Berlin : Als Günter Grass für Bolle warb

Der junge Schriftsteller arbeitete für die Werbeabteilung der Meierei. Ein Buch samt DVD erinnert daran.

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F.: Patricia Bohnstedt/Ch. Links Verl.
F.: Patricia Bohnstedt/Ch. Links Verl.

Anfang 1958 sahen sich die West-Berliner Filmliebhaber unerwartet einer Invasion konsumlustiger Kängurus gegenüber. Gerade hatten die Menschen es sich im Kinosessel bequem gemacht, da hüpfte vor ihren Augen ein Rudel dieser Beuteltiere über die Leinwand – auf den Straßen von Berlin! Kümmerte sich nicht um Verkehrsregeln, ignorierte die Anweisungen des Schutzmanns, hopste schnurstracks zum nächsten Bolle-Selbstbedienungsladen, drängte hinein. Verteilte sich zwischen den Regalen, füllte sich die Beutel, eilte zur Kasse, bezahlte. Das alles vor den Augen der staunenden Berliner, sogar ein steinerner General war von seinem Denkmalsockel herabgestiegen. Kannte ja noch kaum jemand: Selbstbedienung?! War aber doch eine tolle Idee. Nun würden auch die Menschen dem Beispiel der Kängurus folgen, nach dem Motto „Ja, von Bolle, Bolle, Bolle schwärmt Berlin, / ganz Berlin vom Wedding bis zum Tauentzien.“

Ein hübsches Trickfilmchen für den Kino-Reklameblock, 1 Minute 43 Sekunden, in der Ästhetik ans HB-Männchen erinnernd. Von dem Mann, der das Exposé für den Werbespot geschrieben hatte, hatte noch kaum jemand gehört. Ehemals Student der Bildhauerei an der Hochschule für bildende Künste in Berlin, lebte nun in Paris, zeichnete, schrieb Gedichte, bastelte an seinem ersten Roman. Irgendwas mit einer Blechtrommel.

Eine nahezu unbekanntes Detail aus dem Dichterleben von Günter Grass, und es war nicht einmal seine erste Arbeit als Reklamemensch. Schon zwei Jahre zuvor hatte er als Texter für die Jubiläumsschrift zum 75-jährigen Bestehen der Meierei C. Bolle Berlin sein „erstes großes Publikum“ gefunden. „Es sollen dreihundertfünfzigtausend Exemplare gewesen sein“, erinnerte sich der Nobelpreisträger 2006 in dem Buch „Vom Häuten der Zwiebel“.

Eine kuriose Episode, die kaum etwas über den literarischen Werdegang des weltberühmten Autors aussagt, aber umso mehr über die Konsumwelt der späten fünfziger Jahre und die schwierige Lage eines aufstrebenden Jungautors jener Zeit – die zudem ungemein unterhaltsam ist. Ausgegraben hat sie Kai Schlüter, Redakteur bei Radio Bremen, der seine Entdeckung in einem amüsanten, keineswegs nur für Grass-Jünger interessanten Buch vorstellt, samt Faksimile der Jubiläumsbroschüre, dem Filmexposé, unveröffentlichten Bolle-Texten und einem Interview. Herausgebracht wurde es vom Ch. Links Verlag gemeinsam mit dem Sender, so dass auch eine DVD, unter anderem mit den Kängurus und dem leibhaftigen Grass in Bild und Ton, beigelegt werden konnte.

Grass’ Kontakt zu Bolle war über einen Kommilitonen zustande gekommen, Karl Oppermann, 1955 dort als Werbeleiter eingestellt. Dessen erste große Aufgabe bei dem Berliner Unternehmen, das von der ursprünglichen Meierei zur Lebensmittelkette mit 150 Filialen aufgestiegen war: eine Werbebroschüre zum 75. Firmenjubiläum 1956, für die er sich Großes vornahm: „Ich möchte das Originelle, das Ungewöhnliche durchsetzen, vor allem möchte ich literarische Qualität.“ Das versprach er sich vor allem von seinem Freund Grass, der schon angesichts des Honorars von 350 Mark, damals ein hübsches Sümmchen, nicht Nein sagen mochte, bei näherer Beschäftigung mit Bolle an der Person des Firmengründers ohnehin Gefallen fand und ihn in seinem fünfseitigen Text humorvoll zu fast biblischem Format glorifizierte: „Moses hatte seinem Volk versprochen, es über kurz oder lang in jenes freundliche Land zu führen, in welchem ,Milch und Honig fließt’. Carl Bolle war etwas bescheidener. Er hat auf den Honig verzichtet, vorerst, dafür aber den Berlinern die Milch bis kurz vor den Frühstückstisch geleitet.“ Dergleichen suchte den Rahmen des als Reklame Möglichen fantasievoll auszureizen, samt einem „Milchmärchen“ als Höhepunkt. Es gipfelte in der Überlegung, die himmlische Milchstraße, zu der Bolle nach seinem Tode hinaufgeflogen sei, müsste doch „eigentlich Bolle-Straße heißen“.

Anderes erschien Oppermann aber doch zu kühn: „Es sprang einmal eine Katze, wer könnte es ihr verdenken, in einen 2000 Liter fassenden Behälter und starb jenen Tod, den sich wohl heimlich alle Katzen wünschen, sie ertrank in der Milch.“ Das hätte vielleicht in die „Blechtrommel“ gepasst, aber doch nicht in eine Bolle-Broschüre, und wurde gestrichen.

Bolle war mit seinem neuen Reklametexter offensichtlich zufrieden, betraute ihn nun mit dem Filmexposé, das für die neuen Selbstbedienungsläden werben sollte. Grass entwickelte zu Handlung und Musik genaue, so auch umgesetzte Vorstellungen, empfahl als Zeichner Vicco von Bülow alias Loriot, der Bolle aber zu teuer erschien. Und so erhielt den Auftrag der Berliner Karikaturist Will Halle, der auch für den Tagesspiegel arbeitete. Danach schrieb Grass ein weiteres Bolle-Märchen, „Die Milchflaschenpost“, das aber unveröffentlicht blieb, und mit der „Blechtrommel“ 1959 war das Kapitel Reklame für ihn ohnehin abgeschlossen.

Kai Schlüter (Hg.): Günter Grass: Das Milch-Märchen. Frühe Werbearbeiten. Ch. Links Verlag, Berlin. 72 S., 42 Abb., mit einer DVD von Radio Bremen, 49,90 Euro

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