Bahn will stillgelegte Strecken reaktivieren : Alte Gleise könnten zukünftig Lärm verursachen

Die Bahn will ungenutzte Schienenstränge wieder in Betrieb nehmen: am Südring und an der Nordbahn. Um zusätzliche Lärmschutzmaßnahmen muss sie sich dabei nicht kümmern – obwohl die Vorschriften verschärft werden sollen.

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Ausbaufähig. Nicht nur die Eisenbahnstrecken im Umland werden leistungsfähiger gemacht, sondern auch die innerhalb der Stadt. Das bringt Probleme mit sich.
Ausbaufähig. Nicht nur die Eisenbahnstrecken im Umland werden leistungsfähiger gemacht, sondern auch die innerhalb der Stadt. Das...Foto: ZB Funk Regio Ost

Jahrelang galt die Bahn als besonders umweltfreundlich. Auf der Energieseite stimmt das auch weiter, beim Krach dagegen sieht es anders aus. Deshalb soll die Bahn 2015 auch ihren bisherigen „Schienenbonus“ verlieren, wonach Anwohner von Bahnstrecken erst vor Lärm geschützt werden müssen, wenn die Züge einen Lärmpegel erreichen, der fünf Prozent über der zulässigen Grenze für den Straßenverkehr liegt. Voraussetzung ist, dass noch kein Planfeststellungsverfahren eingeleitet wurde. Davon können auch Strecken in Berlin betroffen sein, deren Ausbau die Bahn plant.

Laute Diesellokomotiven auf dem Südring

Auf dem südlichen Berliner Innenring fahren zwischen Halensee und Tempelhof derzeit nur die S-Bahnen; die beiden einst für den Güterverkehr genutzten parallelen Gleise sind verwaist. Sie wachsen zu, stellenweise sind auch die Schienen herausgerissen. Seit Jahren war hier kein Zug mehr unterwegs; lediglich Bauzüge schlichen hin und wieder über die gerade noch befahrbaren Gleise.

Die Bahn plant aber die Wiederinbetriebnahme für den regulären Verkehr. Außer Güterzügen könnten hier auch umgeleitete Fern- und Regionalzüge fahren. Regelmäßige Fahrten im Personenverkehr wird es nicht geben, weil es auf dem Südring keinen Fern- oder Regionalbahnhof gibt. Ein solcher war zwar beim Neubau des Südkreuzes auch an den Gleisen der Ringbahn gefordert worden, bauen ließ ihn der Senat dann aber nicht.

Kommt der Verkehr zurück, kann es laut werden. Wenn die Bahn lediglich die Gleise wiederherrichtet, was ohne aufwendiges Genehmigungsverfahren möglich ist, könnten die Züge nur von Diesellokomotiven gezogen werden. Und deren Motoren machen Krach. Lärmschutz müsste es nicht geben, da die Bahn nur eine bestehende Strecke wieder befahrbar machen würde. Weitere Maßnahmen zum Lärmschutz hat die Bahn hier bisher abgelehnt.

Viel lieber will sie aber über den Gütergleisen eine Oberleitung installieren, so dass dort – leisere – Elektroloks eingesetzt werden könnten. Der Aufbau einer Oberleitung ist aber nur nach einem erfolgreichen Planfeststellungsverfahren möglich, in dem Anwohner Einsprüche geltend machen können. Lärmschutz wäre dann vorgeschrieben.

Bahn macht keine konkreten Angaben zu ihren neuen Projekten

Dabei beschränkt sich der Katalog bisher auf herkömmliche Maßnahmen: Aufstellen von Lärmschutzwänden, Einbau von Lärmschutzfenstern oder auch auf die Auflage, das Gleis besonders zu pflegen, wozu vor allem das Schleifen der Schiene gehört – was allerdings wiederum mit erheblichem Lärm verbunden ist, wie es erst jetzt wieder Anwohner der Anhalter Bahn in Lichterfelde Süd bei einer Klage vor dem Verwaltungsgericht moniert hatten. Mit ihr wollten sie mehr Schutz vor dem Krach erreichen – und waren gescheitert, weil auch der Wiederaufbau dieser Gleise für den Fernverkehr nach dem Jahr 2000 nicht als Neubau eingestuft worden war. Die ersten Züge waren hier bereits 1840/41 unterwegs; 1952 hatte die Reichsbahn der DDR dann den Fernverkehr eingestellt, von 1980 bis 1998 fuhren auch keine S-Bahnen mehr.

Ähnlich wäre die Situation bei einer Wiederinbetriebnahme der Gütergleise auf dem Südring. Angaben zum Planungsstand wollte die Bahn auf Anfrage nicht machen, da die umfangreichen Untersuchungen noch nicht abgeschlossen seien. Millionenschwere Vorleistungen hat sie aber bereits erbracht: Am Bahnhof Südkreuz wurden neue Gleise gebaut, am Bahnhof Schöneberg eine neue Brücke errichtet. Wozu, kann – oder will – die Bahn derzeit allerdings nicht sagen.

Veränderungen auf der Nordbahn sind eher unwahrscheinlich

Auch bei der sogenannten Nordbahn von Gesundbrunnen über Schönholz, Wittenau, Waidmannslust, Hermsdorf und Frohnau Richtung Oranienburg stellt sich dieses Problem. Hier fahren derzeit ebenfalls nur S-Bahnen; der Aufbau von Gleisen für den Fern- und Regionalverkehr ist aber noch nicht aufgegeben worden. Auch hier stuft die Bahn den Ausbau als Wiederherstellen einer bestehenden Anlage ein – mit der Folge, dass es weniger Lärmschutz geben müsste als bei einem Neubau, falls kein Planfeststellungsverfahren erforderlich sein sollte. Und Extragleise für den Fernverkehr parallel zur S-Bahn waren hier einst vorhanden. Nur wenn sich deren Lage verändern würde, wäre ein aufwendiges Genehmigungsverfahren vorgeschrieben. Doch hier können sich die Anwohner immerhin noch ein wenig entspannen: Der Wiederaufbau ist nicht in Sicht. Und ob er wirklich kommt, ist fraglich. Dem Millionenaufwand stünde nur eine um wenige Minuten geringere Fahrzeit als heute bei der Route über den Außenring gegenüber. Ob sich der Aufbau somit „rechnet“, ist fraglich. Ausgeschlossen ist er jedoch weiterhin nicht.

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