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Auswertung Berliner Schuldaten : Nur zur Hälfte regulärer Unterricht

Ein immense Datenmenge wird in den digitalen Porträts der Berliner Schulen gesammelt. Wer sie auswertet, findet erstaunliche Unterschiede. Auch beim Schwänzen.

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Viele Stühle bleiben leer: Rund 1300 Schüler fehlten im vergangenen Schuljahr über 40 Tage unentschuldigt.
Viele Stühle bleiben leer: Rund 1300 Schüler fehlten im vergangenen Schuljahr über 40 Tage unentschuldigt.Foto: picture alliance / dpa

Der Berliner Grundschul-Spitzenreiter beim Ausfall des regulären Unterrichts steht fest: An der Kreuzberger Lemgo-Grundschule musste im Schuljahr 2015/16 fast jede zweite Stunde vertreten werden. Wie aus dem digitalen Schulverzeichnis der Bildungsverwaltung hervorgeht, konnten 44 Prozent des Unterrichts nicht wie vorgesehen stattfinden. Allerdings wurden 41,6 Prozent irgendwie vertreten, nur drei Prozent fielen völlig aus. An zweiter Stelle folgt die Grundschule an der Mühle in Marzahn mit 38 Prozent Vertretungsunterricht.

Die Daten aus dem digitalen Schulverzeichnis wurden jetzt vom Datenteam des rbb 24 ausgewertet. So kann man dort sehen, wie groß die Unterschiede zwischen den Schulen sind: Der Berliner Schnitt besagt nur, dass etwa jede zehnte Schule nicht regulär vertreten wird, aber nur jede 50. komplett ausfällt.

An der Simmel-Schule entfiel fast jede zwölfte Stunde

In der Liste der Schulen mit der höchsten Ausfallquote lag unter den Grundschulen 2015/16 die Paul-Simmel-Grundschule (8,3%) vorn gefolgt von der Grundschule an der Bäke (6,9%), der Hunsrück-Grundschule (6,1 %) und der Edison-Grundschule (6 %). Ebenfalls über fünf Prozent bewegen sich die Sonnenuhr-, Wilhelm-Hauff-, Albert-Gutzmann-Schule und Cecilien-Schule. Hingegen gibt es auch Schulen, an denen - zumindest auf dem Papier - nur ein Prozent der Stunden komplett ausfallen: Die Schulen haben viel Spielraum beim "Beschönigen" ihrer Ausfallstatistik.

Es gibt allerdings auch Schulen mit geringem Krankenstand und gutem Schulmanagement, wo tatsächlich nur wenig Unterricht ausfällt. Zudem muss man beachten, dass die Onlineangaben nicht immer stimmen: Am Mittwoch hieß es etwa aus der Schulverwaltung, dass die Christian-Morgenstern-Grundschule, die mit neun Prozent eigentlich ganz vorn in der Ausfallstatistik gelegen hätte, lediglich die Statistik falsch ausgefüllt habe. Allerdings stellt sich dann die Frage, warum die Schulen nicht darauf achten, dass solche Fehler online verbessert werden.

Das aber kann damit zu tun haben, dass die Schulporträts bislang eher ein Schattendasein führen: Sie stehen nicht auf den Homepages der Schulen und sind nur für Eltern auffindbar, die sich auskennen und wissen, dass es diese Zahlen überhaupt gibt. Das gleiche gilt für die Schulinspektionsberichte, die ebenfalls in den Schulportäts "versteckt" werden. Wer mehr zum Thema Unterrichtsausfall erfahren will, kann sich ebenfalls hier umsehen, denn die Oberschulen etwa fehlen in der RBB-Auswertung;

Zur besseren Ansicht klicken Sie bitte auf das rote Kreuz.
Zur besseren Ansicht klicken Sie bitte auf das rote Kreuz.Foto: Tsp

Mehr Schwänzer, aber nicht überall

Nicht nur der Unterrichtsausfall wurde von den Datenjournalisten des RBB 24 ausgewertet, sondern auch die Schwänzerzahlen für die Einzelschulen. Trotz zusätzlicher Anstrengungen gegen Schwänzen.wie vermehrte Schulversäumnisanzeigen und Bußgelder ist die Quote der unentschuldigt Fehlenden nicht gesunken, sondern im ersten Schulhalbjahr 2016/17 sogar leicht gestiegen. Dies teilte die Bildungsverwaltung am Mittwoch auf Anfrage mit Bezug auf die Sekundarschulen mit. Die höchste Schwänzerzahl hat die Neuköllner Kepler-Schule. Demnach schwänzten die Schüler an der Brennpunktschule im Schnitt an zehn Tagen pro Jahr unentschuldigt – was allerdings eine enorme Verbesserung gegenüber 2015/16 ist, als die Quote bei 17 Tagen lag: Die Kepler-Schule hatte am Turnaround-Programm der Bosch-Stiftung und der Bildungsverwaltung teilgenommen, das auch an anderen Schulen zu sinkenden Schwänzerzahlen geführt hatte – entgegen der landesweiten Tendenz.

Vor allem die Brennpunktschulen sind betroffen

Es folgen im „Schwänzer-Ranking“ Brennpunktschulen wie die Reinickendorfer Jean-Krämer-Schule, die Willy-Brandt-Sekundarschule in Gesundbrunnen sowie die Schule am Staakener Kleeblatt, wo im Schnitt sechs Tage unentschuldigt gefehlt wird. Erst danach reihen sich die Schulen für Schüler mit Lernbehinderung ein, die aufgrund ihrer besonders schwierigen Klientel meist überdurchschnittliche Anteile von schwänzenden Schülern haben. Generell kann man sagen, dass sogar 40 Schwänzertage pro Halbjahr hundertfach vorkommen, weil sich in den sozialen Brennpunkten viele Eltern nicht mehr zuständig fühlen oder den Einfluss auf ihre Kinder verloren haben.

Die Grundschul-Zahlen kennt man erst neuerdings

An den Grundschulen spielt das Schwänzen eine etwas geringere Rolle, aber auch hier bietet die Auswertung eine Art Ranking, das von der Spandauer Schule am Birkenhain anführt wird – mit 2,4 Tagen. Dies entspricht dem fünffachen des Berliner Schnitts. Es folgen die Grundschule in den Rollbergen und die Schule am Roederplatz im Fennpfuhl. Die Schwänzerzahlen für das zweite Schulhalbjahr liegen noch nicht vor. Sie sind stets viel höher als die vom ersten.

Jahrelang wurden die Grundschul-Schwänzerzahlen überhaupt nicht erhoben - bis Abgeordnete wie Joschka Langenbrinck (SPD) für einen geänderten Umgang mit dem Problem votierten.

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