Berlin : An der Schnittstelle

Ein Berliner Phänomen wird 60: Udo Walz. Wie hat es der Friseur eigentlich geschafft, ein Vorzeigepromi zu werden?

Elisabeth Binder

Er ist ein in Ehren ergrauter mittelständischer Unternehmer und beschäftigt 70 Mitarbeiter. „Geld verdienen kann man damit nicht“, sagt er vorsichtshalber gleich dazu, vielleicht, weil er ein Schwabe ist. Pro Woche gibt er manchmal 200 Autogramme.

In der nächsten Woche könnten es noch ein paar mehr werden – am 28. Juli wird Udo Walz 60 Jahre alt, und die Aufregung hat schon begonnen. „Schauen Sie mal, ist das nicht schön? Kann man darauf nicht stolz sein?“, fragt er und streicht liebevoll über das Hochglanzpapier der „Bunten“. Immerhin sieben Seiten widmet das Pflichtblatt der deutschen Glamourgesellschaft dem „Herrn der Haare und Herzen“. Die Unternehmensberaterin und Professorin Gertrud Höhler beginnt ihre Hommage darin mit den Worten: „Er ist ein Star. Deshalb suchen Stars seine Nähe.“

Das Phänomen Udo Walz wird gern als typisch für den beklagenswerten Zustand der Hauptstadtgesellschaft abgetan. Ein Friseur als Vorzeigepromi? In manchen Kreisen gilt das als ultimatives Indiz dafür, wie halbseiden Berlin ist.

Udo Walz ist stolz auf seinen Beruf, in dem er eher eine Berufung sieht. „Ich will das machen, bis ich umfalle“, sagt er und zieht mit dem Arm einen Kreis durch seinen Salon in der Kempinski-Plaza. Nirgendwo auf der Welt fühlt er sich so sicher wie hier, so ganz und gar auf seinem Terrain. Noch vier weitere Salons besitzt er in Berlin und Potsdam, und drei auf Mallorca. Aber ein Mietshaus habe er deshalb noch lange nicht, betont er nochmals. Und lächelt dann breit: „Dafür habe ich ein schönes Leben.“

Es gibt sicher nicht viele Friseur-Salons mit Bar, diese ist sogar etwas erhöht, bietet eine schöne Aussicht auf die Wellness-Welt der Haare.

Woher kommt der Ruhm? „Hart erarbeitet“, vermutet er. Er arbeitet jeden Tag von Viertel nach neun bis sieben. Trotz der vielen prominenten Kunden, kann jeder einen Termin zum Haareschneiden bei ihm bekommen. Teurer als seine erfahrensten Mitarbeiterinnen ist er auch nicht. Am Wochenende kommen 70 Prozent seiner Kundinnen aus ganz Deutschland angefahren. Dabei betont er gern, dass es in Deutschland viele sehr gute Friseure gibt.

Sein Durchbruch kam allmählich. 1963 zog er nach Berlin, 1967 brachte die „B.Z.“ eine Titelstory über den jungen Friseur, der eigentlich nach New York gewollt hatte, aber in Berlin blieb, weil es ihm gefiel. Eine erkrankte Kollegin vermittelte ihm einen Termin, bei dem er ein damals berühmtes Model frisieren musste. Von da an war er gefragt bei frühen Mode-Events wie der Berliner Durchreise. Claudia Schiffer habe ihm später sehr geholfen, sagt er nach einer Weile. Als sie 18 war, sollte er nach New York kommen, um sie zu frisieren. „Aber nur, wenn ich Concorde fliegen kann“, lautete seine Bedingung.

An der Wand der hellen Bar hängt ein Kunstwerk, das einen Ausriss des gut wiedererkennbaren Udo-Walz-Kopfes auf Zeitungsseiten zeigt, darunter steht „Wanted“. Draußen vor dem Fenster stoppt eine Schulklasse aus Weinheim. „Gleich kriegen sie eine Führung“, sagt er. „Die sind angemeldet.“ Seine Empfangschefin lotst die Klasse routiniert hinein, und später gesellt er sich auch kurz dazu. „Habt ihr denn keine Fragen?“, fragt er die anfangs schüchternen Jugendlichen aufmunternd. „Ich hätte viele Fragen.“

Die Illustrierte „Bunte“ hat ihm 60 Fragen gestellt, für jedes Lebensjahr eine. Die ARD hat ein 30-Minuten-Feature über ihn gedreht, und ab Ende September gibt es jeweils samstagabends eine Udo-Show auf RTL. Sechs Folgen sind zunächst in der Planung. Zwei Bücher hat er zusammen mit einem Ghostwriter geschrieben.

