Berlin : Angelokt

Im Postbahnhof stellen Modelleisenbahner aus. Ein Besuch bei den Schmalspur-Künstlern.

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Schmalspur. Wer so eine Anlage zusammenstellt, transportiert und aufbaut, braucht Geduld und Fingerspitzengefühl. Im Postbahnhof geben sich Bahnfans alle Mühe. Foto: Vincent Schlenner
Schmalspur. Wer so eine Anlage zusammenstellt, transportiert und aufbaut, braucht Geduld und Fingerspitzengefühl. Im Postbahnhof...

Ohne Wasserwaage geht gar nichts. Der Boden ist so uneben, dass die Teile einfach nicht zusammenpassen. So kann kein Zug fahren. Daniel Schölzel kann nur warten, bis irgendjemand das Hilfsmittel auftreibt, das es möglich macht, die Platten waagrecht auszurichten. Schölzel baut mit seinen Kollegen im ehemaligen Postbahnhof neben dem Ostbahnhof eine Modellbahn-Anlage auf. Zu sehen ist sie an der Straße der Pariser Kommune 8 dann an diesem Wochenende; wie mehr als 20 andere Anlagen. Fantasievoll gestaltet oder dem Vorbild nachgebaut – wie die schweizerische Gotthard-Bahn, die Leipziger gebastelt haben.

Organisiert hat die Schau für Groß und Klein der Verein für Berlin-Brandenburgische Stadtbahngeschichte „Weinbergsweg“ aus Karlshorst. Seit gut zwei Wochen haben der Vorsitzende Carsten Wermke und seine Mitstreiter intensiv gewirbelt. Der Transport der Ausstellungsanlagen – Schölzel kommt aus Görlitz – muss organisiert werden. Für die Teilnehmer der Schau, darunter ein Franzose und ein Luxemburger, mussten 46 Hotelbetten gebucht werden, verschärfte Sicherheitsauflagen wegen des Feuerschutzes im Postbahnhof waren zu erfüllen. „Viel Arbeit eben“, sagt Wermke am Donnerstag, dem zweiten Aufbautag.

Überall auf den zwei Etagen wird geschraubt, justiert, probiert. Schauanlagen setzen sich meist aus Einzelteilen zusammen, am kniffligsten ist dann jeweils die elektrische Verbindung. Und natürlich das waagrechte Ausrichten. Immer wieder kommt jemand mit einer Frage zu Wermke, der ganz ruhig antwortet. Vom Stress der vergangenen Wochen ist nichts zu spüren. Dabei wurmt ihn doch ganz gewaltig, dass der Stolz des Vereins, ein Nachbau der Stadtbahn zwischen Hackescher Markt und Ostbahnhof/Warschauer Straße, in diesem Jahr nicht dabei ist. Die Anlage sei umgebaut worden, sagt der Vorsitzende. Und die Elektrik ist noch nicht fertig. Doch der Fachmann, sein Bruder, sei krank. So muss auch hier die Arbeit warten. Doch ein Teil der Anlage wird trotzdem zu sehen sein: die Szenerie rund um den Alexanderplatz.

Beim Aufstellen merken die Modellbahner, dass beim Transport zwei Häuser vergessen worden sind. Auch auf der aufgebauten Modulanlage des Vereins, die sich aus unzähligen Einzelteilen zusammensetzt und nach Wermkes Angaben in dieser Form noch nie so aufgebaut war wie jetzt, fehlt ein Schaltpult. „Kann beim Packen passieren“, sagt Wermke. Der Transport sei eine heikle Sache und eine Kunst für sich, erläutert Wermke. Für die Gotthard-Anlage aus Leipzig waren zwei 7,5-Tonner erforderlich.

Rund 70 Mitglieder hat der Verein; auch Jugendliche sind dabei. Er selbst ist bei der Deutschen Bahn beschäftigt. Schon als Kind sei er Modellbahner gewesen. Und die damalige Reichsbahn in der DDR habe gern Mitarbeiter eingestellt, die sich bereits mit der Bahn auskannten – wenn auch zunächst nur mit der kleinen. Die ganz große wird am Sonntag auch dabei sein: Die Dampflokfreunde bieten ab dem Ostbahnhof Fahrten mit dem Berliner Traditionszug an. Und dafür ist nicht einmal eine Wasserwaage erforderlich. Klaus Kurpjuweit

Die Ausstellung ist am Freitag und Sonnabend von 10 Uhr bis 19 Uhr geöffnet; am Sonntag bis 18 Uhr. Der Eintritt kostet für Erwachsene 8 Euro, für Kinder 3 Euro. Für 15 Euro gibt es eine Familienkarte.

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