Berlin : Bebauung des "Erdmannshofs": Streit auf geschichtsträchtigem Grund

Katharina Körting

Ein verwildertes Grundstück in Steinstücken wird aus dem Dornröschenschlaf gerissen. Dem massiven Widerstand der Anwohner zum Trotz hat die Berlin-Brandenburger Niederlassung der "Ruhrtal Immobilien" (RI) mit der Bebauung des "Erdmannshofs" begonnen. Im Dezember wurde die Ruine der Villa abgerissen, schon im Frühjahr waren Bäume gefällt worden. Zurzeit entsteht auf dem 9000 Quadratmeter großen Grundstück eines von rund 20 Einfamilien- und Doppelhäusern.

Dem Baubeginn ging ein Zwist zwischen der im März 2000 gegründeten "Bürgerinitiative Erdmannshof" und dem Investor voraus: Die Mitglieder verteilten Flugblätter und hängten Plakate an Laternen, die Baufirma ließ die Plakate abreißen. Die Anwohner fanden von beiden Seiten Appell-Briefe im Kasten. Ein unbekannter Spaßvogel versprach den Nachbarn gar die CD "Klänge der Stille" sowie eine Großpackung Ohropax und unterzeichnete mit "Ihr freundlicher Großinvestor". "Wir wollen vor allem die Fundamente des Gartenateliers erhalten", sagt der Sprecher der BI Erdmannshof, Stefan Rahmstorf, "dort ist die moderne Architektur entstanden." Denn zu Beginn des 20. Jahrhunderts arbeiteten in dem Gartenatelier Architekten wie Peter Behrens, Mies van der Rohe, Le Corbusier und Walter Gropius.

Der Erdmannshof liegt an der südöstlichen Stadtgrenze im Ortsteil Zehlendorf in der Nähe des S-Bahnhofs Griebnitzsee. Er ist benannt nach dem kaiserlichen Hofbildhauer Erdmann Encke (1843-1896). Dessen Erbe - auch die Architekten waren stets Mieter - hat das Grundstück vor einem Jahr für mehrere Millionen Mark an die RIB verkauft. Das großzügige Wohnhaus und der Park entstanden in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts. Im Jahre 1908 wurde das Haus umgebaut. Peter Behrens gestaltete das Atelier neu. "Wir fordern eine Neuplanung, die dem sensiblen historischen Gelände und dessen Umgebung in Qualität und Bauvolumen angemessen ist, und die einen Wiederaufbau des Gartenateliers auf den vorhandenen Fundamenten beinhaltet", heißt es auf der Internetseite www.bi-erdmannshof.de. Das "berühmte Atelier der Moderne" im Garten sei kulturhistorisch einmalig, ein Wiederaufbau mit vergleichsweise geringem Aufwand möglich, um einen Ort für Ausstellungen und Seminare als "Anziehungspunkt für alle Architektur- und Kulturinteressierten" zu schaffen.

"Das rentiert sich für uns nicht", wehrt jedoch Michael Schröer, Vertriebsleiter der RIB Wohnungsbau in Berlin-Brandenburg GmbH, ab. Man habe die Immobilie nicht erworben,um eine gemeinnützige Kultureinrichtung zu schaffen. Auch die Forderung nach einem öffentlichen Fußgängerweg zwischen Berlin und Potsdam könne die RIB aus dem selben Grund nicht erfüllen. Zwar nutzten Berliner und Brandenburger gewohnheitsmäßig einen Trampelpfad, der über das brach liegende Grundstück führt, "aber das war immer schon Privatgelände", sagt Schröer. Man werde sich nochmals an die Anwohner wenden, um "bei einer Tasse Kaffee miteinander ins Reine zu kommen".

Das dürfte schwer fallen: Weil die Häuser erst dann errichtet werden sollen, wenn ein Käufer fest steht, erwartet die Bürgerinitiative eine zehn Jahre währende Bauzeit inklusive Lärmbelästigung. "Das ist Unsinn", widerspricht Schröer. Er rechnet mit höchstens zwei Jahren, bis das gesamte Gelände vermarktet und bebaut ist. Auch die Vorwürfe der Gegner, es werde gegen Baurecht verstoßen, weist der Investor zurück. Wegen der geschäftsschädigenden Wirkung - ein Käufer sei bereits abgesprungen - droht die RIB mit Strafanzeigen bei weiteren "Lügen, die jemand über uns verbreitet".

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