AfD-Direktkandidat Kay Nerstheimer : "Ich habe doch niemanden verhetzt"

Rassismus, Homophobie, Rechtsextremismus – der Lichtenberger AfD-Direktkandidat Kay Nerstheimer äußert sich erstmals zu den Vorwürfen gegen ihn.

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Wahlplakate der AfD hängen an einer Straßenlaterne.
Wahlplakate der AfD hängen an einer Straßenlaterne.Foto: dpa

Ein Einkaufszentrum in Hohenschönhausen, rund herum weite Flächen und Hochhäuser. Kay Nerstheimer will sich in seinem Wahlkreis treffen. Bislang hat der umstrittene Lichtenberger AfD-Direktkandidat geschwiegen zu den Vorwürfen gegen ihn – Homophonie, Rassismus, Mitgliedschaft in einer rechtsextremen Organisation. Doch nachdem er nun auf die Mitgliedschaft in der AfD-Fraktion verzichtet hat, ist er zu einem Gespräch mit dem Tagesspiegel bereit. Der 52-Jährige wirkt zunächst gemütlich, erzählt von seiner Tochter, die er später zum Ballett bringt. Berichtet aber auch begeistert von seinen militärischen Auszeichnungen. Seine erste Kalaschnikow habe er in der DDR mit 15 in der Hand gehabt. Er war Soldat in der NVA, später in der US-Armee. Zuletzt hat er als Sicherheitsmann gearbeitet. Dort hat man ihm aber wegen der Vorwürfe gekündigt.

Herr Nerstheimer, halten Sie die Kritik an Ihrer Person für gerechtfertigt?

Nein. Es wurden Zitate aus einem ellenlangen Kontext gerissen und verdreht.

Sie haben also Homosexuelle nicht als „degenerierte Spezies“ bezeichnet?

Lassen Sie mich mal kurz ausholen: Ich habe kein Problem mit Homosexuellen. Mein Stiefvater hatte eine Szene-Kneipe in Ost-Berlin, da habe ich genug Homosexuelle kennengelernt. Aber ich will eigentlich nicht wissen, wie jemand in dieser Hinsicht tickt. Und ich will auch nicht, dass meiner Tochter das Thema in der Schule auf die Nase gebunden wird.

Von Ihnen war auch zu hören, dass Homosexuelle keine Kinder haben dürften.

Zu einer gesunden Erziehung gehören Vater und Mutter, das ist zum Wohl des Kindes. Wenn Homosexuelle ein Kind adoptieren, könnte das schlecht sein für dessen Psyche.

Trotzdem haben Sie auf Facebook von einer „degenerierten Spezies“ geschrieben.

Ein User hat mich in dem Zusammenhang so lange provoziert, bis ich das dann geschrieben habe, ja. Das ist zwei Jahre her und seitdem habe ich nichts mehr davon gehört – bis eben vor ein paar Tagen.

Und was ist mit Ihrer Äußerung, Flüchtlinge seien „widerliches Gewürm“?

Das bezog sich nicht auf Flüchtlinge. Sondern auf Männer im Allgemeinen, die ihre Familie im Krieg zurücklassen. Solche Männer sind für mich widerliches Gewürm, und zwar ganz egal wo sie herkommen.

Mittlerweile haben Sie Ihre Facebook-Seite offline genommen.
Ja. Auf Facebook werde ich nicht mehr aktiv sein. Zwischen dem Wahlsonntag und Dienstag hatte ich etwa 400 Freundesanfragen – auch von Leuten aus meiner Vergangenheit. Das wollte ich nicht.

Ihre Vergangenheit ist für Ihre Partei nun ein Problem. Was haben Sie in der German Defence League gemacht, die vom Bremer Verfassungsschutz beobachtet wurde?

Ich war 2013 drei Monate dabei und habe in Berlin als Ansprechpartner gedient. Da habe ich zum Beispiel Stammtische organisiert. Das Radikalste, was ich gemacht habe, war, das Grundgesetz auf der Straße zu verteilen, während daneben Leute den Koran verteilt haben.

Aber Sie wollten eine Miliz aufbauen.

Wissen Sie, wenn Sie eine Organisation aufbauen, dann wollen Sie das möglichst effizient tun. Und eine militärische Struktur ist eben die effizienteste.

Wie genau sollte das aussehen?
Naja, drei Gruppen sind ein Zug. Drei Züge bilden eine Hundertschaft beziehungsweise vier Züge eine Kompanie. Die Hundertschaft wäre Polizeistruktur, die Kompanie ist Militär.

Zu welchem Zweck denn?

Ziel war es, die kaputt gesparte Polizei in Notsituationen zu unterstützen. Wir haben uns gefragt: Was passiert etwa bei einem Anschlag wie in London, wenn die Polizei überfordert ist?

Also eine Art Bürgerwehr?

Was wir wollten, wäre eine Art freiwillige Polizeireserve gewesen. Bürger sollten in die Landesverteidigung mit eingebunden werden. Wenn man in einer Demokratie schläft, wacht man in einer Diktatur wieder auf. Aber vielleicht bin ich auch ein wenig DDR-geschädigt.

Sie sitzen jetzt für Ihren Lichtenberger Wahlkreis im Abgeordnetenhaus – fraktionslos. Wie wollen sie damit umgehen?

Ich bleibe weiterhin Mitglied der AfD und werde wohl in vielen Punkten mit der Partei stimmen.

Der Lichtenberger AfD-Direktkandidat Kay Nerstheimer.
Der Lichtenberger AfD-Direktkandidat Kay Nerstheimer.Foto: dpa

Welche Ziele wollen Sie im Abgeordnetenhaus verfolgen?

Ich will die Tafeln unterstützen und für die Menschen in den Sicherheitsdiensten, Reinigungsfirmen und sonstige Angehörigen von Fremdfirmen ein Vertreter ihrer Interessen sein. Ich weiß nur zur Zeit noch nicht, wie ich das als Fraktionsloser umsetzen werde.

Was nehmen Sie aus der ganzen Sache mit?

Mich überrascht es, dass so eine Hexenjagd, wie sie mit mir veranstaltet wurde, in einer Demokratie möglich ist. Ich habe ja niemanden verhetzt. Nicht zu Mord und Totschlag aufgerufen. Vielleicht habe ich ein bisschen drastischer meine Meinung kundgetan. Das Beste wäre gewesen, wenn ich am 13. Juli, als der RBB über meine Vergangenheit bei der German Defence League berichtet hat, direkt mein Facebook platt gemacht hätte.

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