Anderer Reichtum in Berlin : „Vielleicht der letzte Ort radikaler Freiheit“

Autorin Greta Taubert hat sich auf die Suche nach Reichtum gemacht – nicht an Geld, sondern an Zeit. Sie fand ihn in Berlin. Und erklärt, warum sie selbst doch wieder in Leipzig wohnt.

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Radikal anders. Im Teepeeland, einem besetzten Stück Land an der Spree, gehen nach Tauberts Einschätzung die Uhren anders – „nämlich gar nicht“.
Radikal anders. Im Teepeeland, einem besetzten Stück Land an der Spree, gehen nach Tauberts Einschätzung die Uhren anders –...Foto: promo

Frau Taubert, in Ihrem neuen Buch „Im Club der Zeitmillionäre“ machen Sie sich auf die Suche nach einem anderen Reichtum. Was haben Sie gefunden?

Ich habe mir ein Jahr lang Zeit genommen um herauszufinden, was hinter der Formel „Zeit ist Geld“ steckt. Im Moment bedeutet sie ja, dass wir jede Minute effizient in Geld verwandeln. Das ist das Mantra unserer Gegenwart. Huschhusch, schnellschnell, rabotiraboti. Aber welcher Reichtum steckt in der Zeit selbst? Ich habe Menschen getroffen, die sich aus den festen Strukturen der Erwerbsarbeit herausgelöst und nach Möglichkeiten gesucht haben, ihre Zeit so souverän und sinnvoll wie nur möglich zu gestalten.

Dafür sind Sie auch viel durch Berlin gedriftet.

Ja, weil sich hier Menschen ballen, die genau deswegen aus ihren Provinzen ausgebrochen sind: um den Pfad des Müssens und Funktionierens zu verlassen und sich zu fragen, wie ein selbstbestimmtes, freies Leben aussieht. Anders als Geldwohlstand lässt sich Zeitwohlstand aber nicht ansparen. Ich kann nicht sagen: So, fertig, gefunden, ich bin jetzt reich. Diesen Reichtum kannst du dir nur immer wieder neu erschaffen.

Sie haben lange in Berlin gelebt. Warum sind Sie dann nach Leipzig gezogen?

Weil mir die Gentrifizierung in Berlin immer mehr Zeit geklaut hat. Wollte ich in einem Szeneviertel wohnen bleiben, hätte ich wegen der steigenden Mieten immer mehr erwerbsmäßig arbeiten müssen. Wäre ich weiter rausgezogen, hätte ich immer mehr Zeit mit Pendeln verbracht. Ich wollte meine Zeit aber nicht so einfach hergeben. In Leipzig wohne ich relativ günstig mitten in der Stadt, gehe morgens die Straße runter, trinke einen Kaffee, komme im Tag und bei mir an, entscheide, was ich wo mit wem arbeiten möchte. Ich habe Freiräume: für meine Familie, für meine Freunde, für Projekte, für Arbeit, um einfach nur so da zu sein.

Was ist der Unterschied zwischen dem Leben in Berlin und dem Leben in Leipzig?

Leipzig ist tiefenentspannt. In Berlin kriegst du einen Ellenbogen in die Seite, weil du dem Typen auf der linken Rolltreppenspur nicht schnell genug ausgewichen bist. In Leipzig, naja, freust du dich, wenn du mal ne Rolltreppe findest. In Berlin schwillt einem Radfahrer die Halsschlagader an, weil ein Touristentrottel seine rasante Fahrt verzögert. In Leipzig sind selbst die Rentnergruppen aus der Eifel schneller unterwegs als die Einheimischen. Das liegt aber nicht an den Menschen. In Berlin hutzelt man ja nicht deswegen so durch die Gegend, weil man jede Minute möglichst kapitalisieren möchte wie in anderen Industriestädten, sondern weil die Stadt so weite Distanzen und gleichzeitig so dichte Erlebnisräume hat. Wenn die Welt auf dich eindrischt wie ein Hagelsturm, muss du halt rennen und dich in deiner Nische unterstellen.

