Baumfällungen : Kahlschlag Unter den Linden

13.02.2012 19:19 UhrVon Lothar Heinke
  • 13.02.2012: Am Montag wurden Unter den Linden 54 Bäume gefällt. Und es kommt noch heftiger: Für den Bau der U-Bahnlinie 5 wird der traditionsreiche Boulevard, der für seine Linden... - Foto: Kai-Uwe Heinrich
  • Von „Schande“ bis „Skandal“ reichen die Kommentare der Passanten zu diesem Kettensägenmassaker an der prominentesten Straßenkreuzung der Berliner Mitte. - Foto: Kai-Uwe Heinrich
  • Der ohnehin durch Baustellen und rot-weiße Absperrbaken ruinierte Boulevard wird ohne einen beträchtlichen Teil seiner in ihrer Blütezeit so betörend duftenden Namensgeber nun noch... - Foto: Kai-Uwe Heinrich

Am Montag wurden 54 Bäume gefällt. Und es kommt noch heftiger: Für den Bau der U-Bahnlinie 5 wird der traditionsreiche Boulevard, der für seine Linden bekannt ist, zur Kraterlandschaft.

Sogar die Säge muss heulen, wenn sie sich in das Lindenholz frisst. Ritsch-ratsch, rasch fallen die Äste, dann bohrt sich der Stahl in den Stamm. Diesen singenden, auf- und abschwellenden Ton bei der Fällung von Bäumen kennt man eigentlich nur als kreischendes Echo beim Spaziergang im Wald, aber doch nicht hier, mitten im Getriebe der Stadt, noch dazu in einer Straße, die der Große Kurfürst und der Große Friedrich erfunden haben. Und die Marlene Dietrich unsterblich besang: „So lang noch Untern Linden die alten Bäume blühn, kann nichts uns überwinden, Berlin bleibt doch Berlin“.

Von wegen.

Marlenes alte Bäume, jedenfalls ein Teil davon, werden seit gestern abgesägt, und diese Holzerei, die der einstigen Prachtavenue einen Kahlschlag sondergleichen beschert, verdanken wir dem geplanten Bau einer umstrittenen neuen U-Bahnlinie vom Brandenburger Tor bis zum Alexanderplatz, unter der Spree hindurch. Von „Schande“ bis „Skandal“ reichen die Kommentare der Passanten zu diesem Kettensägenmassaker an der prominentesten Straßenkreuzung der Berliner Mitte.

Der ohnehin durch Baustellen und rot-weiße Absperrbaken ruinierte Boulevard wird ohne einen beträchtlichen Teil seiner in ihrer Blütezeit so betörend duftenden Namensgeber nun noch unansehnlicher. Touristenführer, die noch immer die 1500 historischen Linden-Meter lobpreisen, beschreiben nur noch eine Zeit, die es längst nicht mehr gibt. Sie liegt über 80 Jahre zurück. Heute ist die Staatsoper mit Bauplanen verdeckt, die Staatsbibliothek jahrelang eingerüstet. Das Operncafé: geschlossen. Guggenheim zieht weg. Restaurant „Holyfields“: zu. Zum Brandenburger Tor hin ist der Mittelstreifen gesperrt, wo einst die russische „Aeroflot“ ihre Flüge verkaufte, gähnen leere Schaufenster, und die einstige Polnische Botschaft ist seit Jahren unbewohnt, ein Neubau lässt auf sich warten. Niemand im Senat oder im Bezirk kümmert sich offensichtlich speziell um diese einstige Prachtstraße, gleichgültig verkommt seit langem ein Magnet dieser Stadt.

Die aktuelle Abholzaktion ist nur die Ouvertüre zu einem viel größeren Eingriff ins Leben der „Linden“: Die Operation an der Kreuzung der Friedrichstraße lässt demnächst ziemlich tief blicken, denn der künftige U-Bahnhof Friedrichstraße/Unter den Linden entsteht in offener Bauweise, wegen der 20 Meter tiefen Baugrube müssen jetzt 54 Bäume weichen.

Im Sommer beginnt der Aushub mit fatalen Folgen für den Verkehr an dieser Kreuzung, unter der die  U 6 von Nord nach Süd fährt – diese Linie wird von der neuen Verbindung zwischen Alex und Hauptbahnhof unterquert. Deshalb die 20 Meter Tiefe. Im Jahre 2019 soll unten die neue Linie rollen, oben könnten dann neue Bäume stehen. Doch bis es so weit ist, flanieren wir Unter den gerupften Linden.

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