Architektur in Berlin : Baut auf diese Stadt

Was ist ein gelungenes Gebäude? Die Kandidaten für den Architekturpreis Berlin zeigen, dass es darauf viele Antworten gibt. In einer neuen Serie stellen wir die interessantesten Projekte vor – und lassen unsere Leser ihre Favoriten wählen.

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Unsere kleine Stadt: Das Genossenschaftprojekt "Bauen und Wohnen am Hochdamm" in Treptow, entworfen von Marius Schliekmann.
Unsere kleine Stadt: Das Genossenschaftprojekt "Bauen und Wohnen am Hochdamm" in Treptow, entworfen von Marius Schliekmann.Foto: Architekturpreis Berlin

Was braucht gute Architektur? Für die Berliner Senatsbaudirektorin Regula Lüscher ist die Antwort klar: „Gute Bauherren, die Mut für ungewöhnliche Lösungen und Interesse an Qualität haben.“ Lüscher ist seit neun Jahren im Amt und hat gesehen, wie sich die Stadt wandelt, wie in Zeiten eines kräftigen Bevölkerungswachstums auch die Zahl der Bauprojekte zunahm. Ein Boom, der die Stadt gegenwärtig zu einem wahren Labor für zeitgenössische Baukunst macht – von extravagant und teuer bis sozial-ökologisch. Wo so viel gebaut wird in einer Metropole, in der schon in wenigen Jahren vier Millionen Menschen wohnen könnten, ist nicht nur die schiere Zahl neu geschaffener Wohn- und Arbeitsbauten von Bedeutung. Auch die Verständigung darüber, was gelungen genannt werden kann, ist drängender als in anderen Städten.

In Berlin ist dabei durchaus ein Wandel in den Ansprüchen bemerkbar. Die 54-jährige Schweizerin Lüscher, die zuvor stellvertretende Direktorin im Amt für Städtebau in Zürich war, erinnert sich ungern an die Zeiten, als allerorten in Berlin renditeorientierte Investoren mit möglichst billigen Betonquadern die Stadt ästhetisch beleidigten. Unvergessen ist die Kritik an den einfallslosen Klötzen auf dem südlichen Vorgelände des Hauptbahnhofs, das doch vis-à-vis des Kanzleramts eine gute Stube der Stadt sein müsste.

111 Bewerbungen für den Architekturpreis Berlin

Welche architektonische Vielfalt möglich ist und was Bauherren mit Anspruch leisten können, zeigen die aktuellen Bewerbungen für den Architekturpreis Berlin, von denen wir auf dieser Doppelseite einige beispielhaft zeigen. Eine fünfköpfige Jury vergibt den Preis alle drei Jahre an Architekten und Bauherren für besonders innovative und kreative Projekte, die in diesem Zeitraum fertiggestellt wurden – eine Leistungsschau des guten Bauens. Der Tagesspiegel stellt auf dieser Doppelseite sowie im Verlauf der kommenden Wochen in einer Serie zahlreiche der insgesamt 111 Bewerbungen vor – und ruft die Leser dazu auf, bei der Vergabe des mit 5000 Euro dotierten Publikumspreises mit abzustimmen. Die Preisverleihung ist am 3. Juni.

Bezaubernder Würfel. Das Hotel Steigenberger am Washingtonplatz am Hauptbahnhof, entworfen von den Architekten Ortner und Ortner.
Bezaubernder Würfel. Das Hotel Steigenberger am Washingtonplatz am Hauptbahnhof, entworfen von den Architekten Ortner und Ortner.Foto: Architekturpreis Berlin

Die heftige öffentliche Kritik an den missratenen Billigbauten hat bei der Qualität der neueren Projekte vielleicht bereits Wirkung gezeigt. Regula Lüscher meint beobachtet zu haben, dass in Berlin insgesamt interessanter gebaut werde. Auch rund um den Hauptbahnhof zeigen etwa das neue Hotel Steigenberger oder auch der Total-Tower eine ansprechend moderne Architektursprache. „Gute Architektur braucht Entwicklungszeit“, ist die Senatsbaudirektorin überzeugt. „Es hat der Baukultur und der architektonischen Diskussion sehr gut getan“, sagt Lüscher, dass mehr als früher „die Nutzer, etwa bei den zahlreich gewordenen Baugruppenprojekten, früh in die Planung einbezogen werden“. Das mache die Bauten „interessanter und experimenteller“. Ein Beispiel dafür ist das Projekt „Bauen und Wohnen am Hochdamm“ in Treptow.

Lüscher hat die Hoffnung, dass diese „Art von Geschmacksbildung abfärbt auf die Investorenarchitektur“, sich also die Vorlieben derer wandeln, die heute noch vielfach auf einen historisierenden Baustil setzen, weil der vermeintlich am besten zu vermarkten sei. Inzwischen scheinen auch Privatleute, die viel Geld für eine Wohnung zu zahlen bereit sind, höhere Ansprüche zu stellen. Und sogar die öffentlichen Wohnungsbauunternehmen, die über viele Jahre überhaupt nicht mehr neu gebaut haben, entsinnen sich – auch angetrieben von der Landesregierung – wieder ihrer Geschichte und ihres Auftrags und bauen bezahlbare Wohnungen.

