• Architekt Hans Kollhoff im Interview: „Berlin kann sich so viel Piefigkeit nicht leisten“

Architekt Hans Kollhoff im Interview : „Berlin kann sich so viel Piefigkeit nicht leisten“

Das Alexa: ein Monstrum. Die Neue Mitte: eine Katastrophe. Der Berliner Architekt Hans Kollhoff findet: Hauptstadtarchitektur muss anders aussehen.

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Alfred Döblin widmete ihm 1929 seinen weltberühmten Großstadtroman: dem Alexanderplatz in Berlin. Und auch knapp 100 Jahre später gilt er immer noch als eines der Wahrzeichen der Hauptstadt. Seit einiger Zeit gibt es nun schon Pläne, dem Alex, wie er von allen nur noch liebevoll genannt wird, ein neues, frisches Gesicht zu geben. Doch bisher hat sich noch nicht viel getan. Diese Postkarte aus der Zeit um 1900 zeigt, wie er früher einmal aussah. Wir zeigen Ihnen, wie er in Zukunft aussehen soll.Weitere Bilder anzeigen
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27.01.2014 14:55Alfred Döblin widmete ihm 1929 seinen weltberühmten Großstadtroman: dem Alexanderplatz in Berlin. Und auch knapp 100 Jahre später...

Hans Kollhoff (63) gilt als einer der einflussreichen Berliner Architekten. Er hat den Masterplan für den Alexanderplatz entworfen und den Turm mit der Adresse Potsdamer Platz 1 gegenüber dem Sony-Center. Viel gelobt wurde der Umbau des ZK-Gebäudes zum Auswärtigen Amt. Derzeit realisiert Kollhoff Projekte in den Niederlanden, darunter das Justiz- und Innenministerium in Den Haag.

Vor zwei Jahren hat Klaus Wowereit die Entwicklungen am Alex mächtig kritisiert. Teilen Sie dessen Meinung?

Natürlich, es ist deprimierend, was in Berlin momentan passiert. Nicht nur am Alexanderplatz, sondern auch am sogenannten Marx-Engels-Forum und nicht zuletzt am Hauptbahnhof. Billig, billig, billig – das Primitivste, was man sich vorstellen kann.

Woran liegt das?

Offenbar rechnet sich nichts anderes, nicht einmal in der Mitte der Stadt. Ein Gebäude wie das Alexa ist reine Event-Architektur und hat nichts mehr mit innerstädtischer Bebauung zu tun. Grauenvoll. Ich saß ja selbst in der Jury und habe für den Entwurf gestimmt, weil es noch der städtischste Entwurf unter allen eingereichten Arbeiten war. Aber herausgekommen ist nach vielen Überarbeitungen ein Monstrum.

Das Gebäude „Die Neue Mitte“ orientiert sich immerhin an Sandstein und Lichtarchitektur von Behrens’ Bauten ...

Nein, es ist eine Katastrophe für den Alexanderplatz. Dieses Gebäude wird diesem Ort nicht annähernd gerecht, es ist eine dürftige Kiste. Ich akzeptiere auch nicht, dass man alles auf die Bauherren schiebt. Der Architekt hat dafür gradezustehen. Ich bin selbst aus vielen Projekten ausgestiegen, obwohl da viel Geld zu verdienen wäre. Es ist eine Frage der Haltung.

Warum wird so gebaut?

Die Investoren wollen einen schnellen Euro machen. Das Bauen ist ohnehin unattraktiv im Vergleich zur Finanzspekulation. Andererseits versagt die Verwaltung. In so einer Situation muss die Senatsbaudirektorin agieren und etwas zur Qualität von Bauten sagen. Und wenn wirklich nichts Besseres herauskommen kann, wird eben erst einmal nicht gebaut. Bevor Investoren der Stadt den Rest geben und sie ruinieren, sollte Berlin lieber eine Denkpause einlegen.

Betrifft Ihre Diagnose nur den Alexanderplatz ?

Nein, noch viel schlimmer ist, was am Hauptbahnhof passiert. Das ist das Entree Berlins für eine große Zahl von Besuchern. Dort wird eine gigantische Chance vergeben. Der Humboldthafen ist eine großartige städtebauliche Figur, die auf Lenné zurückgeht. Über die wird geistlos hinweggeplant. Das meiste bleibt dem Zufall überlassen. Das kann es doch nicht sein. Hier versagt die Verwaltung. Es war gut, dass Herr Wowereit Klartext geredet hat, er müsste es wieder tun. Er ist schließlich weisungsbefugt auch gegenüber der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Es ist Zeit, dass Berlin Bilanz zieht und sich fragt, ob die Stadt sich diese Piefigkeit leisten kann.

Das Gespräch führte Ralf Schönball

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