenreichtum Charles Darwin einst zu seinem Hauptwerk inspirierte. Dort fand sie auch die bedrohte Galápagos-Tomate, der sie später einen Großteil ihrer Forschung widmete. Erst als sie während des Studiums merkte, wie oft sich die Fachliteratur auf Charles Darwin bezog, begann sie die volle Bedeutung seiner Arbeit zu erkennen. „Er zeigte uns, dass wir als Menschen ein Teil der Natur sind und Wege finden müssen, mit den anderen Bewohnern zusammenzuleben.“

Komponist Gregory Brown teilt diese Bewunderung: „Darwin hatte die Fähigkeit, die Vernetzung des Lebens auf unserem Planeten zu erkennen“, sagt er. Zu Ehren des Naturforschers übersetzte Brown sogar die genetische Sequenz des Darwin-Finken in Noten und ließ sie in seine „Missa Charles Darwin“ einfließen. Erarbeitet hat er die Musik zusammen mit Sänger Craig Phillips von der New York Polyphony, der zum 200. Geburtstag Darwins vor vier Jahren die Idee zu der ungewöhnlichen Messe hatte. „Immer wieder wurde es als ‚das einflussreichste Buch seit der Bibel’ bezeichnet“, sagt Phillips. „Warum also sollte es nicht die gleiche Behandlung erhalten?“ Als er die Texte las, war er erstaunt über die Eleganz der Sprache. „Darwins Texte haben unbestreitbar eine lyrische Qualität“, sagt Phillips. „Außerdem sind sie sehr anschaulich – perfekt für Vokalmusik.“

Sarah Darwin selbst ist begeistert von dem Ansatz, Wissenschaft mit Kunst zu verbinden, um Menschen für Darwin zu interessieren: „Kunst kann Menschen besser überzeugen als Wissenschaft.“ Auch sie selbst hat schon Wissenschaft performt: 2010 nahm Darwin für das niederländische Fernsehen zusammen mit ihrem Mann und ihren Kindern an einer Dokumentation teil, bei der Charles Darwins Fahrt mit der HMS Beagle nachgestellt wurde. 2009 gewann sie einen – nicht ganz ernst gemeinten – Pflanzen-Vorlese-Wettbewerb: „Meine Tomaten hatten Kopfhörer auf und ich las ihnen aus ‚Die Entstehung der Arten’ vor“, sagt Darwin schmunzelnd. „Die Pflanzen wuchsen 1,6 Zentimeter mehr als die anderen.“ Vielleicht entfalten ja die gesungenen Texte ihres Ururgroßvaters eine ähnlich durchschlagende Wirkung.

New York Polyphony, heute, 20 Uhr, Museum für Naturkunde, Sauriersaal, Invalidenstr. 43, Mitte, Eintritt: 29 €. Mehr Infos unter: www.naturkundemuseum-berlin.de

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