Abschied von Rainer Maria Woelki : Berliner Kardinal hält Abschiedsgottesdienst

Kardinal Rainer Maria Woelki hat in der Hedwigs-Kathedrale seinen Abschiedsgottesdienst gefeiert und jenen gedankt, die sich mit ihm "schwer getan" haben. Klaus Wowereit sprach ein Grußwort.

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Rainer Maria Woelki beim Abschiedsgottesdienst in der Hedwigs-Kathedrale.
Rainer Maria Woelki beim Abschiedsgottesdienst in der Hedwigs-Kathedrale.Foto: dpa

Fast auf die Woche genau vor drei Jahren wurde Rainer Maria Woelki in der Hedwigs-Kathedrale als Erzbischof eingeführt. Wie damals sind auch im Abschiedsgottesdienst an diesem Sonntag alle Plätze eng besetzt, es gibt Musik vom Feinsten und eine kraftvolle Predigt. Diesmal sitzt sogar der Regierende Bürgermeister in der ersten Reihe.

Kardinal Woelki ist sichtlich gut gelaunt und begrüßt die Gäste in seiner typisch lockeren und zugleich etwas linkischen Art. Nach dem besonders festlich gesungenen Kyrie, nach dem Gloria und den Lesungen aus der Bibel tritt er ans Predigtpult. „Nun feiere ich mit Ihnen ein letztes Mal die Heilige Eucharistie in unserer Hedwigs-Kathedrale.“ „Unsere“ Kathedrale? Von wegen, mögen Architekten, Denkmalschützer und all jene Katholiken denken, die hoffen, dass die von Woelki angestoßenen Pläne für die Umgestaltung von St. Hedwig gestoppt werden.

Woelki dankt in seiner Predigt jetzt allen, die das Bistum mittragen. Er dankt den hauptamtlichen Mitarbeitern und den vielen ehrenamtlichen, den "treuen Gottesdienstbesuchern" und den "stillen Betern". Auch jene, die sich mit ihm „schwer getan“ haben, hätten einen Platz in seinem Herzen, versichert er. In seinem Abschieds-Hirtenwort, das an diesem Sonntag in allen Kirchen im Erzbistum verlesen wurde, bittet er gar um „Verzeihung, wo ich Sie enttäuscht oder vielleicht verletzt habe“. Er wisse um seine "Schattenseiten". Bei vielen Menschen in und außerhalb der Kirche ist Woelki gut angekommen, sie haben ihn als offenen und zugewandten Kirchenmann kennen gelernt. Doch etliche Katholiken erzählen auch, dass sie ihn autoritär erlebt haben, unzugänglich, starr. Wer solche Erfahrungen gemacht hat, misstraute ihm fortan und fragte sich: Wer ist der wahre Woelki?

Gott liebe den Menschen bedingungslos und grenzenlos und ohne aufzurechnen, sagt Woelki und erinnert an den von Apostel Paulus: "Bleibt niemand etwas schuldig; nur die Liebe schuldet ihr einander immer!". So wie Gott die Menschen liebt, so soll auch jeder seinen nächsten lieben, fordert Woelki: „Wie Gott mir, so ich dir.“ Das sei das "Gesetz christlichen Lebens". Das klingt gut und nach echter Absicht.

Stefan Lüttke wird das nicht trösten. Er wurde vor 14 Jahren von einem Priester sexuell missbraucht. Er hatte gehofft, dass Woelki den Priester öffentlich verurteilen würde, nachdem der intern seine Schuld zugegeben hatte. Doch die öffentliche Verurteilung klang wie eine Rehabilitierung. Woelki hat das rehabilitierende Publicandum nicht selbst geschrieben. Aber er hat den Fall eben auch erst dann zur Chefsache erklärt, nachdem die Medien berichtet hatten.

Er wünsche den Berliner Katholiken „Mut und Ausdauer auf dem Weg in die Zukunft“, sagt der Kardinal am Ende seiner Predigt. „Aber nicht im Sinne von Museumswächtern, denen es um die Bewahrung vergangener Zeiten geht, sondern als Christen, die im Heute angekommen sind.“ Für die Kritiker seiner Bistumsreform und seiner Kathedral-Pläne muss das wie eine Ohrfeige klingen. Doch die sind heute nicht gekommen. Die anderen danken Woelki die Predigt mit tosendem Applaus.

Kurz vor dem Segen hält Klaus Wowereit ein launiges und geradezu schwärmerisches Grußwort. Was sei da am Anfang nicht alles über Woelki geschrieben worden. Viele hätten sich gefragt, wie das gehen soll, ein ehemaliger Sekretär des Kölner Kardinals Joachim Meisner in der weltoffenen Stadt Berlin? Und Berlin sei ja tatsächlich nicht als Hort sittlicher Strenge bekannt. "Aber wir sind eben tolerant - auch sogar gegenüber Rheinländern", frotzelt Wowereit. Und lobt Woelkis „menschliche Wärme und Zugewandtheit“. Kein Sekunde habe dieser mit Berlin gefremdelt und sei ein richtiger "Bischof zum Anfassen" geworden. Und ja, Woelki sei konservativ in dem Sinne, wie auch er selbst konservativ sei: Er wisse um die Ursprünge und Quellen des Lebens, und wolle daraus leben. Auch Wowereit erhält lauten Applaus.

Danach spricht der evangelische Landesbischof Markus Dröge. Er lobt Woelkis Einsatz für Flüchtlinge und den interreligiösen Dialog, speziell den christlich-jüdischen Dialog. Da hätten sie "gemeinsam an einem Strang gezogen". Er habe Woelki auch als jemanden kennengelernt, der sich um die Schärfung des katholischen Profils bemüht. Das stehe einer guten Ökumene nicht im Wege. Die evangelische Kirche sei ja auch dabei, sich wieder mehr aufs Eigene zu konzentrieren. Doch trotz aller Freundlichkeit - nach enger geschwisterlicher Zusammenarbeit klingt das nicht gerade.

Zum Abschied schenkt ihm Generalvikar Tobias Przytarski im Namen des Bistums ein Kaffeeservice von KPM. In der Innenseite der Tassen ist die Kuppel von St. Hedwig eingezeichnet. "So denken Sie jeden Morgen, wenn Sie Ihren Kaffee trinken an Berlin", sagt Przytarski. Woelki versichert, dass er einen Koffer in Berlin lasse. Denn an Terminen in der Hauptstadt werde es ihm auch als Kölner Erzbischof nicht mangeln. Nach dem Gottesdienst lädt Woelki alle zum Fest in den Hof hinter der Kathedrale ein. Bei seinem Einführungsfest vor drei Jahren gab es rheinischen Sauerbraten. Jetzt gibt es Berliner Buletten.

Am 20. September wird Woelki in Köln als neuer Erzbischof eingeführt. Wer ihm in Berlin nachfolgt, ist noch nicht bekannt. Manche fürchten, es könnte der erzkonservative Georg Gänswein sein. Sollte es so kommen, werden sich auch Woelkis Kritiker nach ihm zurücksehnen.


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