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"Alles Absicht" : Neuer BVG-Spot: Allgemeines Gemecker auf die Spitze getrieben

Mit ihrem neuen Video will die BVG an den Riesenerfolg "Is' mir egal" anknüpfen. Jetzt heißt es: "Alles Absicht"

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Na, wo fahren wir denn heute lang - und wie viel zu spät? Szene aus dem BVG-Spot.
Na, wo fahren wir denn heute lang - und wie viel zu spät? Szene aus dem BVG-Spot.Foto: promo

60,66 Euro im Monat für ein BVG-Ticket? Ganz schön teuer findet das der junge Mann im Kundencenter und fragt den Fahrkartenverkäufer: „Was ist denn da alles drin?“ – „Alles, was Sie von uns erwarten“, antwortet der und drückt einen unter seiner BVG-Kaffeetasse verborgenen Knopf, um den Aufwand zu zeigen, den die BVG für ihre Kunden treibt: Das Eichhörnchen, das im Studio der Lottofee wöchentlich die Busverspätungen auslost – in diesem Fall kullert die Zwölf-Minuten-Nuss für den berüchtigten M41er-Bus ins Schälchen.

Diese Szene gehört zu einem neuen Werbevideo, das die BVG am Freitag in kleinem Kreis präsentierte – in ihrer Unternehmenszentrale an der Holzmarktstraße, an deren Fassade über drei Etagen die für ein Landesunternehmen durchaus innovative Parole prangt: „Du musst deine Möpse nicht verstecken.“ Darunter der Hinweis, dass kleine Haustiere gratis fahren, und ein Bild jenes zerknautschten Geschöpfs mit der Raubfischkapuze, das einem Millionenpublikum als „Hund mit Hai" aus dem Hit "Is' mir egal" bekannt ist. Der Klamauk-Song von Kazim Akboga wurde nach Auskunft der BVG an seinem Premierentag im Dezember 2015 mehr als eine Million Mal angeklickt. Inzwischen sind es mehr als 17 Millionen Zugriffe und der Gewinn mehrerer renommierter Auszeichnungen.

Sehen Sie hier einen ersten Ausschnitt aus dem BVG-Video

Video
Hier ist der neue BVG-Spot

Die Messlatte liegt also ziemlich hoch für das neue Werk. In dem geht es vom Verspätungslotto direkt ins Akustiklabor, wo ein verschnarchter Kollege sich fünf Schokoküsse in den Mund stopft, damit wirklich niemand seine Durchsagen versteht. Es folgt das von begeisterten BVGern am Monitor verfolgte „Bremsbowling“ in der Straßenbahn, wo ein „ordentlicher Ruck“ die Fahrgäste scharenweise umwirft. Dann der Busfahrer, der möglichst präzise vor dem herbeirennenden Fahrgast die Tür schließt. Dafür seien die 60,66 Euro pro Monat doch wirklich ein fairer Preis, resümiert der BVG-Mann. Es ist ein Schauspieler, und auch sonst ist nichts echt, wenn man von den Kundenstühlen mit der Aufschrift „Very important Fahrgast“ absieht. Die gibt es im Kundencenter tatsächlich.

Weder Musik noch ein Slogan

Mit dem knapp zwei Minuten langen Video unter dem Motto „Alles Absicht“ will die BVG einmal mehr ihre Kunden – und vor allem die, die es werden könnten – für sich begeistern, aber auch die eigenen Mitarbeiter. Produziert hat den Spot wieder die Agentur Jung von Matt. Ganz so eingängig wie „Is’ mir egal“ mit Kazim Akboga ist er schon mangels Musik nicht, und auch ein markanter Slogan fehlt. Es ist der Versuch, das allgemeine Gemecker auf die Schippe zu nehmen, indem die typischen Fälle bis ins Absurde überdreht werden.

Ab Montag 10 Uhr wird sich zeigen, ob das Publikum die Ironie versteht. Dann soll das Video auf Youtube und Facebook freigeschaltet und über die BVG-Seite verlinkt werden. Später ist auch noch eine gekürzte Version für die Kinos geplant. Zu den Kosten macht die landeseigene BVG keine Angaben. Sie seien im regulären Werbebudget des Unternehmens enthalten. Wie groß das ist? „Groß“, heißt es dazu bei der BVG. Und auf weitere Nachfrage: sechsstellig, und zwar nicht erst seit der laufenden Kampagne, in der sich die BVG mit Herz und Schnauze an die Leute heranduzt.

Die BVGer sehen das Video eine Stunde vorher

Eine Abo-Werbekampagne gebe es ohnehin in jedem Herbst. Diesmal ist sie eben etwas anders als gewohnt. Der im Spot genannte Preis ist übrigens der, der für ein vorab abgebuchtes AB-Jahresticket im Abo fällig wird.

Alles in allem darf der Spot wohl als Plädoyer für mehr Gelassenheit verstanden werden. Ob die Botschaft bei möglichen Adressaten, umsteigewilligen Autofahrern etwa, korrekt ankommt, ist eine andere Frage. Zumindest hat die BVG die Themen aufgegriffen, über die sich ihre Fahrgäste tatsächlich am häufigsten beschweren. Die Statistik fürs vergangene Jahr wird von knapp 5000 Klagen über Busfahrer angeführt, gefolgt von knapp 2000-fach monierten Verspätungen und 732 Beschwerden über die Fahrweise. Für Straßenbahn und U-Bahn sind die Zahlen deutlich geringer. Auffallend auch: Während die Klagen übers Personal jeweils unter denen der Vorjahre lagen, haben die über Verspätungen bei allen drei Verkehrsmitteln teils massiv zugenommen. Addiert ergeben die drei Themenblöcke (Fahrweise, Verspätungen, Personal rund 10 000 Beschwerden fürs vergangene Jahr – bei mehr als einer Milliarde Fahrgäste.

Die Mitarbeiter der BVG bekommen das Video Montagfrüh eine Stunde vor der Allgemeinheit zu sehen. Die Botschaft richtet sich auch an sie – und lautet ungefähr, dass sie in einem ziemlich coolen Laden arbeiten. Also ähnlich wie es vor mehr als zehn Jahren der BSR gelang, deren Imagekampagne mit Saturday Night Feger & Co. in vielen Unternehmen bis heute als das bestmögliche Beispiel für Image-Werbung gilt.

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