Berlin : An seiner Grenze

Ministerpräsident Platzeck hat einen Schlaganfall erlitten. Jetzt fragen sich viele, ob er die politischen Belastungen durchstehen kann.

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Im Dauereinsatz.Die Belastung für Matthias Platzeck ist groß. Beim Hochwasser war er zwei Wochen lang im Land unterwegs. Danach kam der Zusammenbruch. Foto: dpa
Im Dauereinsatz.Die Belastung für Matthias Platzeck ist groß. Beim Hochwasser war er zwei Wochen lang im Land unterwegs. Danach...

Brandenburgs Regierungs- und SPD-Chef Matthias Platzeck ist ernster erkrankt als zunächst angegeben: Der 59-Jährige hat in der Vorwoche einen Schlaganfall erlitten, wie Platzeck jetzt selber gegenüber einer Zeitung sagte. Nun wird in Potsdam die Frage gestellt, ob er die Kraft hat, Brandenburg, die Landespartei sowie die Flughafengesellschaft Berlin-Brandenburg weiterzuführen. Platzeck, so lauteten am Dienstag manche Stimmen in Potsdam, werde auf mittlere Sicht wohl wichtige Ämter abgeben müssen. Auch in Berlin gibt es schon Gedankenspiele über das Amt des Ministerpräsidenten: Als möglicher Nachfolger wird in der Bundespartei der Chef der SPDBundestagsfraktion, Frank-Walter Steinmeier, ins Gespräch gebracht. Dieser ist mit Platzeck befreundet und hat seinen Wahlkreis in Brandenburg/Havel. Aus Steinmeiers Umfeld hieß es gestern, es sei Unsinn, dass dieser Platzeck nachfolgen wolle.

Platzeck selbst hat angekündigt, ab Donnerstag wieder arbeiten zu wollen. Ab kommender Woche werde er planmäßig Urlaub machen. Platzeck sprach ausdrücklich von einem leichten Schlaganfall. Als Symptom beschreibt er unter anderem, beim Gehen noch unter „einem Linksdrall“ zu leiden. Auch müsse er auf Anraten seiner Ärzte Training des „Gleichgewichts und der Koordination“ betreiben – das könnte für schwerere Folgen sprechen. Sein Sehvermögen und das Laufen waren durch den Schlaganfall eingeschränkt.

Platzeck war nach zwei Wochen zusammengebrochen, in denen er versucht hatte, in alter Manier den Deichgrafen zu geben, als der er beim Oderhochwasser 1997 bundesweit bekannt geworden war: Beim Elbe-Hochwasser war er auf vielen Deichen zu sehen, hatte für Bilder posiert und mit Helfern und Betroffenen gesprochen. Trotz gesundheitlicher Probleme im Vorfeld hatte er weder seinem für den Katastrophenschutz zuständigen Innenminister Dietmar Woidke (SPD) noch seiner Umweltministerin Anita Tack (Linke) den Vortritt gelassen. Nur einen halben freien Tag hatte er sich gegönnt – ein paar Stunden mit der Familie am Samstag vor anderthalb Wochen. Am Sonntagabend darauf saß er in der ARD bei Günther Jauch auf dem Talksessel. Danach war Schluss – der Köper streikte.

Darüber, wie lange Platzeck, der Brandenburg seit zwölf Jahren führt und der Landesregierung seit 1990 angehört, nach seinem Urlaub noch Regierungschef sein kann, gehen die Einschätzungen auseinander. Platzeck selbst sagte auf die Frage, ob er alle Ämter behalten wolle, nur sybillinisch: „Ich will wieder hundertprozentig fit werden.“

In Brandenburg wird im kommenden Jahr ein neuer Landtag gewählt. Platzeck wolle bis dahin durchhalten, hieß es aus seiner Partei. Doch dort hörte man auch, dass man in den nächsten Tagen und Wochen alles auf den Prüfstand stellen müsse. Ein SPD-Kabinettsmitglied sagte dem Tagesspiegel: „Er hat sich zu viel aufgeladen – die Partei ihm aber auch. Er muss sich entlasten, wir ihn aber erst recht.“ Brandenburgs SPD-Generalsekretär Klaus Ness sieht dagegen keinen Anlass für eine Personaldebatte: „Ich habe keine Zweifel, dass der Regierungschef seine Aufgaben in Zukunft wieder voll wahrnehmen wird.“ Er gehe davon aus, dass sein Landesparteivorsitzender wieder vollkommen gesund wird.

Dabei ist Platzecks Problem durchaus das seiner Landespartei: Platzeck ist die SPD; die SPD – das ist in Brandenburg Platzeck. Platzeck ist die Landesregierung. Hinter oder neben ihm: kein Genosse von Format. Kein Nachwuchs ist neben ihm gewachsen, der seine Nachfolge antreten könnte. Als einzigem aus dem Brandenburgischen wurde immer wieder Platzecks Innenminister Dietmar Woidke die Nachfolge zugetraut. Politisch hat sich Platzeck stets nur mit Freunden oder Vertrauten umgeben, nicht aber nach Talenten gesucht, die gefördert werden könnten. 

Mit Blick auf die Landtagswahl wächst zudem die Angst in der Partei, Platzeck könne als das in den Wahlkampf ziehen, was man im Politischen in den USA als „lame duck“ bezeichnet – eine lahme Ente: als Politiker, von dem klar ist, dass er nicht mehr lange im Amt ist. Ein politischer Vertrauter Platzecks sagte am Dienstag: „Es wird bei allem immer auch um seine Gesundheit gehen – die Frage, ob er das noch kann, ob er dieses noch schafft und ob jenes nicht zu viel sein könnte … Wir müssen jetzt genau überlegen, wie wir damit umgehen. Aber zuerst muss Matthias in Ruhe sehen, wie es ihm wirklich geht und wie belastbar er ist.“

Bereits im Jahr 2006 hatte er den SPD-Bundesvorsitz nach nur wenigen Monaten aus gesundheitlichen Gründen abgeben müssen: Er hatte zwei Hörstürze erlitten. Der Doppelstress als Bundeschef in Berlin und als Landesvater in Potsdam sowie durch private Angelegenheiten hinterließ seine Spuren. Es folgten ein Nervenzusammenbruch, häufige Krankmeldungen – meist begründet als Erkrankungen der Atemwege, Infekte und Grippen sowie andere Viruserkrankungen. Im Frühjahr hatte er eine seiner jährlichen Israelreisen abgesagt – wegen einer Viruserkrankung. Kurz darauf fiel Platzeck aus. Sein Regierungssprecher meldete, er habe sich den Ischiasnerv eingeklemmt. Zwei Tage nach dieser Begründung für sein Fehlen im Flughafenaufsichtsrat erschien Platzeck auf dem Landesbauerntag – mit Hämatomen im Gesicht und einer mächtigen Platzwunde am Kopf. Er sei beim Joggen gestürzt, sagte er damals.

Ein bundesweit angesehener Berliner Facharzt mit jahrzehntelanger Erfahrung, der wegen der ärztlichen Standesregeln nicht namentlich genannt werden wollte, sagte dem Tagesspiegel, die von Platzeck beschriebenen Symptome und Folgeerscheinungen sprächen dagegen, dass es sich um einen leichten Schlaganfall gehandelt hat: „Hier muss mindestens von einem mittelschweren ausgegangen werden. Ein leichter ist nach drei bis vier Tagen beschwerdefrei ausgeheilt. Das ist hier nicht der Fall.“

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