Neid sei ihm völlig fremd, sagt er. „Auch das typisch deutsche Aber, das allem immer eine Wendung ins Negative gibt mag er nicht. Sein Geheimnis? Er kann Geheimnisse wahren, ist absolut diskret. Abends auf den viel fotografierten Partys ist er ein beliebter Begleiter für Frauen, die vorübergehend ohne Mann sind, war mit Susanne Juhnke ebenso zu sehen wie mit Sabine Christiansen, seiner besten Freundin. Wie ging es nach der ersten B.Z.-Story weiter mit dem Ruhm? Viele Reisen um die Welt folgten, immer, um Models zu frisieren. Eine ganze Zeit lang hat er dieTitel-Frauen für die Frauenzeitschrift „Brigitte“ frisiert und die Ladies aus den Katalogen von Otto und Co.

Der richtige gesellschaftliche Durchbruch kam dann Mitte der 80er Jahre komischerweise über eine sehr typisch berlinische Schiene. Wer zur Top-Society dazugehörte, bestimmten mehr oder weniger die Alliierten. Die Freundschaft mit Richard und Gahl Burt, dem damaligen amerikanischen Botschafter und seiner Ehefrau, ebnete den Weg auf das Promi-Parkett. Da durfte er sogar mal neben dem amerikanischen Verteidigungsminister sitzen. Hat sich aber nicht getraut, was zu sagen. Dass er schüchtern ist, erwähnt der Friseur gleich mehrmals. Er höre wirklich lieber zu, als selber zu reden.

Nach dem Regierungsumzug entwickelte sich Berlin vorübergehend zur Party-Metropole. Udo Walz geht gerne zu Partys, „wenn sie schön sind. Ich amüsiere mich gern.“ Was sonst für ihn sein gutes Leben ausmacht? Gutes Essen. Gutes Essen ist für ihn ein Steak in der Paris Bar oder italienische Küche im Adnan, das er wegen des guten Preis-Leistungs-Verhältnisses „Aldi für Prominente“ nennt. Nur allein geht er gar nicht in Restaurants. „Das kann ich nicht“, sagt er und gibt der Schüchternheit die Schuld. Das muss er auch nicht. Seit acht Jahren lebt er mit seinem derzeitigen Partner zusammen. Aus seiner Homosexualität hat er nie ein Hehl gemacht. Trotzdem: „Obwohl ich schwul bin, kann ich mit Männern wenig anfangen.“

Udo Walz mag „Frauen, die was schaffen“. Angela Merkel zum Beispiel. Er hat auch Marlene Dietrich frisiert, die Callas, Twiggy und Gwyneth Paltrow.Vielleicht schätzen es die Frauen, dass er nicht neugierig ist. Er legt Wert darauf, ein wirklich guter Freund sein zu können und glaubt nicht an die These, dass ein Mensch allerhöchstens zwei oder drei gute Freunde haben könne. Er schätzt, dass er „etwa 30 gute Freunde“ hat, auf die er bauen kann. „Weltweit.“

„Ich komme gleich“, sagt er einem Kamera-Team, das gerade den Salon betreten hat. Seit vier Jahren beschäftigt er eine Frau, die „meine Medientermine koordiniert“. So richtig schlimm sei es erst in den letzten beiden Jahren geworden. „Vielleicht bin ich psychologisch besser geschult als andere Friseure“, versucht er noch mal eine Erklärung für den Vorsprung an Ruhm.

Seinen Geburtstag feiert er in der kommenden Woche mit 300 Wegbegleitern. „Aber nicht nur mit Prominenten“, auf diese Feststellung legt er Wert. Zu den Gästen gehören auch seine Mitarbeiter und „,meine Haushälterin natürlich, mein Schuster“. Er will bei seinem Leisten bleiben. Und bei dem Motto, das ihm irgendwann mal einfach so eingefallen ist: „Das Leben ist keine Generalprobe.“

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