Ackerstraßen-Areal : Vorteil für Jette Joop

15.03.2011 15:34 UhrVon Ralf Schönball
Gerettet. Dem Kulturhaus Schokoladen drohte die Räumung. Nun soll der Hauseigentümer für dieses Grundstück eine Ausgleichsfläche an der Ackerstraße bekommen. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Gerettet. Dem Kulturhaus Schokoladen drohte die Räumung. Nun soll der Hauseigentümer für dieses Grundstück eine Ausgleichsfläche an der Ackerstraße bekommen. - Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Bei der umstrittenen Vergabe des Ackerstraßen-Areals scheinen die Graft-Architekten das Nachsehen zu haben. Die Gründe für die Direktvergabe bleiben weiter unklar.

In dem undurchsichtigen Verfahren um die Vergabe eines der letzten Filetgrundstücke im Zentrum, Invaliden- Ecke Ackerstraße, steht das Konzept von Graft Architekten vor dem Aus. Dem Vernehmen nach soll die Modedesignerin Jette Joop den Zuschlag für eines der zwei landeseigenen Grundstücke bekommen. Joop hatte erklärt, ihren Firmensitz von Hamburg nach Berlin verlagern zu wollen. Das Joop-Konzept für die Baufläche und wie viele Mitarbeiter betroffen sind, bleiben im Dunkeln – ebenso wie die Gründe für die stark umstrittene „Direktvergabe“.

Hinter verschlossenen Türen entscheidet der Bezirk Mitte mit den Senatsverwaltungen für Wirtschaft, Stadtentwicklung und Finanzen über das Areal in knapp zehn Tagen.

Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD) hat die Nutzungsvorschläge ausgearbeitet. Äußern wollte er sich nicht. Jette Joop auch nicht. Eines der beiden Grundstücke hatte Gothe wiederholt eingefordert, weil er darauf Wohnungen bauen will und eine Ausgleichsfläche braucht, um den von Schließung bedrohten Kulturbetrieb „Schokoladen“ zu retten. Geht die andere Fläche an Joop, dann bliebe kein Platz mehr für Grafts Konzept eines „Design-Pools“.

Die Enttäuschung ist den drei Architekten anzusehen, die mit 80 Angestellten und Büros in Los Angeles und China Bauvorhaben in 16 Ländern abwickeln. Droht gar eine Wegzug mit den 35 festen Mitarbeitern aus Berlin? „Nein, aber das Projekt wäre gut für diesen Ort und gut für Berlin“, sagt Lars Krückeberg. Und Partner Thomas Willemeit ärgert sich darüber, „dass wir mit Joop in die Schickimicki-Ecke geschoben wurden“ – und dass nicht ein offener Wettbewerb der beiden Konzepte über die Vergabe entscheidet.

Grafik: Tsp/ Pieper-Meyer

Graft hatte dem Vergabeausschuss vor langem die Pläne für einen Wohn- und „Design-Pool“ vorgestellt. Das fügt sich gut in die Förderstrategie des Senats für die Kreativszene ein und verspricht einen Innovationsschub auf dem Feld der Architektur. Denn Graft will ein halbes Dutzend Spitzenbüros und Einrichtungen in Mitte ansiedeln: Die Rheinisch Westfälische Technische Hochschule mit einem „Hauptstadtstudio“. Das namhafte Ingenieurbüro Happold. Das Stadtplanungsbüro „Chora“ mit Sitz in London und Amsterdam. Die Galerien E105 und ArtLab21. Und das Start-up „Solarkiosk“, das kostengünstige, mit Solarstrom betriebene Kioske für schlecht versorgte Gebiete in Afrika herstellt, sagt Graft-Partner Wolfram Putz.

Mit vielen dieser Einrichtungen arbeitet Graft zusammen, und just dies ist die Idee: Durch den Pool wird ein kreativer Kern gebildet, der auf „nachhaltigen Städtebau“ spezialisiert ist und neue Konzepte in Berlin entwickelt und von hier aus exportiert. Denn darin hat Graft etwa beim Wiederaufbau von Wohnquartieren in New Orleans neue Standards gesetzt.

Auf der Hälfte der geplanten Nutzfläche von 3000 Quadratmetern sollen Wohnungen entstehen. Die Partner selbst wollen dort mit ihren Eltern und Familien einziehen. Wohnungen sollen aber auch verkauft werden, um günstige Räume für den Design-Pool finanzieren zu können. Denn die Margen von Architekten sind gering, erst recht, wenn sie wie Graft nicht auf stereotype Lösungen und Designs setzen.

Grafts Design-Pool will sich nicht nach außen abschließen, ganz im Gegenteil. Im Erdgeschoss des Neubaus könnten Läden einziehen, aber auch ein „Show-Case“ entstehen, das Einblicke in aktuelle Projekte der „Kreativstadt Berlin“ bietet. Auch ein Forum mit Veranstaltungen und Kongressen wolle man aufbauen und dazu das benachbarte Gemeindehaus nutzen. Das vermietet die Kirche schon heute, das Gebäude ist aber nicht ausgelastet. Ein quirliges Zentrum haben die Graft-Partner dort vor Augen, das die eingeschlafene Debatte über Architektur und Städtebau in Berlin rasch beleben und ihr neue Impulse verleihen könnte.

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