Berlin : Aufgepäppelt im hohen Norden

1956 begann Kinderhilfe aus Skandinavien

Heidemarie Mazuhn

Gabriele van de Sandt war schon neun, als sie ihre erste Puppe erhielt. Weihnachten 1969 lag das für sie unglaubliche Geschenk auf dem Gabentisch. Nicht daheim in Zehlendorf, wo sie mit sieben Geschwistern aufwuchs, sondern weit weg im hohen Norden – in Göteborg. Dorthin war das Mädchen im Dezember 1969 gekommen. Sie gehörte zu mehreren zehntausend Berliner Kindern, die zwischen 1946 und 1993 nach Schweden und Norwegen „verschickt“ wurden – anfangs nur zum „Aufpäppeln“, später aus sozialen Gründen. Kinder aus finanziell schwachen Familien oder von alleinerziehenden Müttern sollten „mal rauskommen“.

Organisiert wurden die acht- bis zehnwöchigen Kinderverschickungen von verschiedenen schwedischen, norwegischen und deutschen Organisationen, aber auch von Privatleuten. Allein die schwedische Privatinitiative Berlinbarnhjälpen (Berlinkinderhilfe) rekrutierte von 1956 bis 1993 rund 50 000 Einladungen schwedischer Gastfamilien. Diese Zahlen stammen vom Berliner Historiker Stefan Gammelien. Mit der Forschungsgruppe Nordeuropäische Politik an der Humboldt-Universität sucht er noch nach ehemaligen verschickten Berliner Kindern und deren Gastfamilien. Er will erforschen, wie sich die Kinderverschickungen auf die Nachkriegsgeneration Deutschlands auswirkten. Schon festgestellt wurde, dass die meisten der damals zweieinhalb bis 13 Jahre alten Kinder nach häufig mehrmaligem Aufenthalt ihren Gastfamilien bis heute verbunden sind.

Die kleine Gabriele hatte damals besonderes Glück. „Begonnen hat es aber schrecklich“, erinnert sich die heute 46-jährige dreifache Mutter an die endlose Fahrt in dem mit Kindern vollgestopften Zug. Ihr mit nach Schweden verschickter sechsjähriger Bruder Stefan kam nach Uppsala, sie selbst nach Göteborg. Da stand sie in bitterer Kälte auf dem Hauptbahnhof, um den Hals ein Band mit ihrem Namensschild. „Du bist Gabriele“, sprach plötzlich ein Mann das Mädchen an. „Ich habe mich sofort in ihn verguckt“, erzählt Gabriele van de Sandt von ihrem „Vater“ – dem damaligen Rektor der Seefahrtschule Göteborg. In dessen sechsköpfiger Familie feierte sie 1969 ihr schönstes Weihnachten. Das Puppengeschenk von damals hat sie immer noch, und auch schwedisch fühlt sich die gelernte Altenpflegerin noch heute, obwohl sie schon lange wieder in Berlin lebt. Für ihr Leben war die Verschickung in den Norden ein schicksalshafter Segen – „wer weiß, was aus mir geworden wäre“, sagte sie. Dass der Berliner Senat Mitte der neunziger Jahre die finanzielle Förderung der Kinderaufenthalte in Schweden und Norwegen einstellte, bedauert sie – „es gibt mehr als genug Kinderarmut in der Stadt“.

HU-Forscher Stefan Gammelien ist für Hinweise unter der Telefonnummer 44 03 93 59 zu erreichen.

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