Berlin : Bagger rollen, Bürger schmollen

Umbau der Kastanienallee in Prenzlauer Berg startet

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Wenn am heutigen Montag der zweijährige Umbau der Kastanienallee in Prenzlauer Berg beginnt, ist die Diskussion darum noch lange nicht beendet. Das Projekt sieht vor, für Autos sogenannte Parktaschen anzulegen und dafür die Gehwege zu beschneiden. Für Radfahrer, denen Piktogramme derzeit noch den Weg zwischen die Tramgleise weisen, gibt es künftig die „Angebotsstreifen“ – da, wo jetzt die Autos stehen. Ein aufgelockertes Straßenbild ist das Ziel. Zudem sollen Radler sicherer vorankommen, Autos und Trams freie Bahn erhalten.

In der Vergangenheit gab es Widerstand gegen den Umbau von unterschiedlichen Seiten: Während sich die Protagonisten der Bürgerinitiative (BI) „Wasserturm“ vor allem um das authentische Flair der Szenestraße sorgten, ging der BI „Carambolagen“ die Planung verkehrspolitisch nicht weit genug: Sie hätte lieber das radikale Konzept eines verkehrsberuhigten „shared space“ für Rad, Straßenbahn und Auto umgesetzt gesehen. Beide Initiativen fühlen sich übergangen, da die Planung nahezu ohne Berücksichtigung der zahlreichen Änderungsanträge durchgezogen wird: „In einer Ausnahmestraße nach Schema F vorzugehen, funktioniert einfach nicht“, sagt Frank Möller, Vorsitzender der BI Carambolagen.

8000 Unterschriften wurden von insgesamt sechs BIs gesammelt, 82 Änderungsanträge vorgebracht. Doch die Modifikationen der Planung sind aus Sicht der Bürger marginal – eine Bedarfsampel hier, die Anregung für Tempo 30 dort. „Da ist Bürgerbeteiligung zum Theater geworden“, sagt Frank Möller. „Man kann sich eigentlich nur noch wie in Gorleben verhalten“, pflichtet ihm Matthias Aberle von der BI Wasserturm bei. Gerade vom grünen Stadtrat Jens-Holger Kirchner, politisch federführend beim Umbau, habe man anderes erwartet. Dieser weist die Vorwürfe von sich: „Was die Bürgerinitiativen gerne mal vergessen: Nicht nur sie sind Bestandteil des politischen Entscheidungsprozesses, sondern auch die gewählten Vertretungskörperschaften.“

Die Bürger wollen der selbst ernannten Bürgerbeteiligungspartei noch einmal Druck machen, auch im Hinblick auf die Wahl im kommenden Jahr. Stefanie Remlinger, Grünen-Fraktionschefin in der Bezirksverordnetenversammlung, sieht darin eine „hohe Verantwortung“, sagt aber: „Die Initiativen wissen auch, dass wir schon viel mehr machen, als wir eigentlich müssten.“ So habe es zur Kastanienallee im Januar 2009 eine gründliche Begehung und eine große Bürgerversammlung gegeben, außerdem hätten die Pläne im Frühjahr 2009 wochenlang ausgelegen. Bei einer Erörterungsveranstaltung im April 2009 seien alle 82 Einwände geprüft worden.

Strittig bleibt, vor allem aus Radlersicht, ob der Umbau überhaupt notwendig ist. Die Polizei nennt das Unfallaufkommen mit Radlerbeteiligung im Bereich der Kastanienallee eher unterdurchschnittlich. 30 Vorfälle gab es im laufenden, 32 im vorigen Jahr – bei werktäglich bis zu 6000 Radlern. Arvid Krenz, der Fahrradbeauftragte des Senats, begrüßt zwar die Umbauten, findet die gestrichelten Angebotsstreifen eine „unglückliche Lösung“. Sie dienen zugleich als Entladezone für den Lieferverkehr. Allein: Über den exklusiven Radweg mit durchgezogener Linie, den Krenz bevorzugt, darf nur der Senat entscheiden.

Freuen wird der Umbau die BVG-Fahrgäste. Die Straßenbahnen sollen schneller werden. Vor allem die Linie 12 dürfte profitieren, die quer durch Prenzlauer Berg nach Mitte fährt. Schon als 2008 der Takt verdichtet wurde, stiegen die Passagierzahlen. Ein drohendes Aus war abgewendet. Johannes Schneider

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