Asyl in Brandenburg : Flüchtlinge sollen Cottbus wieder zur Großstadt machen

Die zweitgrößte Stadt Brandenburgs hofft, bald wieder mehr als 100.000 Einwohner zu haben - wenn genug Flüchtlinge kommen. Dafür engagieren sich viele Bürger, doch es gibt auch rassistische Übergriffe.

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Internationales Flair. Das Cottbuser Staatstheater zählt zu den kulturellen Leuchttürmen in Brandenburg, nicht nur während des Festivals des osteuropäischen Films.
Internationales Flair. Das Cottbuser Staatstheater zählt zu den kulturellen Leuchttürmen in Brandenburg, nicht nur während des...Foto: picture alliance / dpa

"Ich finde es klasse, dass wir bald wieder Großstadt sind“, sagt der „Pantoffelheld“ vom Cottbuser Weihnachtsmarkt: „Und ich habe auch nichts dagegen, dass wir hier noch mehr Flüchtlinge aufnehmen.“

Der Pantoffelheld heißt eigentlich Detlef Hammel. Wenn es nach ihm ginge, müsste niemand in Cottbus wegen der zunehmenden Zahl von Flüchtlingen kalte Füße bekommen – und das nicht nur, weil er in seinem Familienbetrieb flauschige Filzschluffen in allen Größen herstellt. „Wir haben seit 1990 fast 50.000 Einwohner verloren“, sagt er: „Deshalb brauchen wir Nachwuchs, gerade weil so viele junge Menschen weggezogen sind.“

Tatsächlich hatte Cottbus im Jahr 1990 noch 130.000 Einwohner, dann sank die Bevölkerungszahl durch Arbeitslosigkeit und Geburtenrückgang dramatisch. Trotz Eingemeindungen und Studenten, die hier ihren Erstwohnsitz eintrugen, wurden beim deutschlandweiten Zensus zum 9. Mai 2011 nur noch noch 99.984 Einwohner gezählt. Damit verlor Cottbus den Status einer Großstadt.

Falsche Prognosen

Damals gingen alle Prognosen davon aus, dass die Stadt im Jahr 2015 sogar nur noch 92.000 Einwohner haben würde. Doch es kam anders: Weil immer mehr Menschen vom Land zurück in die Stadt zogen, gibt es derzeit 98.844 Cottbuser, wie der Beigeordnete für Finanzen, Markus Niggemann, auf der letzten Stadtverordnetenversammlung berichtete. Hinzu kämen noch etwa 950 Flüchtlinge und falls die für das nächste Jahr prognostizieren Zahlen zuträfen, würde Cottbus schon zur Mitte des nächsten Jahres wieder eine Großstadt sein.

Zwar geht die jüngste Bevölkerungsschätzung des Potsdamer Infrastrukturministeriums davon aus, dass die Bevölkerung in der zweitgrößten Stadt Brandenburgs bis 2030 nochmal um sieben Prozent schrumpft, ein Sprecher gab aber zu, dass man Flüchtlinge dabei nicht berücksichtigt habe. „Dazu ist die Entwicklung noch zu jung“, sagt er. „Wir wissen ja auch nicht, ob sie bei uns bleiben.“

Hoffnung auf Investoren

In Cottbus sollen sie – jedenfalls nach Ansicht vieler Kommunalpolitiker – bleiben , denn der Großstadt-Status hat nicht nur symbolischen Wert. Investoren würden eine Großstadt besser wahrnehmen, heißt es. Auch bekäme Cottbus dann mehr Schlüsselzuweisungen vom Land für Ausgaben. Diese Zuweisungen seien nicht zweckgebunden, sondern könnten von der Stadt frei eingesetzt werden.

Finanz-Beigeordneter Niggemann sagt, dass die Flüchtlinge den Haushalt der Stadt nicht über Gebühr belasten würden, da die Unterbringungskosten größtenteils Land und Bund übernähmen. Die einzigen Kosten, die entstünden, seien die für zusätzlich benötigtes Personal.

