Ärzte am Lageso : „Das ist Dritte-Welt-Medizin“

Noch immer kümmern sich nur ehrenamtliche Ärzte und Helfer um nicht registrierte Flüchtlinge. Für die Berliner Ärztekammer ist das ein Unding – sie warnt auch vor schweren Krankheiten.

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Die zweijährige Mini aus Syrien steht am 19.10.2015 in Berlin in einer Menschengruppe in einem Zelt auf dem Gelände des Landesamtes für Gesundheit und Soziales.
Die zweijährige Mini aus Syrien steht am 19.10.2015 in Berlin in einer Menschengruppe in einem Zelt auf dem Gelände des...Foto:Paul Zinken/ dpa

Ein schmaler Gang mit ein paar Stühlen an der Wand, gegenüber zwei Türen. Das ist das Wartezimmer im Haus C am Lageso-Gelände in Moabit, dem Landesamts für Gesundheit und Soziales, Adresse: Turmstraße 21. Es ist das Haus, in dem Flüchtlinge medizinisch versorgt werden. All jene, die noch nicht registriert sind, die noch nicht automatisch krankenversichert sind. Menschen in einer Grauzone, medizinisch gesehen. Frauen und Männer sitzen in dem Gang, mit Kindern auf dem Schoß. Ein paar Kinder rennen auf und ab, sie spielen Fangen, sie vertreiben sich die Wartezeit.

100 bis 200 Patienten werden täglich behandelt

Hinter den Türen sind die Behandlungszimmer für drei Fachbereiche: Kinderarzt, Allgemeinmediziner, Zahnarzt. Der Dentist und der Kinderarzt teilen sich ein Zimmer, die Hebammen arbeiten dort auch noch. Ein Kind wurde hier allerdings noch nicht geboren. Etwa 20 Quadratmeter sind die Zimmer jeweils groß. 100 bis 200 Patienten werden täglich durchgeschleust. Ein Provisorium, in vielerlei Hinsicht.

Vorhänge sorgen für eine gewisse Privatsphäre, es gibt eine medizinische Liege, einen Schreibtisch für die Dokumentation und Regale, voll mit Medikamenten. Es ist besser als nichts. Aber nicht viel besser. „Das hier ist Dritte-Welt-Medizin in der Mitte der deutschen Hauptstadt, und das unter den Augen des Gesundheitssenats.“ Sascha Rudat sagt das, der Pressesprecher der Berliner Ärztekammer. Er sagt auch: „So kann es nicht weitergehen. Wir brauchen hier endlich hauptamtliches medizinisches Personal.“ Das ist der Kernpunkt.

Rund 70 Ärzte, 67 Hebammen und 40 medizinische Helfer versorgen die Patienten – ehrenamtlich. „Eigentlich müsste der Staat diese Aufgabe übernehmen“, sagt Rudat. Besser gesagt: das Lageso beziehungsweise der Senat für Gesundheit und Soziales. Zehra Can gehört auch zu den Helfern. Ein Frau mit halblangen, schwarzen Haaren und einem entschlossenen Blick. Sie kommt von der Caritas, sie ist die Einzige aus dem medizinischen Pool, die hier hauptamtlich arbeitet. Ihre Aufgabe ist die Koordination der Ehrenamtlichen. „Ich achte darauf, dass immer ein Kinderarzt, ein Allgemeinmediziner und ein Arzt einer anderen Fachrichtung vor Ort sind, damit man möglichst viele medizinische Fälle abdecken kann“, sagt Can.

„Doc Hartmut“ steht auf einem Kleber auf seiner Brust

Einer der Kinderärzte ist Hartmut Wollmann. „Doc Hartmut“ steht auf einem Kleber auf seiner Brust. Gerade hat er ein Mädchen versorgt, das unter der Sichelzellanämie leidet, eine Erbkrankheit, die ohne Behandlung zu Blutarmut und Organschäden führen kann. Nach seiner Einschätzung muss das Mädchen ins Krankenhaus, um regelmäßig Bluttransfusionen zu bekommen.

Doch solange es sich nicht um einen akuten Notfall handelt, können nicht-registrierte Flüchtlinge nicht im Krankenhaus behandelt werden. Und das Mädchen war noch nicht registriert. Sie kommt jetzt auf die von der Caritas erwirkten „Fast-Lane“ beim Lageso – und wird so bevorzugt registriert, damit sie ins Krankenhaus darf. Die Kosten von Notfällen, die sofort im Krankenhaus behandelt werden, übernimmt das Land.