Berlin : Bare Münze

Friedrich der Große hatte nicht immer ein gutes Händchen für Finanzen, er liebte das Vabanquespiel Er führte eine eigene Lotterie ein, unterstützte windige Unternehmer und prägte minderwertiges Geld.

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Foto: dapd

Diese Gewinnzahlen sollten Lottospieler während des Friedrich-Jahres im Auge behalten: 13, 22, 35, 43, 74. Es sind die ersten, die je in einer Berliner Lotterie gezogen wurden, nennen wir sie „5 aus 90“. Das war am 31. August 1763, und der Geist des Königs schwebte gewissermaßen über der Menschenmenge, die sich aus diesem Anlass vor dem Palais Marschall in der Wilhelmstraße versammelt hatte, dort, wo heute die Voßstraße einmündet: Seine Majestät persönlich garantierte die Auszahlung der Gewinne.

Das war nicht üblich, der Papst oder auch Kaiserin Maria Theresia hatten ähnliche Glücksspiele nur verpachtet. Aber die Gewinnaussichten schienen zu prächtig, die Risiken zu gering, als dass Friedrich nicht selbst ins Lottogeschäft hätte einsteigen wollen. 200 000 Taler Jahresgewinn hatte ihm der Italiener Giovanni Antonio Calzabigi garantiert – ein Glücksritter, der zuvor mit einer Lotterie in den Niederlanden bankrott gegangen war, sich aber dennoch als Finanzgenie und Experte für die „Genueser Lotterie“ zu empfehlen wusste und engagiert wurde. Warnungen schlug Friedrich in den Wind: „Er darf mich bestehlen, wenn er nur zum Ziele kommt.“

Das Interesse war anfangs riesig, zur öffentlichen Ziehung (verwendet wurden Kapseln mit eingelegten Zetteln) marschierte sogar eine größere Wache auf – sicher ist sicher. Nur ließ der Erfolg auf sich warten: Nicht mal zehn Prozent des veranschlagten Gewinns blieben dem König nach den ersten Ziehungen, so dass er sich zurückzog und das Lottospiel elf Monate nach dem Start an Calzabigi verpachtete.

So blieb es nur eine Episode im Leben des Alten Fritz – und war doch symptomatisch für sein dem Vabanquespiel nicht nur im Krieg zugeneigtes Wesen, das ihn gerade in Finanzdingen mitunter zu bedenklichen, ja fragwürdigen Aktionen verleitete. Und zugleich passte der erste Ausbruch der Lottoleidenschaft in Berlin zur gesamteuropäischen Finanzlage, traf sie doch zusammen mit dem Zusammenbruch eines Glücksspiels im großen Stil.

Ende Juli 1763, einen Monat vor der ersten Berliner Ziehung, hatte in Amsterdam das Bankhaus de Neufville Bankrott gemacht, und das damals ganz Nordeuropa überspannende Netz von Wechselkrediten, ein Geflecht oft windiger Geschäftsbeziehungen, die nur noch teilweise durch reales Kapital gedeckt waren, zerriss. Schon das Erdbeben in Lissabon 1755 hatte Europas Kapitalmarkt in Panik versetzt, und auch jetzt schwappte die in Amsterdam ausgelöste Pleitewelle bis nach Berlin. „Die verwünschten Wechselbriefe! Wenn zu den 16 Banquerouten, die sich schon geäußert haben, noch 16 hinzukommen, so ist der 33. ganz gewiss Ihr Freund“, schrieb der Philosoph Moses Mendelssohn am 10. August nach Danzig an Friedrich Nicolai.

Auch der König war ratlos, wovon ein Schreiben vom 20. August an seinen Hamburger Gesandten zeugt: „Woher kommen denn alle diese Bankrotte?“ Als eine Art Rettungsschirm schuf er zwei Tage darauf die „Immediate Wechsel-Kommission“, ein Sondergericht für Wechselbankrotte, doch seinen Finanzhelfer und Hauptlieferanten des erst Monate zuvor beendeten Siebenjährigen Krieges, den Berliner Kaufmann und Unternehmer Johann Ernst Gotzkowsky, vermochte er damit nicht zu retten.

