Angst um Nutztiere : Bauernbund will Wölfe abschießen

Wölfe haben in Brandenburg schon hunderte Schafe gerissen. Der Bauernbund will sie dezimieren und fordert nun ihren Abschuss, wenn sie ihr Revier verlassen.

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Will nicht nur spielen. Um die 80 Wölfe gibt es schon in Brandenburg, einer frisst etwa 62 Rehe im Jahr, aber auch Schafe und Kälber. Und Schutzzäune sind teuer. Foto: dpa
Will nicht nur spielen. Um die 80 Wölfe gibt es schon in Brandenburg, einer frisst etwa 62 Rehe im Jahr, aber auch Schafe und...Foto: picture alliance / dpa

Lutz-Uwe Kahn hat eine Horrorvision: Ein Wolfsrudel dringt in eine Rinderherde ein, die daraufhin in Panik auf eine Autobahn oder ICE-Strecke rennt. „Wenn dann Menschen sterben oder verletzt werden, wird das Geschrei groß sein“, prophezeit er.

Kahn ist Angestellter, hält aber nebenbei Mutterkühe und gehört dem Vorstand des Bauernbundes Brandenburg an. Der vertritt etwa 350 bäuerliche Betriebe, meist Familienunternehmen, ist also sozusagen der kleinere Bruder des Landesbauernverbands. In der vergangenen Woche aber ist der kleine Bauernbund groß in die Schlagzeilen gekommen. Er kritisierte die Landesregierung scharf wegen ihres „verantwortungslosen Umgangs mit der steigenden Zahl von Wölfen“ und kündigte seine Mitarbeit bei der Erstellung eines sogenannten Wolfsmanagementplans auf.

„Das Land ist auf unsere Forderungen nicht eingegangen“, sagt Kahn. „Es werden immer mehr Wölfe. Und sie sind inzwischen fast überall. Wenn dem nicht endlich Einhalt geboten wird, steigen die Kosten zum Schutz der Nutztiere ins Unermessliche.“ Kahn und der Bauernbund befürchten, dass das Land die immensen Kosten nicht übernimmt, wenn Tierhalter in ganz Brandenburg die teuren Wolfsschutzzäune benötigen. Schon jetzt müssten viele zusätzliche Maßnahmen von den Bauern selbst finanziert werden.

„Deshalb müssen Wölfe, die nicht in ihren Revieren bleiben, abgeschossen werden dürfen“, sagt Kahn – wohl wissend, dass der Wolf in der gesamten Europäischen Union, also auch in Deutschland, strengstens geschützt ist.

Tatsächlich breiten sich die Wölfe in Brandenburg aus, sagt Ekkehard Kluge vom für das Wolfsmanagement zuständigen Umweltministerium. „Derzeit gibt es etwa 75 bis 90 Tiere im Land, man kennt neun Rudel mit schätzungsweise jeweils acht Tieren. Sie leben vor allem in Südbrandenburg auf Truppenübungsplätzen und in stillgelegten Tagebauen.“

Die Elterntiere bleiben ihrem Revier treu, weil sie für die Aufzucht ihrer Welpen ungestört sein wollen. Die Jungtiere müssen aber auf der Suche nach eigenen Revieren und Partnern abwandern. „Schon deshalb ist die Forderung des Bauernbunds unsinnig“, sagt Ekkehard Kluge. „Man kann frei lebende Wölfe nicht auf einem bestimmten Gebiet halten, die Jungen müssen sich neue Reviere suchen, und sie legen dabei große Strecken zurück.“

Außerdem sei das Land bislang für alle Schäden – sprich: gerissene Nutztiere – aufgekommen. Seit 2007 sind Kluge zufolge 303 Schafe nachweislich von Wölfen getötet worden, außerdem vier Ziegen, 51 Damhirsche und fünf Kälber. Knapp 60 000 Euro wurden dafür an die betroffenen Schäfer und Tierhalter bezahlt. Allerdings auf freiwilliger Basis – das ist ein weiterer Grund, den der Bauernbund, aber auch der weitaus größere Landesbauernverband (LBV) kritisieren. „Die Entschädigung muss ein Rechtsanspruch werden“, sagt LBV-Sprecher Holger Brantsch, „das Land kann die Zahlungen sonst jederzeit einstellen.“

