An die Berliner Occupy-Bewegung : Konzentriert euch!

Zur Vollversammlung der Berliner Occupy-Aktivisten kommen gerade mal noch zehn Leute. Offenbar hat der Protest den Winter nicht überstanden. Vielleicht ist das auch besser so.

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9.01.2012: Das Berliner Zeltlager der Occupy-Aktivisten ist Geschichte. Die Polizei räumt das Gelände. Die letzten rund zehn Camper verlassen den Bundespressestrand widerstandslos.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Thilo Rückeis
05.01.2012 17:579.01.2012: Das Berliner Zeltlager der Occupy-Aktivisten ist Geschichte. Die Polizei räumt das Gelände. Die letzten rund zehn...

Grillwalker: sechs, Occupy: null. So lautet die Bilanz auf dem Alexanderplatz. Von wegen Montagsdemo! Sie ist zwar angekündigt auf der Homepage der Kapitalismusgegner, doch im Sonnenschein des frühen Abends finden sich zwischen Kaufhof und Fernsehturm keine Occupy-Aktivisten. Dafür sind alle anderen da: die „Rote-Nasen-Clowns“ etwa, die sich für Kinder im Krankenhaus einsetzen, der Naturschutzbund Deutschland oder das Bündnis gegen Sozialabbau. Die Polizei, mit zwei Mannschaftswagen aufgefahren, ist ebenfalls nicht wegen Occupy da, sondern wegen gewalttätiger Fußball-Fans beim Union-Spiel.

Eine Woche zuvor waren wenigstens noch 15 „Empörte“ auf dem Alexanderplatz gewesen, und skandierten aus für Unbeteiligte unerfindlichen Gründen „Solidarität mit Seoul“. „Yes, we camp“ natürlich auch. Aber das Camp gibt es bekanntlich seit dem 9. Januar nicht mehr in Berlin. Da räumte die Polizei das Lager plus zehn Bewohner auf dem ehemaligen Bundespressestrand nahe dem Hauptbahnhof. „Was machen wir jetzt?“, fragte damals ein ratloser Aktivist, als die Polizei nach zwei Monaten im Nieselregen das Camp räumte. „Die Dinge auf uns zukommen lassen“, antwortete einer. Könnte sein, dass die Dinge schon nicht mehr auf die Empörten zukommen, sondern an der Bewegung vorbeigegangen sind.

Eine Montagsdemo ist angekündigt – aber niemand kommt

Ein Gegensatz zwischen virtueller Präsenz und realem Wirken ist deutlich. Im Netz beeindruckt Occupy mit einer Fülle von angezeigten Terminen, Vorbereitungstreffen, Bezirksgruppen und Versammlungen. Doch auch die erste diesjährige „Draußen-Asamblea“ vor dem Reichstag, die Vollversammlung der Aktivisten, ist zu einer überschaubaren Veranstaltung von zehn Menschen zusammengeschnurrt. Knapp über 20 Aktive, so meldet es die Occupy-Seite, waren bei der letzten „Sonderasamblea“ anwesend – eine etwas zähe Angelegenheit, die gegen 23 Uhr zu Ende ging, ohne dass man wesentlich vorankam mit der Frage: Was und wie soll eine Asamblea sein? Was nach sechsmonatigen Aktivitäten doch ein wenig nachdenklich stimmt. Zumindest einigte man sich darauf, sich künftig auf die Zeit zwischen 17 und 19 Uhr zu konzentrieren – damit die Aktivisten „später noch woanders hin“ können.

Es wirkt so, als habe der Protestfrühling des vergangenen Herbstes den Winter nicht recht überstanden. Und während die Primeln in den Frühling schießen, liegt Occupy noch im Winterschlaf der vorzeitigen Erschöpfung. Vielleicht war es dann doch politisch zu unbedarft, was diejenigen sich vorgenommen haben, die für sich beanspruchen, für „99 Prozent“ der Bevölkerung zu sprechen. Wer sich auf den Versammlungen immer noch damit herumschlägt, ob so lange diskutiert werden muss, bis Entscheidungen einstimmig fallen, oder auch eine 90-prozentige Zustimmung erträglich ist, braucht sich nicht zu wundern, dass im Frühling selbst das Gras schneller wächst – und mögliche Aktivisten lieber woanders hingehen.

Konzentration aufs Wesentliche

Ein gutes Anliegen, schon verblüht? „Ja, wir waren in letzter Zeit etwas weniger wahrnehmbar“, gibt Aktivist Robert zu. Ein neues Camp muss her, habe man sich vorgenommen. Ort: unklar, bevorzugt Zentrum, möglichst geduldet vom Grundstückseigentümer. Zuerst aber steht Innerlichkeit an: Auf der Berlin-Biennale werde ein Raum gestaltet zum gewaltfreien Kampf für eine gerechte Gesellschaft. Kaum realistisch scheinen dagegen der geplante „Sternmarsch“ mit fünf Routen zum Alexanderplatz am 12. Mai oder der „Occupy May Day – General Strike“ am 1. Mai.

Weniger wäre mehr. Statt Dutzende Arbeitsgruppen, zu denen stets dieselben fünf Vollberufs-Revolutionäre aufschlagen, mehr Konzentration aufs Wesentliche. Zurück auf Start. Vor allem sollte es politisch weniger unbedarft zugehen: Wenn etwa die Asamblea Wedding „diskutiert, zu Syrien Vertreter beider Gruppen einzuladen – allerdings zu getrennten Terminen, weil befürchtet wird, dass es zu handgreiflichen Auseinandersetzungen kommen könnte, was dem Grundprinzip von Occupy (strikte Friedlichkeit) widerspricht.“ Mit solchen „Empörten“ möchte man vielleicht doch nicht gegen das Kapital kämpfen.

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