Nach Gotzkowsky sind in Moabit eine Brücke, eine Straße und eine Grundschule benannt. Seit er der Stadt Berlin 1760 während der russisch-österreichischen Besetzung bei den hohen Kontributionszahlungen ausgeholfen hatte, stand er als „patriotischer Kaufmann“ in hohem Ansehen, das half nun nichts. Zwar kaufte ihm Friedrich am 24. August für 225 000 Taler seine Porzellan-Manufaktur ab, die damit zur „Königlichen“ wurde, gab weitere 235 000 Taler als fünfprozentige Hypothek für Gotzkowskys Samt- und Seidenfabriken, doch den schleichenden Niedergang und zuletzt völligen finanziellen Zusammenbruch des einstigen Günstlings wenige Jahre später wendete das nicht ab.

Das Finanzdesaster von 1763 bildete den Hintergrund für Gotthold Ephraim Lessings im damaligen Berlin spielendes Lustspiel „Minna von Barnhelm“, das vier Jahre später erstmals aufgeführt, aber im Krisenjahr geschrieben wurde, wie Lessing betonte. Auch auf den nicht namentlich erwähnten „patriotischen Kaufmann“ und seinen Untergang gibt es manche Anspielung, und sei es in dem Jubelruf des wackeren Offiziersburschen Just: „Lustig, Kinder, lustig; ich bringe frisches Geld!“ Denn „frisch“, das meinte frisch geprägt und traf damit ein zentrales Instrument von Friedrichs Finanzpolitik und zugleich einen Hauptgrund für Gotzkowskys Ruin. Seinen Krieg hatte der König zu großem Teil durch Reduzierung des Silbergehalts in neuen Münzen finanziert. Mit diesem minderwertigen Geld beglichen die preußischen Kaufleute ihre Schulden bei Gotzkowsky, er selbst musste die eigenen im Ausland aber mit harter Währung bezahlen.

Im großen Stil wurde diese Geldpolitik zuerst in Sachsen begonnen, das mit Österreich verbündet war und 1756 von Preußen besetzt wurde. Mit Friedrichs Zustimmung nutzten seine Münzpächter, allen voran Veitel Heine Ephraim, die Originalprägestempel mit dem Abbild von Kurfürst Friedrich August II. weiter, ersetzten aber das Silber teilweise durch minderwertiges Metall und teilten sich den Gewinn mit dem König – ein für beide lukratives Geschäft: Friedrich hatte neues Geld für den Krieg, und Ephraim konnte sich ein prächtiges Palais in der Poststraße/Ecke Mühlendamm bauen, das 1936 wegen einer Straßenverbreiterung abgetragen und 1987 nahe dem ursprünglichen Standort rekonstruiert wurde. Die betroffenen Sachsen aber fanden das alles gar nicht gut und machten sich auf die sogenannten Ephraimiten bald ihren Reim: „Von außen schön, von innen schlimm. / Von außen Friedrich, von innen Ephraim.“ Wobei Friedrich nicht auf den preußischen König, sondern ihren Kurfürsten zielte.

Solche Mauscheleien sind nur noch Geschichte, längst wurden nomineller und materieller Münzwert getrennt. Der Euro etwa besteht vor allem aus Messing und Nickel und ist nur ein Zehntel dessen wert, was draufsteht. Ein andere fixe Größe des Geldverkehrs aber hat seit Friedrichs Tagen Bestand: die Bank. Am 20. Juli 1765 gründete er das erste Geldinstitut der Stadt, die Königliche Giro- und Lehnbank, Vorvorgänger der Reichsbank. Man wies ihr den Kurfürstlichen Jägerhof im Friedrichswerder zu, an den noch heute die Jägerstraße erinnert. Das 1690 errichtete Gebäude lag am östlichen Ende – Keimzelle des alten Bankenviertels. Dort konnte man Geld hinterlegen, zunächst gegen Quittung, doch schon ein Jahr nach Gründung wurden die ersten Banknoten gedruckt. Das Vertrauen der Bevölkerung in die Institution war anfangs gering. Fast wie heute.

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