Berlin : Auf der Draisine nach Polen

Jahrzehntelang war die Stahlbrücke über die Oder ein militärisches Geheimnis, jetzt nehmen sie Ausflügler in Betrieb.

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Rübergemacht. Touristen können immer mehr alte Bahnstrecken mit Draisinen erkunden, wie in Templin in der Uckermark (links). Auch die alte Brücke an der Oder (oben) soll so erfahrbar werden.
Rübergemacht. Touristen können immer mehr alte Bahnstrecken mit Draisinen erkunden, wie in Templin in der Uckermark (links). Auch...

Wriezen - Auf dieses Ereignis haben die Einwohner und viele Touristen im Oderbruch schon seit Jahrzehnten gewartet: Erstmals kann die bislang mit zwei großen Toren und Stacheldraht gesperrte Oderbrücke bei Bienenwerder in der Nähe von Wriezen von jedermann befahren werden. Am 5. September setzen sich ab 14 Uhr zwischen Deutschland und Polen die ersten zwei Draisinen in Bewegung. Für einige Stunden soll der nie in Betrieb genommene Stahlkoloss mit einem Fest aus der Vergessenheit gerufen werden. „Wir sind sehr glücklich über das Ereignis“, sagt der Direktor des zuständigen Amtes Barnim-Oderbruch, Karsten Birkholz. „Es ist der lange erhoffte Schritt zu einer neuen touristischen Attraktion.“

Künftig sollen über die Brücke mit einer höchst ungewöhnlichen Geschichte nicht nur muskelbetriebene Draisinen rollen, sondern auch historische Schienenbusse. Radfahrer und Wanderer könnten dann ebenso an dieser Stelle einen Abstecher ins jeweilige Nachbarland unternehmen. Ein Pavillon auf der kleinen Insel in der Flussmitte, von der es jeweils 330 Meter bis zum anderen Ufer sind, ist für eine Ausstellung vorgesehen. An spannenden Details und Anekdoten herrscht jedenfalls kein Mangel. So erinnert heute kaum noch etwas an den einst lebhaften Güter- und Personenverkehr an dieser Stelle.

Einst donnerten hier Züge der Wriezener Bahn von Berlin in die jenseits des Flusses gelegene Neumark mit Anschluss nach Stettin. Doch in den letzten Kriegswochen 1945 sprengte die Wehrmacht die aus dem Jahre 1930 stammende Brücke, um den Vormarsch der Roten Armee aus dem Osten in Richtung Berlin wenigstens für eine kurze Zeit aufzuhalten.

Die bei der Detonation noch nicht völlig zerstörten Stahlteile und die Schienen nahmen nach dem Kriegsende den Weg in den Osten. Als Reparationsleistung gelangten sie in eine bis heute unbekannte Region der Sowjetunion. Durch das Oderbruch fuhren nie wieder voll besetzte Personen- und Güterzüge aus Berlin über Wriezen nach Königsberg in der Neumark, das durch die Festlegung der Oder-Neiße-Grenze seit 1945 zu Polen gehört und den Namen Chojna trägt. Der gesamte Eisenbahnverkehr von und nach Osteuropa wurde über die Brücken in Küstrin und Frankfurt (Oder) abgewickelt.

Dennoch erfolgte der Mitte der fünfziger Jahre sogar der Wiederaufbau der Brücke. Die Architekten griffen dabei auf Reste von anderen Brücken zurück, die sogar teilweise aus Berlin stammten. Deshalb hinterlässt das Bauwerk heute auch den Eindruck von einer etwas „zusammengestückelten“ Konstruktion.

Doch sie blieb als „strategische Reserve“ nur auf geheimen Militär-Karten verzeichnet. Offiziell gab es zu DDR-Zeiten an dieser Stelle keinen Übergang. Im Ernstfall, so die Überlegung, hätten hier mit Kriegstechnik beladene Güterzüge die Oder nach Westen passieren sollen. Die eigentlichen Züge von Wriezen endeten in Neu-Rüdnitz, ehe 1981 hier die letzten Fahrkarten verkauft wurden.

„Bis heute erzählt man sich in der Gegend die Geschichte von einer einzigen Testfahrt mit einem Panzerzug kurz nach der Fertigstellung der Brücke“, sagt Amtsdirektor Karsten Birkholz. „Der Zugbegleiter soll damals während der Fahrt an der geöffneten Tür gestanden haben, um bei einem Zusammenbruch der Brücke abzuspringen, notfalls in die Oder.“

Auch jetzt macht die Brücke keinen sicheren Eindruck. „Vor allem die Schwellen müssten wohl für einen Zugbetrieb völlig erneuert werden“, sagt Amtsdirektor Birkholz unter Berufung auf Fachleute. Insgesamt würde eine komplette Sanierung der Brücke und der sich anschließenden Strecke von etwa 15 Kilometer Länge auf polnischem Gebiet bestimmt zehn Millionen Euro kosten. „So viel Geld kann die Region nicht allein aufbringen“, stellt der Landrat des Kreises Märkisch Oderland, Gernot Schmidt, klar. „Da bleiben als Ausweg nur EU-Programme für die Förderung grenzüberschreitender Projekte.“ Entsprechende Anträge würden gestellt.

Am Erfolg der Brückenöffnung für Touristen hegen Landrat und Amtsdirektor keinen Zweifel. Sie schwärmen vom Gebiet rund um den Moryner See, an dem die Strecke hinter der Brücke und damit in Polen endet. Da seien schon vor dem Weltkrieg viele Berliner Ausflügler unterwegs gewesen. Auf deutscher Seite liegen keine Schienen mehr. Auf dem Bahndamm ist ein Radweg aus Richtung Wriezen entstanden, der vor der Brücke den beliebten Oder-Neiße-Radweg kreuzt. Mit dem Unternehmer Axel Pötsch, der schon mehrere Draisinenstrecken betreibt, steht ein möglicher Betreiber der Touristenstrecke über die Oder bereit.

„Das Fest zur ersten Brückenöffnung haben wir bewusst auf einen Mittwoch gelegt“, erklärt Amtsdirektor Birkholz. „Denn wir brauchen die Unterstützung vieler Beamter aus Bundes- und Landesministerien für unsere Brücke.“ An einem Wochenende hätten sich diese vielleicht nicht auf den Weg gemacht, mutmaßt der Kommunalpolitiker. „So aber können sie eine Dienstreise anmelden, sich von uns begeistern lassen.“

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