Wilde Tiere in Berlin
Noch gaukeln Schmetterlinge wie das Tagpfauenauge in der herbstlichen Sonne durch die Schmargendorfer Kleingartenkolonie Oeynhausen, bevor sie sich ein Winterquartier suchen.  Weitere Bilder anzeigen
1 von 529Foto: Holger Jost
21.09.2017 10:11Noch gaukeln Schmetterlinge wie das Tagpfauenauge in der herbstlichen Sonne durch die Schmargendorfer Kleingartenkolonie...

Ob sich der Landesbauernverband, der auch viele Schäfer vertritt, dem Boykott des Wolfsmanagementplans durch den Bauernbund anschließt, ist noch offen. Am Freitag habe man darüber beraten, wolle sich aber noch nicht öffentlich dazu äußern, sagte der Geschäftsführer des LBV-Milchbeirats Matthias Schannwell dem Tagesspiegel. Auch er fordert aber die Festlegung einer Obergrenze für die Zahl der Wölfe in Brandenburg, also eine „Lockerung des Schutzstatus“, was nicht gleichbedeutend mit „abschießen“ sein müsse. Man könne die Wölfe ja auch anders dezimieren, sagt er, sie beispielsweise in Tierparks oder weniger dicht besiedelte Länder bringen.

„Aus der Natur entnehmen“, nenne man das, sagt der Leiter des Landesumweltamtes, Matthias Freude. „Das ist aber auch jetzt schon möglich, wenn ein Wolf große Probleme bereitet. Vor einigen Jahren sind wir beispielsweise eingeschritten, weil ein dreibeiniger Wolf nächtelang vor der Hütte einer läufigen Hündin heulte und angeblich zwei Jungrinder gerissen hatte, was am Ende übrigens gar nicht stimmte.“

Matthias Freude möchte nicht von „Problemwölfen“ reden, er findet die Forderung des Bauernbunds, die Tiere abzuschießen, ungeheuerlich. Brandenburg war wie das Nachbarland Sachsen von Anfang an geteilt – in Wolfsfreunde und Wolfsgegner. Die Gegner sind vor allem Menschen, die in den Wolfsgebieten wohnen: Tierhalter, Schäfer und Jäger.

Ein Wolf frisst etwa 62 Rehe im Jahr. Während in freier Wildbahn meist nur ein Tier erlegt wird und der Rest einer angegriffenen Gruppe oder Herde fliehen kann, sieht das bei einer eingezäunten Schafherde anders aus. Hier wird der Jagdinstinkt des Wolfs immer wieder aufs Neue stimuliert. „Overkilling“ nennen das die Experten. Der Wolf tötet dann nicht nur eins sondern viele Schafe mit einem gezielten Biss in die Kehle, der die Schlagader abdrückt. Die Tiere verbluten nicht, sondern ersticken.

Schützen kann man seine Tiere nur mit hohen Zäunen oder speziell ausgebildeten Hunden. Letztere eignen sich aber nur für Schafe, nicht für Rinder, sagte Lutz-Uwe Kahn vom Bauernbund. Und ist damit wieder bei seiner Horrorvision von der ausbrechenden Rinderherde. Ekkehard Kluge vom Umweltministerium, den der Ausstieg des Bauernbunds aus dem Wolfsmanagementplan völlig überrascht hat, kann da nur den Kopf schütteln. „Ein ausgewachsenes Rind haben Wölfe hier noch nie gerissen“, sagt er. Und eine Rinderherde müsse generell so gesichert sein, dass sie nicht ausbrechen kann, „egal ob ein Wolf sie erschreckt, ein wilder Hund oder ein Blitz“.

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