Ansturm auf Schreckschusswaffen : Berlin rüstet auf

Die Nachfrage nach dem kleinen Waffenschein ist explodiert. Aber eignen sich Schreckschusspistolen wirklich zur Selbstverteidigung? Ein Besuch bei Menschen, die es wissen.

Sebastian Leber
Die Berliner Studentin Carolin Matthie wirbt offensiv für Schreckschusswaffen. Eingesetzt hat sie noch keine.
Die Berliner Studentin Carolin Matthie wirbt offensiv für Schreckschusswaffen. Eingesetzt hat sie noch keine.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Erstens. Im Flur warten mehr Menschen, als es Stühle gibt. An der Wand ein Zettel: Wegen der Vielzahl an Anträgen sei derzeit mit längeren Bearbeitungszeiten zu rechnen, aktuell kämen erst mal die dran, die einen Eingangsstempel vom 22. September 2016 haben. Mittwochnachmittag am Platz der Luftbrücke, Polizeipräsidium, dritter Stock. Die Sachbearbeiterin in Zimmer 3503 hat ein großes Foto von Knut neben dem Schreibtisch, eines, auf dem der Eisbär noch ganz jung ist und kaum stehen kann.

„Ich komme wegen des Kleinen Waffenscheins. Ist das kompliziert?“

„Nee, ganz einfach.“

Das Prozedere müssen die Mitarbeiter der Waffenbehörde derzeit jeden Tag dutzendfach erklären. Die Nachfrage nach dem sogenannten Kleinen Waffenschein ist 2016 explodiert: 4413 Anträge wurden genehmigt, das entspricht einem Plus von 440 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Den Schein braucht, wer eine Schreckschusspistole tragen möchte. Wer keinen besitzt, darf sie nur zu Hause lagern. Benutzt werden darf sie ohnehin ausschließlich zur Selbstverteidigung, also in Notwehr, oder zur Übung am Schießstand.

Polizisten, Branchenexperten und Waffenhändler sagen, der Ansturm auf die Schreckschusswaffen habe nach den Übergriffen von Köln eingesetzt. Er liege begründet in einem diffusen Gefühl von Unsicherheit. Angeheizt werde er durch Terrordrohungen einer- und populistische Stimmungsmache andererseits.

In Berlin kostet der Schein 50 Euro. Man muss lediglich einen einseitigen Bogen ausfüllen, seine Adresse eintragen, offenlegen, ob man in den letzten fünf Jahren rechtskräftig verurteilt wurde, angeben, ob Drogen- oder Alkoholsucht besteht und welche körperlichen Gebrechen man hat. Im Vordruck aufgeführt: Anfallsleiden, Hirnverletzungen, Nachtblindheit, Einäugigkeit ...

Frage an die Sachbearbeiterin: „Wenn man so eine Pistole noch nie gehalten hat - wo kann man das lernen, für den Ernstfall?“

„Och, das ist nicht weiter schwierig“, sagt die Frau, das könne eigentlich jeder. „Vielleicht zeigt Ihnen ja der Verkäufer, wie das funktioniert.“

Weil Schreckschusswaffen keine Kugeln verschießen, sondern wahlweise Gas oder Pulver, gelten sie als „nicht scharf“. Deshalb wird vom Träger kein Sachkundenachweis gefordert. Auf dem Infoflyer, den die Frau von der Waffenbehörde mitgibt, stehen dennoch ein paar Warnhinweise. Die Waffe sei zu Hause sicher aufzubewahren und auf der Straße unbedingt verdeckt zu tragen. Zu Sportveranstaltungen, Kunstausstellungen und Volksfesten dürfe man sie gar nicht mitnehmen. Oder zu Demonstrationen. Oder zu Mittelaltermärkten. Überhaupt: zu öffentlichen Veranstaltungen.

Nachfrage an die Sachbearbeiterin: „Und auf die Kölner Domplatte, zu Silvester?“

„Auf keinen Fall.“

Zweitens. Ein bekanntes Waffengeschäft in Mitte. In den Vitrinen liegen jede Menge Gewehre und Pistolen, Gehörschutz, Halfter zum Umhängen. Es gibt auch Armbrüste, Tarnkleidung und dreibeinige Zielhilfen, die wie Kamerastative aussehen. Gerade hält ein Kunde eine Waffe in der Hand, die verdammt nach Maschinenpistole aussieht. Ist im Grunde auch eine, sagt er, aber eben ein Nachbau für Sportschützen. Das Original, die MP5 von Heckler & Koch, wird von der französischen Fremdenlegion und den Navy-Seals benutzt. Diese hier verschieße zwar Stahlkugeln, aber bloß mit Druckluft. „Siehste, steht ja extra: MP5 K-PDW.“ Erfreulich sei, dass die Waffe echte Rückstöße simuliere. Habe zwar keinen Nutzen, mache aber Spaß. Blowback-Variante nennt man das.

Der Verkäufer hat aktuell nicht viele Schreckschusspistolen zur Auswahl. Er legt einen kleinen Koffer auf die Glasvitrine und öffnet ihn. „Ruhig mal anfassen!“ Der Griff ist aus Kunststoff, der Lauf aus Metall. Kalter Klumpen in der Hand, halbes Kilo, pechschwarz. Die Walther P99 sei das meistverkaufte Modell überhaupt. 169 Euro, Magazin für 15 Schuss.

„Ist das schwer, die Waffe im Ernstfall zu benutzen, so ganz ohne Erfahrung?“

„Was sollte daran schwer sein? Man drückt ab, und dann macht es Krach.“

Die Schreckschuss-P99 sei ein Nachbau der Pistole, mit der in vielen Bundesländern Polizisten auf Streife gehen. „Schon deshalb darf sie nicht zu kompliziert sein. Ich sag mal, die ist narrensicher.“ Und praktischerweise verfüge die Pistole auch über keine Sicherung. „Würde nur stören.“

Problematischer sei es mit der Munition. Es gibt unterschiedliche, man erkennt sie an den Farben der Plastikkappen. Grün bedeutet Knallpatrone, enthält nur Nitrocellulose, bekannt als NC-Pulver, das schrecke Angreifer durch Lärm ab. Gelb steht für Reizgas, also CS-Gas. „Bringt Leute zum Weinen, hilft aber nicht gegen Besoffkis.“ Dann gibt es die goldenen Patronen, sogenannte Flashs. Bei denen zuckt ein greller Feuerblitz aus der Mündung, das schinde Eindruck, zumindest bei Dunkelheit. Die wirkungsvollsten Patronen aber seien die roten. Die enthalten Pfefferspray. Offiziell seien sie in Deutschland nur zur „Tierabwehr“ zugelassen. „Aber die wirken auch gegen Drogenabhängige.“

So weit die Theorie. Im Moment dürfe man jedoch nicht wählerisch sein, schließt der Verkäufer. Wegen der hohen Nachfrage sei es schwer, überhaupt Munition zu beziehen. Da müsse man sich auch mal mit Platzpatronen zufriedengeben.

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