Berlin : Astrologe Markus Jehle: Der Deuter

Esther Kogelboom

Markus Jehle ist ein kleiner Mann mit gutmütigem Gesichtsausdruck, schwarzer Hose, schwarzer Anzugjacke und weißem Hemd. Wenn er redet, fährt er sich oft mechanisch durch sein kinnlanges Haar. Eine Mini-Mähne. Markus Jehle ist Löwe, Aszendent Jungfrau. Und Markus Jehle ist Astrologe von Beruf - einer der gefragtesten in Deutschland, vielleicht, weil er Psychologe gelernt hat und deshalb die Menschen kennt. Steht Jehle während einer Party in der Küche rum und jemand fragt ihn, was er so tut, antwortet er: Ich bin Journalist. Das ist keine Notlüge - Jehle ist Chefredakteur der Astrologie-Zeitschrift Meridian. "Wenn ich sage: ich bin Astrologe, dann könnnen sie sich vorstellen, was passiert", sagt er und schmunzelt. "Richtig gleichgültig reagiert niemand." Schon gar nicht nach den Anschlägen in den USA - Prognosen und Neurosen haben Hochkonjunktur.

Der Journalist sitzt in seiner Kreuzberger Büroetage, vor ihm steht eine Karaffe mit Wasser. Computer statt Kristallkugel, Tagungstisch statt Plüschcouch. Er sagt: "Ich will nicht, dass die Leute mit ihren Ängsten bei Wahrsagern landen." Von Markus Jehle wird niemand den Zeitpunkt seines Todes erfahren oder wann sich das Lottoschein-Ausfüllen lohnen könnte. Jehle erstellt die Horoskopzeichnung eines Menschen anhand seiner Geburtsdaten und deutet dann die Symbolik der jeweiligen Planetenkonstellation. Sogar auf Städte, Gebäude und Ereignisse wendet er diese Methode an. Verantwortungsvolle Astrologie, nennt Jehle das.

Verantwortungsvoll deuten ist kompliziert. Die Ausbildung zum Astrolgen dauert zwei Jahre - jedenfalls im Berliner Astrologie-Zentrum, das Jehle, der auch Co-Moderator einer Radiosendung und erfolgreicher Buchautor ist, leitet. Eine Horoskopzeichnung sieht ungefähr so aus wie die Manege eines Flohzirkus mit totgeklopften Flöhen drauf. Viele schwarze unterschiedlich große Punkte und ein paar Linien dazwischen. Damit können nur fortgeschrittene Sternendeuter etwas anfangen, aber wenn Jehle zum Vollmond-Vortrag einlädt, kommt kein Anfänger. Einmal im Monat seziert Jehle den Sternenhimmel, und dabei bekommen die Flöhe, die er mit Hilfe eines Overhead-Projektors auf eine Leinwand projiziert, Namen wie Saturn und Pluto. Normalerweise erscheinen zu Jehles Vorträgen zwanzig Leute, aber jetzt ist die großzügige Etage randvoll mit konzentrierten Menschen, denen Neugier und Besorgnis ins Gesicht geschrieben ist. Jehles Analysen werden nur unterbrochen von den saugenden Geräuschen der überdimensionalen Thermoskannen, die voll sind mit Naturkind-Abendstille-Tee.

Er geht direkt ans Eingemachte. Wer ist Osama bin Laden? Und warum ist er so wie er ist? An der Tafel stehen fünf Daten: 10.3., 7.4., 27.6., 28.7. und 30.7.1957. An diesen Tagen könnte Osama bin Ladens Mutter ihren Sohn zur Welt geracht haben. "Wir nehmen mal das letzte Datum", erklärt Markus Jehle.Die Zuhörer stöhnen erschrocken. Jehle offenbart nichts neues oder gar überraschendes. "Stark Löwe betont", resümiert er schließlich und schüttelt sein Haar. Es folgt die Analyse des amerikanischen Präsidenten, Mohammed Attas, des Architekten des World Trade Centers und schließlich des World Trade Centers selbst. Die Twin Towers sind Zwilling - das kann kein Zufall sein. Die Zuschauer sind baff. Weil Markus Jehle keine Lücke lässt in seiner Argumentationskette. Weil alles irgendwie zusammen passen muss und weil Jehle ein sehr guter Erzähler ist. Das lieben seine Zuhörer, die größtenteils weiblich sind. Jehle ist ein Mann, dem die Frauen vertrauen.

In der Pause ziehen drei Damen im Treppenhaus nervös an ihren Zigaretten. Globale Probleme sind für sie kein Thema mehr. Ihr Gespräch kreist um Planeten, die Tierkreiszeichen und Häuser durchwandern. Eine bestimmte Konstellation mit Saturn bereitet den Hobby-Astrologinnen Kopfschmerzen. "Ich muss jetzt schon so viel arbeiten, was mache ich bloß, wenn Saturn erst im neunten Haus steht?" Verständnisvolles Nicken. Dann geht das Licht im Flur aus und die Damen sitzen für einen kurzen Moment im Mondschein. Drinnen bimmelt Markus Jehle energisch mit einem Glöckchen. Pause vorbei, Schluss mit Weltpolitik, jetzt sind Gysi, Steffel und Wowereit dran - die Geburtsdaten von Frau Klotz sind ihm nicht bekannt.

"Der nächste Regierende", Jehle macht eine Kunstpause und nimmt einen Schluck Naturkind-Tee, "wird einen Wasserzeichen-Mond haben." Ein Wasserzeichen-Mond soll überbordende Mütterlichlichkeit und Weichheit bedeuten. Die Thermoskannen machen jetzt schnarrende Geräusche. Markus Jehle kichert ein bisschen in sich hinein und sagt: "Alle Kandidaten haben einen Wasserzeichen-Mond." Steffel attestiert er ein "Retter-Horoskop" und dass er es als Kloster-Vorsteher weit bringen könnte, nicht aber als Politiker. Bei Wowereit diagnostiziert der Astrologe "eine ganz starke Mutterthematik". Und Gysi bescheinigt er überdurchschnittliche Intelligenz sowie kommunikatives Talent. Für die Wahl prognostiziert Jehle kein eindeutiges Ergebnis und endlose Verhandlungen. Und die Weltlage? "Angst haben müssen wir nicht", sagt Jehle und nickt freundlich in die ernste Runde. Das Publikum applaudiert dankbar.

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