Bauherren und Architekten müssen sich gegenseitig vertrauen

Unter den Bewerbungen für den Architekturpreis – von denen wir auf dieser Doppelseite einige zeigen – sind spektakuläre Nullenergie-Villen und Industriebauten, es finden sich teure Apartmenthäuser und preisgünstiger sozialer Wohnungsbau. Dazu kommen Revitalisierungen wie beim Taut-Haus am Kreuzberger Engeldamm, die neue Turnhalle der Steiner-Schule, die Umnutzung und Erweiterung der denkmalgeschützten Feuerwache in Niederschöneweide als öffentliche Bücherei oder neue Nutzungen für Sakralbauten wie beim Gemeindehaus St. Agnes. Die Bewerbungen sind vollständig unter der Adresse www.tagesspiegel.de/architekturpreis zu finden – mittels der interaktiven Landkarte können Sie alle Standorte und Projekte erkunden.

Licht für dunkle Stunden. Die Kapelle des Dorotheenstädtischen Friedhofs in Mitte. Eine private Spende ermöglichte es, den Bau von 1928 von den Architekten Nedelykov Moreira umgestalten zu lassen.
Licht für dunkle Stunden. Die Kapelle des Dorotheenstädtischen Friedhofs in Mitte. Eine private Spende ermöglichte es, den Bau von...Foto: Architekturpreis Berlin

Florian Mausbach, der Vorsitzende des Vereins Architekturpreis Berlin, der die Ehrung vergibt, hat mit vielen Architekten zusammengearbeitet. Als Präsident des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung von 1995 bis 2009 hat er viele Großprojekte der Bundesregierung begleitet. „Gute Architektur braucht Bauherren, die dem Architekten vertrauen und ihm Spielraum lassen“, sagt Mausbach. „Und Architekten, die die Bedürfnisse des Bauherren ernst nehmen und sie gestalten.“ Ein Wechselspiel, das sich einfacher anhört, als der gelernte Stadtplaner es in seiner langen Berufspraxis erlebt hat. „Gute Architektur gestaltet mit den Mitteln der Zeit im Geiste der Zeit die Aufgaben der Zeit“, fasst der 71-jährige Baumeister die Anforderungen nahezu philosophisch.

Im Konkreten ist dieses Ziel ziemlich schwer zu erreichen. „Das ist die schwierigste Frage überhaupt“, sagt Hans Stimmann darüber, was gute Architektur möglich macht. Was das breite Publikum gut findet und was die Architekten bevorzugen, das sei oft genug sehr unterschiedlich, sagt Lüschers Vorgänger im Amt des Senatsbaudirektors. Der 75-Jährige nennt es „historisierenden Retrokitsch“, wenn Architekten und Investoren heute mit den Elementen der Gründerzeit spielen. Dennoch verkaufen sich solche Projekte gut, und viele Menschen finden sie sogar gelungen.

Wie viel Reglement braucht Städtebau?

Kann man eine Stadt lehren, besser zu bauen? „Städtebau braucht Regeln, Architektur braucht Fantasie“, ist das Credo des Mannes, der nach dem Mauerfall den baulichen Wildwuchs zu steuern versuchte. In der Friedrichstraße zwang er mit dem Bebauungsplan den Architekten auf, sich an die Traufhöhe von 22 Metern zu halten. Trotzdem ist er unzufrieden mit der sehr unterschiedlichen Gestaltung der Bauten. Vor allem haderte er mit den riesigen Grundstücksgrößen, die ganzen Blöcken eine einzige Formsprache aufpressten. Doch die Größen waren nach dem Mauerfall durch den Einigungsvertrag vorgegeben gewesen. Auf kleinteiligeren Parzellen, sagt Stimmann, gebe es dagegen immer die Chance, dass vielfältiger gebaut würde. Dann könne die Stadt auch leichter vertragen, wenn einzelne Projekte misslingen.

Neue alte Avantgarde. Das von den Architekten ingenbleek sanierte und umgenutzte Taut-Haus am Engeldamm 70 in Kreuzberg.
Neue alte Avantgarde. Das von den Architekten ingenbleek sanierte und umgenutzte Taut-Haus am Engeldamm 70 in Kreuzberg.Foto: Architekturpreis Berlin

An vielen Orten setzte Stimmann in seiner strengen Regentschaft als Senatsbaudirektor steinerne Fassaden durch. Aber nicht immer gelang das. Am Potsdamer Platz rang er dem Bauherrn Daimler viele Backsteinfassaden ab, beim Sony-Center musste er vor den Glaspalästen des US-Architekten Helmut Jahn kapitulieren. Für Stimmann gibt es zu wenig Städtebauregeln. Der Befürworter einer Bebauung des historischen Berliner Zentrums nach dem alten Straßenraster verweist auf die strengen Richtlinien, die Anfang des vergangenen Jahrhunderts in Berlin galten und jene heute so gesuchten Gründerzeitquartiere hervorbrachten – mit klarer Vorgabe von Geschosszahl, Gestaltung der Eingangsbereiche und Fenster sowie einer klaren Baufluchtlinie, an der sich alle Häuser entlang einer Straße ausrichten mussten. Stimmann braucht nicht zu betonen, dass er solch strenge Regeln für sinnvoll hält – beim Bebauungsplan oder bei Gestaltungssatzungen, die sowohl das Material der Fassaden, die Formen der Fenster oder Art der Dächer regeln.