Flüchtlinge werden dezentral untergebracht

Doch auch Cottbus kommt nicht ohne die vielen freiwilligen Helfer aus, die aber wie überall in Deutschland an ihre Grenzen kommen. Nicht zuletzt deshalb hatte der Integrationsbeauftragte der Stadt, Jan Schurmann, unlängst zu einer Ideenkonferenz eingeladen. Bürger, Vereine, Kommunalpolitiker und Wirtschaftsvertreter, aber auch Migranten selbst entwickelten ein Integrationskonzept.

„Wir wollen erreichen, dass alle Menschen, die nach Cottbus kommen, hier bleiben wollen“, sagt Schurmann. Oberbürgermeister Holger Kelch (CDU) habe sehr frühzeitig den Rückbau von Wohnungen gestoppt: „Wir haben also Wohnraum, brauchen nur etwas Zeit und Geld, um gute Bedingungen für die Unterbringung und Integration zu schaffen.“ Bereits 2001 hatten die Stadtverordneten beschlossen, Flüchtlinge dezentral in Wohnungen unterzubringen, daran soll sich nichts ändern.

Rechtes Spektrum organisiert sich neu

Die Stadt habe inzwischen dank vieler Initiativen eine gute Willkommenskultur entwickelt, sagt Schurmann, das merke man auch daran, dass die NPD hier bei der vergangenen Wahl weniger Stimmen erhalten hat. Doch das muss nicht unbedingt für weniger Fremdenfeindlichkeit und Rassismus sprechen, stellt der jüngste Bericht des Vereins „Opferperspektive“ fest. Man beobachte vielmehr eine Verschiebung innerhalb des rechten Spektrums. Die NPD scheine unattraktiver und kaum noch mobilisierungsfähig zu sein. Ihre Kader fänden eine neue politische Heimat in Neonazi-Organisationen wie „III. Weg“ oder „Widerstand Südbrandenburg“. Letzteres agiere im Namen der Anti-Asyl-Proteste unter anderem Namen und versuche so in der Region Fuß zu fassen.

Detlef Hammel.
Detlef Hammel.Foto: Sandra Dassler

Auch die Fußballhooligans und Teile der Ultra-Szene gehörten zum organisierten rechten Spektrum, heißt es in dem Bericht, der auch noch einmal die Ereignisse in der Nacht vom 23. zum 24. Oktober dieses Jahres zusammenfasst. Damals war es nach einer Demonstration gegen eine Erstaufnahme-Einrichtung zu mehreren Angriffen und Pöbeleien auf Ausländer gekommen. Von einer „Hetzjagd“ auf Studierende der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) war die Rede. Nach Wochen langen Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft geht man inzwischen tatsächlich von einem fremdenfeindlichen Hintergrund aus.

„Ich bin froh, dass das jetzt klar ist, weil es erst so aussah, als ob meine Studenten die Angreifer gewesen wären“, sagt BTU-Präsident Jörg Steinbach. Ähnliche Vorfälle habe es zum Glück seither nicht gegeben. „Wir haben viele ausländische Studierende und die können sich durchaus sicher fühlen.“ Dass man zu bestimmten Zeiten bestimmte Gegenden lieber meiden sollten, sei in Cottbus nicht anders als in Berlin, sagt Steinbach, der früher Präsident der Technischen Universität Berlin war: „Durch Organisationen wie den Cottbuser Aufbruch ist hier längst eine starke Zivilgesellschaft entstanden.“

Flüchtlinge auf dem Weihnachtsmarkt

Pantoffelheld Detlef Hammel sieht das ähnlich und ärgert sich darüber, dass so viel über Demonstrationen der AfD berichtet wird und so wenig über die Gegendemonstranten und die vielen Menschen, die sich hier im Süden Brandenburgs für Flüchtlinge engagieren. Die jungen Verkäuferinnen am Kuchen-Stand nebenan erzählen kichernd, dass kürzlich syrische Flüchtlinge mit ihrem Betreuer auf den Weihnachtsmarkt kamen. Die hätten sich fast die Zunge verrenkt – um das Wort „Quarkkeulchen“ auszusprechen.

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