Als erste Kommune in Brandenburg : Bernau rehabilitiert Opfer der Hexenverfolgung

Die Stadt Bernau würdigt die Opfer der Hexenjagd. Was kurios klingt, hat einen ernsten Hintergrund: Der Schritt ist ein Zeichen gegen Diskriminierung.

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Das historische Stadttor in Bernau. Die Stadt ist die erste Gemeinde in Brandenburg, die Opfer der Hexenverfolgung rehabilitiert.
Das historische Stadttor in Bernau. Die Stadt ist die erste Gemeinde in Brandenburg, die Opfer der Hexenverfolgung rehabilitiert.Foto: Thilo Rückeis

Am 18. August 1619 starb Orthie Meermann in Bernau an den Folgen der Folter. Ihre Geschichte als Angeklagte in einem Hexenprozess wurde von den Chronisten ausführlich dokumentiert. Nicht nur ihre Großmutter und ihre Mutter wurden im Zuge der Hexenverfolgung ermordet – auch ihre Tochter starb auf dem Scheiterhaufen. Die vier Bernauer Frauen wurden Opfer einer brutalen Hetzjagd, die in der frühen Neuzeit bis zu 60000 Menschen in ganz Europa das Leben kostete.

Als erste Kommune in Brandenburg hat nun die Stadt Bernau die Opfer der Hexenverfolgung öffentlich rehabilitiert. In der Begründung des Stadtparlaments heißt es: „Die Rehabilitierung der unschuldig gequälten und hingerichteten Opfer ist ein Akt im Geiste der Erinnerung und Versöhnung“. Sören-Ole Gemski, der für die Linke im Stadtparlament sitzt, hatte den Antrag eingereicht.

Keine rechtliche Rehabilitierung

Wissenschaftlichen Beistand erhielt er vom Historiker Bernd Eccarius. Dieser erklärt, warum eine juristische Rehabilitierung unmöglich sei: „Die Stadt Bernau ist kein Rechtsnachfolger der damals Urteilenden.“ Auch eine finanzielle Entschädigung von Nachkommen scheide somit aus. Angehörige der betroffenen Familien seien in der Stadt ohnehin nicht mehr anzutreffen, wie Eccarius vermutet: „Die Bevölkerung Bernaus wurde im Dreißigjährigen Krieg fast komplett ausgetauscht.“

Mit dem jetzigen Beschluss bekenne sich die Stadt aber zu ihrer ethischen Verpflichtung, das Unrecht anzuerkennen, das den Opfern widerfahren ist. Die Bernauer Stadtführerin Beate Modisch hat zusammen mit einer Kollegin einen Rundgang zum Themenfeld Hexenverfolgung gestaltet. Sie berichtet, dass die meisten Opfer in Bernau zwischen 1617 und 1622 starben: Nach aktueller Quellenlage mindestens 25 Frauen und drei Männer.

Ein Beschluss mit aktueller Botschaft

Ihre Tour führt auch am ehemaligen Henkerhaus vorbei. Dort steht seit 2005 ein Denkmal für die Opfer der Hexenverfolgung, gestaltet von der Wandlitzer Künstlerin Annelie Grund. Darauf finden sich die Namen aller Bernauer Opfer. Für Modisch ist es nicht nur ein Ort der Erinnerung, sondern auch der Mahnung. Und, entgegen aller Erwartung, sei diese hochaktuell: „Jahrhundertelang wurden Sündenböcke gesucht. Einst waren es die Hexen, schon immer die Juden und heute die Geflüchteten.“

In vielen Ländern und Kulturen in Lateinamerika, Südostasien und vor allem in Afrika werden Menschen noch heute verfolgt, weil sie der Hexerei bezichtigt werden. Wissenschaftler vermuten, dass seit 1960 mehr angebliche Hexen und Zauberer hingerichtet oder umgebracht worden, als während der Verfolgungsperiode im Europa der Frühen Neuzeit.

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