Nicht immer aber garantiert das eine harmonische Vielfalt beim fertigen Ensemble. Auf dem Friedrichswerder am Außenministerium etwa wurden bei der Bebauung mit Stadtvillen nur gleiche Grundstücksgrößen und Geschosszahl festgelegt, ansonsten aber eine individuelle Gestaltung zugelassen. „Schade“, findet Stimmann, dass die Architekten keine Rücksicht aufeinander nahmen, sondern jeder seine eigene Vorstellung artikulierte. Ohne Namen zu nennen, missbilligt er auch etliche der Wohnmaschinen, die von Investoren derzeit mit immer gleichen Fassaden errichtet werden. Diese „Kisten“, glaubt Stimmann, würden in 50 Jahren wieder abgerissen.

Qualität im Dialog entwickeln

Seine Nachfolgerin steht Gestaltungssatzungen dagegen eher skeptisch gegenüber. „Man kann damit das Schlimmste verhindern, aber ein Garant für gute Architektur ist das nicht“, sagt Regula Lüscher. Sie befürwortet Architekturwettbewerbe. „Gute Architektur entsteht auch dadurch, indem man unterschiedliche Lösungen einander entgegenstellt.“ Der Dialog sei gut geeignet, „um zu unterschiedlichen Vorschlägen zu kommen und ungewöhnliche Ideen umzusetzen“, sagt sie. Dass am Hauptbahnhof nun anspruchsvoller gebaut wird, habe man nicht mit festgelegten Regeln erzwungen, sondern in Gesprächen ausgehandelt, erkämpft und durchgesetzt. Für Lüscher ist das „Baukollegium“ der Senatsverwaltung ein wichtiges Instrument – auch wenn das sechsköpfige Expertengremium nur beratende, keine administrativen Befugnisse hat.

Auf allen Ebenen dynamisch. Die Sport- und Mehrzweckhalle der Rudolf-Steiner-Schule in Dahlem. Architekten: Kersten Kopp.
Auf allen Ebenen dynamisch. Die Sport- und Mehrzweckhalle der Rudolf-Steiner-Schule in Dahlem. Architekten: Kersten Kopp.Foto: Architekturpreis Berlin

Beim Zusammentreffen von Architekten und Bauherren könnten Qualitätsvorgaben durchgesetzt werden, wenn man sich wirklich Zeit nehme, die Entwürfe zu diskutieren, sagt Lüscher. Sie ist überzeugt, dass dieses diskursive Verfahren auch Auswirkungen auf den Markt habe. Investoren seien zwar bei Neubauplänen immer noch an historisierenden Baukörpern interessiert – wie am Klingelhöfer-Dreieck gegenüber dem Bauhaus-Archiv, wo die Unternehmensgruppe Groth baut. Oder andernorts, wo die Adlon-Architekten Jürgen und Rüdiger Patzschke erfolgreich hochpreisige Apartmenthäuser bauen, die wirken, als stünden sie dort schon hundert Jahre. Trotzdem findet sich unter den Neubauprojekten zunehmend mehr zeitgenössische Architektur, hat Lüscher beobachtet.

Doch gelungene Architektur ist nicht nur Fassade. Ebenso wichtig ist es, dass Bauten zur lebendigen Stadt beitragen. Deshalb legt Regula Lüscher viel Wert auf die Gestaltung von Erdgeschoss-Zonen, die „extrem wichtig sind und eine Herausforderung an die Bauherrschaft und an die Architekten“. Sie will keine Hochparterrewohnungen, sondern gewerbliche Nutzungsmöglichkeiten – von Läden bis zum Atelier. Damit keine sterilen Zonen entstehen, sondern Menschen die Straßen beleben. Genau das ist bislang am Hauptbahnhof kläglich misslungen. Die neuen Ministeriumsbauten entlang der Spree haben keine öffentlichen Bereiche und wirken kühl und abweisend; nach Einbruch der Dunkelheit fühlt sich hier niemand wohl. Da ist noch einiges zu tun.

Florian Mausbach vom Architekturpreis kann Lüschers Wunsch nach Öffnung und urbaner Lebendigkeit nur zustimmen. „Architektur ist immer eine öffentliche Angelegenheit und nimmt Rücksicht auf die Nachbarschaft und auf die Allgemeinheit, die ihr nicht ausweichen kann – wie sich das auch sonst im bürgerlichen Leben gehört.“

Dieser Beitrag ist gedruckt in der Tagesspiegel-Samstagsbeilage Mehr Berlin erschienen.

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