Baumfällungen in Berlin : Pappelallee in Prenzlauer Berg bald ohne Pappeln?

Sollen in Berlin Bäume gefällt werden, gibt es Protest – jetzt auch an der Pappelallee in Prenzlauer Berg. Da wird der grüne Stadtrat als Handlanger der Investoren beschimpft. Und Ilja Richter denkt an Venedig.

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Bedrohtes Grün. 58 Straßenbäume wie diese stehen in der Pappelallee – noch. Das Bezirksamt erwägt, sie zu fällen und durch eine neu gepflanzte Allee zu ersetzen.
Bedrohtes Grün. 58 Straßenbäume wie diese stehen in der Pappelallee – noch. Das Bezirksamt erwägt, sie zu fällen und durch eine...Foto: Lars von Törne

Familie Richter ist in Kampfeslaune. Sohn Kolja (12) steht mit Unterschriftenlisten in der Pappelallee in Prenzlauer Berg, auf denen die Forderung prangt: „Unsere Pappeln sollen bleiben!“ Mehr als 100 Unterschriften kommen am Samstagmittag schnell zusammen. Das Bezirksamt hat die Anwohner zu einer Informationsveranstaltung unter freiem Himmel eingeladen, bei der es um den Umbau der Straße geht – und damit um die Zukunft von 58 teils jahrzehntealten Bäumen. Sie sollten nach Meinung eines vom Bezirk bestellten Gutachters durch neue Bäume ersetzt werden, weil sie altersschwach, geschädigt oder den ab 2014 geplanten Straßenumbauten im Wege sind.

Einer der lautesten und energischsten Gegner der Pläne ist Koljas Vater Ilja (60), Anwohner der Pappelallee, aber vor allem als Schauspieler und Moderator bekannt. Energisch macht er sich an diesem Tag zum Sprecher der Umbau-Gegner. „Das ist doch nur Show“, wirft Ilja Richter dem Organisator der Veranstaltung vor, Stadtentwicklungsstadtrat Jens-Holger Kirchner von den Grünen. Der Bezirk suggeriere Bürgerbeteiligung, so klagen neben Richter auch andere Anwohner, aber tatsächlich sei der Umbau samt Fällung der Bäume doch längst beschlossen. „Ich habe die Grünen gewählt“, sagt Richter. „Aber hier erleben wir schwarze Politik – da hätte ich auch CDU wählen können.“

„Wenn Sie Venedig zu verwalten hätten, verschwänden alle Brücken.“

Stadtrat Kirchner hält ähnlich energisch dagegen. Keinesfalls sei schon alles entschieden. Fest stehe nur, dass der Bezirk beschlossen hat, die Straße umzubauen, um die Verkehrssicherheit zu erhöhen und Hindernisse für Rollstuhlfahrer und Kinderwagen zu beseitigen. Dabei habe man festgestellt, dass einige Bäume den Plänen im Wege seien – und von den anderen die meisten so alt und marode seien, dass sie höchstens noch zehn bis 15 Jahre hätten, bis sie gefällt werden müssten. Da wäre es doch schöner, eine neue Allee mit rund 90 jungen Bäumen anzulegen. Das sei aber nur ein Vorschlag, entschieden sei noch nichts.

Dennoch bringt das Ansinnen viele der rund 50 versammelten Nachbarn in Rage. Die Stimmung ist ähnlich aufgeheizt wie in den vergangenen Wochen in der Schöneberger Crellestraße, wo eine Gruppe von Bäumen einem Neubauprojekt weichen musste. Hier in Prenzlauer Berg ist die Lage anders, aber die Emotionen kochen trotzdem hoch. „Wir sind doch keine 20 mehr“, schimpft eine Frau. „Wenn die neuen Bäume 30 Jahre brauchen, um groß zu werden, lebe ich vielleicht schon nicht mehr.“ Und Ilja Richter ruft Kirchner zu: „Wenn Sie Venedig zu verwalten hätten, verschwänden alle Brücken.“ Neben ihm wettert ein Mittvierziger mit „Einstürzende Neubauten“-Mütze: „Sie sind ein Handlanger der Immobilienbranche.“

So geht es fast zwei Stunden hin und her, vieles erinnert an den Streit um den Ausbau der Kastanienallee südlich der Pappelallee. Dort sei „die Qualität der Straße verlorengegangen“, sagt ein Anwohner. Kirchner widerspricht und führt auf, was sich in der Kastanienallee verbessert habe. Auch in der Pappelallee baue man doch nicht gegen, sondern für die Bewohner. Deswegen seien weitere Gespräche geplant. Bis Ende des Jahres wolle der Bezirk dann entscheiden, was zu tun ist, um alle Interessen so weit wie möglich zu berücksichtigen. Die Skeptiker überzeugt das nicht. Positiv beeindruckt scheint an diesem Tag nur einer. Der Gehölzsachverständige Guntram Gehler aus Rostock hat die 58 Bäume im Auftrag des Amtes untersucht. „Ich bin überrascht, wie sehr sich der Bezirk bemüht, hier zu vermitteln“, sagt er. Seit 20 Jahren sei er bundesweit im Geschäft, so eine engagierte Verwaltung habe er noch nie erlebt.

Der Umbau der Pappelallee online: www.berlin.de/ba-pankow/verwaltung/tiefbau/pappelallee.html

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