„Mehr Lust auf Arbeit denn je“. Dieses Fazit zieht Greta Taubert, Autorin und Journalistin aus Leipzig, nach einem Jahr Recherche für ihr Buch. Die 32-Jährige hat als Reporterin schon den deutschen, europäischen und Nahen Osten bereist.
„Mehr Lust auf Arbeit denn je“. Dieses Fazit zieht Greta Taubert, Autorin und Journalistin aus Leipzig, nach einem Jahr Recherche...Foto: imago/Christian Mang

Sie sind auch im Kreuzberger „Teepeeland“ untergekommen und haben dort Zeitwohlstand gesucht. Die Bewohner sind doch sehr entspannt, oder nicht?

Ja, auf jeden Fall. Teepeeland ist ein einzigartiges Biotop, eine Nische. Es ist das letzte besetzte Stück an der Spree. Dort leben etwa zehn bis 15 feste Bewohner in Tipis, die aus Ästen und Planen selbst gebaut sind. Bis zum Herbst kommen und gehen ständig weitere urbane Nomaden. Es gibt kein Klo, keine Dusche, kaum Regeln. Es ist vielleicht der letzte Ort radikaler Freiheit. Wenn jemand die Formel „Zeit ist Geld“ wirklich lebt, dann sind es diese Menschen. Wer in Teepeeland lebt, hat sich von allen Strukturen des Müssens herausgelöst. Er lebt völlig im Moment. Dort ticken die Uhren anders – nämlich gar nicht.

Könnten Sie sich vorstellen, für noch längere Zeit dort zu leben als Sie es bisher ausprobiert haben?

Nein, die Zeit in Teepeeland hat mich dann doch an meine Grenzen gebracht. Längere Zeit ohne Dusche und Klo sind dann doch nichts für mich.

Wen haben Sie sonst noch so getroffen in Berlin?

Berlin ist einer der wichtigsten Orte in dem Buch. Die Stadt ist voll von Menschen, die sich dem Verwertungsdruck zu entziehen versuchen und ein selbstbestimmtes, freies Leben führen wollen. Ich habe Micha Bohmeyer kennengelernt, der mit seinem Team im Internet Geld sammelt und damit Bedingungslose Grundeinkommen verlost. Ich habe Tauschwirtschaftler, Zeitpioniere, Vordenker, Nachdenker, Aktivisten und Wissenschaftler getroffen, die sich persönlich und professionell mit der Frage auseinandersetzen, wie Zeitwohlstand für alle erreicht werden kann. Die meisten leben in Berlin.

Das "Teepeeland" an der Spree.
Das "Teepeeland" an der Spree.Foto: imago/Christian Mang

Wie war es, ein Jahr ohne feste Termine zu leben? Was haben Sie als Erstes gemacht?

Am Anfang dachte ich: Ah, super, Flossen hoch. Jetzt sage ich mal schön alles ab, bin die krasse Rebellin und widme mich ganz der Muße. Aber nach ein paar Monaten bin ich irgendwie traurig geworden. Ich habe gemerkt, dass das gute Leben darin besteht, sich als wertvoller Bestandteil in die Welt einbringen zu können – und dass die Welt darauf antwortet. Das muss ja nicht im Sinne klassischer Erwerbsarbeit sein.

Wie hat sich Ihr Leben nun, nach diesem Jahr ohne feste Termine, verändert?

Zeitwohlstand ermöglicht, genau zu schauen, welche Art von Beschäftigung sinnstiftend für mich und andere ist: Kinder betreuen, Verwandte pflegen, Garten bestellen, politisch aktiv sein, Geflüchteten helfen und so weiter. Es gibt viele Felder, auf denen es wichtig ist, dass wir uns beteiligen. Und es werden in Zukunft immer mehr. Deswegen finde ich das Konzept auch so richtig und wichtig: Weil es Arbeit nicht nur danach bewertet, wie viel Einkommen sie generiert, sondern wie wertvoll sie ist. Ich hab jedenfalls mehr Lust zu arbeiten denn je.

Das Gespräch führte Robert Klages.

Das Buch „Im Club der Zeitmillionäre - Wie ich mich auf die Suche nach einem anderen Reichtum machte“ ist im Eichborn Verlag erschienen (238 Seiten für 18 Euro).

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