Berlin : Auch ein patriotischer Kaufmann geht mal Pleite

Die Karriere des Unternehmers Johann Ernst Gotzkowsky war eng mit der Regentschaft Friedrichs II. verknüpft

Andreas Conrad

Ein Ruck war durchs Land gegangen, als Friedrich Wilhelm I. am 31. Mai 1740 gestorben war und Friedrich II. das Regiment übernommen hatte. Überall Aufbruchstimmung, Wille zur Erneuerung, ausgelöst durch eine Flut von Erlassen, die von Charlottenburg aus in die preußischen Lande gesandt wurden. Auch den Kaufmann Johann Ernst Gotzkowsky hatte der neue König gerufen, um über die wirtschaftliche Entwicklung des Staates zu disputieren. Noch immer herrschte in Preußen das aus dem Mittelalter überkommene Handwerkswesen vor, und das Land sollte doch endlich an das übrige Europa mit seinen fortschrittlichen Manufakturbetrieben Anschluss finden.

Wie bei keinem Zweiten ist der Aufstieg des Unternehmers Johann Ernst Gotzkowsky mit dem Regierungsantritt von Friedrich II. verwoben. Dabei war Gotzkowsky nicht mal Preuße, sondern Sohn eines verarmten polnischen Adligen. Nur mit dürftiger Schulbildung kam er 1724 im Alter von 14 Jahren nach Berlin, wurde von seinem hier lebenden Bruder beim Adrian-Sprögelschen Handelshaus auf der Fischerinsel untergebracht. 1730 trat Gotzkowsky in dessen Galanteriewarenhandlung ein und erwies sich gerade in der Kundenakquirierung als ungemein geschickt, schaffte den Zugang zu höchsten Kreisen.

Auf Wunsch des jungen Königs überzeugte Gotzkowsky seinen Schwiegervater, 1746 in Berlin eine Samtfabrik zu gründen, die er wenig später als Erbe übernahm. 1750 stieg er bei einer bankrotten Seidenmanufaktur ein, produziert wurde wahrscheinlich auch im heutigen Nicolaihaus, Brüderstraße 13, das er drei Jahre zuvor gekauft hatte. Eine Taftfabrik rundete sein Textilsortiment ab. Aus dem armen Waisenkind war binnen weniger Jahre Berlins führender Unternehmer geworden, an dessen 200 Webstühlen über 1000 Menschen arbeiteten. Der König trug manches zu Gotzkowskys Erfolg bei, schenkte ihm zwei Häuser und Geld, folgte seinen Ratschlägen zu Zöllen und Einfuhrverboten, arrangierte auch schon mal einen Kredit, als Gotzkowskys Reich 1755 erstmals ins Wanken geriet.

Dessen zunehmende Abhängigkeit von Wechselkrediten, die in ganz Europa umliefen, war damit nicht beseitigt. Den Geschäftseinbruch, den der Siebenjährige Krieg (1756 - 1763) mit sich brachte, konnte Gotzkowsky noch selbst überstehen, machte sich dabei sogar einen Namen als „patriotischer Kaufmann“, nachdem im Oktober 1760 Russen und Österreicher Berlin eingenommen hatten. Durch gute Kontakte zu den Russen konnte er Kontributionsforderungen erheblich drücken.

Vor dem Sturz hat ihn der Ehrentitel nicht bewahrt. Er kam 1763, ausgelöst durch den Bankrott des Amsterdamer Bankhauses de Neufville, dem erst 95 Firmenzusammenbrüche in Hamburg und schließlich das Aus für Gotzkowsky folgten. Eine Zeit lang wurde es noch durch den König aufgehalten, der dem bedrängten Unternehmer seine Porzellanmanufaktur abkaufte, ergänzt durch ein Darlehen – vergebens. 1767 folgte der endgültige Absturz, mit zeitweiser Schuldhaft. Die Jahre bis zu seinem Tod 1775 lebte Gotzkowsky in Armut.

Heute erinnern an ihn eine Straße und eine Brücke in Moabit, eine Tafel am Nikolaihaus in Mitte – und die von ihm 1761 auf Wunsch Friedrichs gegründete Porzellanmanufaktur, die mit dem Zwangsverkauf zwei Jahre später zur Königlichen wurde. Das Zepter hatte das G als Warenzeichen abgelöst, die Farbe aber war gleich geblieben: Preußisch-Blau.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben